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| 02:50 Uhr

"Ich brauche Pflege! Und nun?"

Jeder kann im Laufe seines Lebens auf Pflege angewiesen sein. Es ist daher wichtig, sich frühzeitig zu informieren.
Jeder kann im Laufe seines Lebens auf Pflege angewiesen sein. Es ist daher wichtig, sich frühzeitig zu informieren. FOTO: dpa
Weißwasser. Am Anfang brauchte Marion* noch keine Hilfe. Ihr fiel es zwar schwer, in die Badewanne zu kommen und sie hatte Probleme beim Treppensteigen oder beim Saubermachen. Christian Köhler

Am Anfang brauchte Marion* noch keine Hilfe. Ihr fiel es zwar schwer, in die Badewanne zu kommen und sie hatte Probleme beim Treppensteigen oder beim Saubermachen. Aber es war zu schaffen. Allein, besser wurde es nicht. Die alleinstehende Seniorin ist auf Hilfe angewiesen und braucht Pflege. Damit zählt sie zu den laut Statistischem Bundesamt knapp 2,9 Millionen Menschen, die Pflegeleistungen in Deutschland brauchen.

Seit Januar 2017 gelten neue Regelungen zur Pflege. Die drei Pflegestufen wurden durch fünf Pflegegrade ersetzt. Maßstab ist hierbei nicht mehr der Hilfebedarf in Minuten, sondern der Grad der Selbstständigkeit eines Menschen. Für Betroffene, so konstatierte Ralph Beckert, Geschäftsführer des VdK-Landesverbandes Sachsen, "haben sich die Leistungen erhöht." Und auch die Pflegedienste wie das Deutsche Rote Kreuz oder private Unternehmen erhalten mehr für ihre Leistungen von der Pflegeversicherung.

Bei einer Veranstaltung am Mittwoch im Vereinspavillon am Sorauer Platz in Weißwasser informierten der Vdk sowie der Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) zum Thema und darüber, was es zu beachten gilt. Fragen wie "Was bekommen die Angehörigen, die ihren Mann oder ihre Frau pflegen?" oder "Wie kann ich Pflegeleistungen beantragen?" wurden dabei geklärt. Pflegebedürftig, so erklärte Ralph Beckert, sind nach dem Gesetz Menschen, die wegen einer körperlichen, geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung für die gewöhnlichen und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen im Alltag sowie voraussichtlich für mindestens sechs Monate in erheblichem oder höherem Maße der Hilfe bedürfen.

Seit der Gesetzesänderung hat sich für Marion erst einmal noch nicht viel geändert. Sie muss Pflegeleistungen, wie auch schon vorher, beantragen. "Wenn man eine Pflegeleistung benötigt, sollte man sich gut über das Antragsverfahren und die Begutachtung informieren", riet Ralph Beckert. So ist es wichtig zu wissen, wie oft man beispielsweise den Arzt im Monat aufsucht, bei welchen Tätigkeiten Hilfe benötigt wird oder aber welche Therapien oder Medikamente man in der Vergangenheit eingenommen hat.

Marion hat inzwischen bei ihrer Pflegeversicherung - in ihrem Fall ist es gleichzeitig die Krankenkasse - einen Antrag gestellt und nun Post vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) erhalten. "Nun kommt ein MDK-Gutachter vorbei, der den Pflegegrad ermittelt", so Beckert. Dieser wird anhand einer Liste, die verschiedene Module wie Mobilität, Krankheitsbewältigung oder der Selbstversorgung enthält, bestimmt.

Für jede Einschränkung der Selbstständigkeit werden Punkte vergeben, deren Summe den jeweiligen Pflegegrad darstellt. "Bei der Begutachtung der Selbstständigkeit ist völlig unerheblich", so Ralph Beckert, "ob die jeweilige Aktivität überhaupt anfällt, wie groß die Häufigkeit oder der Zeitbedarf ist, welche Erschwernisfaktoren es gibt und welche konkreten Wohnumfeldbedingungen bestehen."

