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| 13:50 Uhr

Kegler
Im Kegelclub sind Frauen Mangelware

Mühlrose. Vor zehn Jahren haben die Mühlroser ihre neue Kegelbahn eingeweiht. Doch für den Wettkampfbetrieb ist sie nicht geeignet. Mit der Umsiedlung könnte sich das ändern.

Dienstags ist in Mühlrose Kegeltag. Ab 18 Uhr treffen sich im Schnitt acht bis zehn Freizeitsportler, um in der modernen Anlage im Vereinsheim dem Kugel- und Kegelsport zu frönen. Insgesamt zwölf Mühlroser und ein Schleifer bilden den „Kegelclub Mühlrose“. Der jüngste Athlet ist Robert Koitschka mit 35 Jahren, der älteste Manfred Kowalick, der 72 Lenze zählt. Frauen befinden sich indes nicht darunter. Das Durchschnittsalter der Athleten bewegt sich nach Angaben von Gerhard Schur bei 60 Jahren. Der Techniker der Mühlroser Kegelbahn zählt inzwischen 66 Jahre. Schur gilt als einziger Sportler, der auch im regulären Spielbetrieb unterwegs ist. „Ich spiele in der I. Mannschaft der TSG Kraftwerk in Weißwasser in der Kreisliga“, erzählt der Mühlroser. Bereits sein Vater habe ihm das Kegel-Einmaleins beigebracht. Seitdem hat es der pensionierte Schlosser, der sein Geld auf der Förderbrücke im Tagebau Nochten verdiente, zum Kreismeister (1982) und zum Senioren-B-Kreismeister (2016) gebracht. Im aktiven Wettkampfbetrieb in Weißwasser steht Gerhard Schur seit genau 40 Jahren.

Anno 1978 wurden in Mühlrose dagegen nur sporadisch die Kugeln auf der Bahn geschoben. „Und zwar beim Maibaumkegeln“, erinnert sich der 66-Jährige. Schon als Kind habe er dort mitgewirkt. „Ich durfte immer die Kegel aufstellen.“ Im Jahr 1982 schlug dann im Heidedorf die eigentliche Geburtsstunde des regelmäßigen Kegelns. Damals ist der alte Kuhstall der LPG, der über viele Jahre leer stand, als Kegelhalle umgestaltet worden. „Das haben die Mühlroser unter Regie der damaligen Bürgermeisterin Rosemarie Noack in Eigenleistung gemacht“, erzählt Gerhard Schur. Damals trafen sich 20 bis 25 Leute, und zwar vom Kind bis zum Senior, um regelmäßig die Kugeln zu schieben. „Es hat uns einfach Spaß gemacht. Und das gesellige Beisammensein pflegen wir bis heute“, sagt der begeisterte Sportler. Kurios: Während in den meisten Lausitzer Dörfern beim Sport der Fußball die erste Geige spielt, ist es in Mühlrose das Kegeln. „Klar gibt es auch bei uns im Dorf Kicker, aber die spielen bei Lok Schleife“, erzählt Ernst-Gerd Paufler, Vorsitzender des örtlichen Kultur- und Sportvereins (KSV). Unter der Ägide des KSV agieren neben dem Kegelclub auch die Seniorensportgruppe sowie die vier Trebendorfer Sportfrauen, die jeden Mittwoch in Mühlrose trainieren.

In den Jahren 2007/2008 entstand im Dorf dank der Unterstützung des Bergbauunternehmens Vattenfall Europe eine nagelneue Zwei-Bahnen-Kegelsportanlage mit der damals modernsten Technik. Diesen Donnerstag hat sich die Inbetriebnahme zum genau zehnten Mal gejährt. Innerhalb von rund dreieinhalb Monaten wurden damals der einstige „Kegel-Kuhstall“ abgetragen und die Anlage neu aufgebaut. Während der Arbeiten stießen die Mühlroser auf ein wertvolles Zeitdokument, das in einer Flasche gefunden wurde. Darin vermerkt der Mühlroser Wilhelm Marusch, geboren am 25. März 1915, in seinem Lagebericht aus dem Jahr 1949, dass „die Russen ihr räuberisches Treiben noch vier Jahre nach Kriegsende weiterführen.“ Außerdem heißt es: „Sie liegen in Spremberg. Frauen dürfen sich in den späten Abendstunden und in der Nacht nicht auf der Straße zeigen, um nicht einer Vergewaltigung ausgesetzt zu sein.“ Noch krasser heißt es in dem Dokument: „Die deutsche Verwaltung besteht nur aus Verbrechern und Nichtskönnern.“ Als zur Jahreswende 2007/2008 der Neubau der Kegelhalle erfolgte, hatten die Mühlroser ebenfalls eine Schatulle im Mauerwerk versenkt. „Darin befanden sich die Tageszeitung und ein paar Münzen“, sagt Ernst-Gerd Paufler. Ob jemand ebenfalls ein Schreiben zur aktuellen Lage einpflegte, lassen die Mühlroser offen.

Heute kegeln die Mühlroser ausschließlich im Freizeitbetrieb. Für Wettkämpfe in der Liga sei die Anlage kaum geeignet. So fehlten unter anderem Umkleideräume und ausreichende Sanitäranlagen. Zudem hätten nur die wenigsten Spieler tatsächlich Wettkampferfahrung. Allerdings wollen die Kegelclub-Mitglieder für eine neue Anlage am Umsiedlungsstandort kämpfen. Mühlrose muss mittelfristig dem Tagebau Nochten weichen. Die Einwohner haben sich für einen neuen Standort nördlich von Schleife ausgesprochen. „Dort wollen wir natürlich eine wettkampftaugliche Anlage“, fordert Gerhard Schur.

Der jetzige zehnte Jahrestag der Eröffnung der Kegelbahn wird indes an diesem Sonnabend, 24. Februar, ab 15 Uhr mit einem Tag der offenen Tür begangen. „Jeder, der Interesse hat, kann sich auf den Bahnen ausprobieren“, lädt Paufler ein. Besonders der Nachwuchs sei herzlich willkommen. Ebenso Frauen, die bei den Keglern von Anfang an stets Mangelware sind. „Kegeln ist keineswegs nur ein Männersport“, stellt Gerhard Schur gleich mal klar.