Generell ist dabei wichtig, unterstreicht der VdK-Geschäftsführer, dass das erhaltene Gutachten gelesen wird. "Wer sich darin nicht wiederfindet, sollte sich unbedingt beraten lassen", erläuterte Ralph Beckert. Gerade bei Grenzfällen zwischen den einzelnen Pflegegraden ist eine Beratung zu empfehlen (mindestens 12,5 Punkte müssen erreicht werden, um den Pflegegrad 1 zu erhalten). Per Gesetz ist es übrigens untersagt, dass das Gutachten an die Krankenkassen weitergeleitet wird. Ferner ist es seit Januar Pflicht, dass es den Betroffenen ausgehändigt wird.

Ist der Pflegegrad bestimmt, muss sich Marion nun einen Pflegedienst - oder wie der Gesetzgeber sagt, einen Leistungserbringer - suchen. Dieser ist zumeist bei den örtlichen Krankenkassen gelistet. "Dabei geht es um Vertrauen", beschrieb Ralph Beckert, "aber natürlich auch um Kosten." Kostenvergleiche lassen sich über das Internet und die örtlichen Krankenkassen in Erfahrung bringen. Auch die Deutsche Rentenversicherung - sie bietet in Weißwasser Sprechtage im Rathaus an - hat einen Überblick. Bei der Wahl des Dienstes müsse nichts überstürzt werden, sondern Vergleiche und Transparenz seien wichtig.

Das DRK in Weißwasser zählt beispielsweise zu Leistungserbringern für Pflegebedürftige. Leiterin Simone Wiesner stellte das Angebot am Mittwoch vor.

Grundsätzlich müsse jedoch zunächst unterschieden werden, wer welche Leistungen bezahlt. "Es gibt Leistungen der Pflegeversicherung, der Krankenversicherung, Leistungen, die man aus eigener Tasche bezahlen muss und gesetzlich vorgeschriebene Beratungen", erklärte Simone Wiesner.

Zu Leistungen der Pflegeversicherung - abhängig vom Pflegegrad - zählen beispielsweise die Morgen- und Abendtoilette mit Körperwäsche oder Hilfestellungen beim Verlassen der Wohnung, wenn ein wichtiger Termin ansteht. "Wir bieten aber auch Verhinderungspflegeleistungen an", berichtete Simone Wiesner. Das komme immer dann infrage, wenn der Angehörige, der sonst pflegt, zu einem bestimmten Zeitpunkt dies nicht kann. Krankenkassenleistungen sind beispielsweise die Messung des Blutzuckers oder die Wundversorgung. Als private Leistungen bietet das DRK unter anderem Wohnungsreinigungen.

Wer keinen Pflegedienst in Anspruch nimmt, muss dennoch halbjährlich ein Beratungsgespräch mit einem Pfleger durchführen. "So sieht es das Gesetz vor", so die DRK-Pflegedienstleiterin. Darum müsse sich jeder Angehörige selbst um eine solche Beratung kümmern, sonst kann es zu Kürzungen des Pflegegeldes durch die Kassen kommen.

*Name geändert

Zum Thema:
Zum 1. Januar 2017 wurde ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff in der Pflegeversicherung eingeführt. Das eigentliche Gesetz gilt bereits seit 2015. Damit ist ein neues Begutachtungsverfahren zur Feststellung verbunden. Es wird gefragt, wie die Selbstständigkeit einer Person erhalten und gestärkt werden kann und wobei er Hilfe und Unterstützung benötigt. Mit dem neuen Gesetz sind körperliche und geistige Einschränkungen gleichgestellt.Bereits auf Pflege angewiesene Menschen, die durch das neue Pflegesystem weniger Geld bekommen, sind durch den Bestandsschutz abgesichert. Die Änderungen in der Pflegeversicherung gibt es nicht zum Nulltarif. So ist der Pflegebeitrag zum 1. Januar auf 2,55 Prozent gestiegen. Personen ohne Kinder zahlen ab Vollendung des 23. Lebensjahres nun 2,8 Prozent ihres Einkommens in die Pflegekasse ein.

Das Interesse an der Informationsveranstaltung in Weißwasser in dieser Woche war groß.
Das Interesse an der Informationsveranstaltung in Weißwasser in dieser Woche war groß. FOTO: Christian Köhler