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Hermannsdorf im Wandel der Zeiten

Hermannsdorfer Postkarte aus dem Jahr 1900.
Hermannsdorfer Postkarte aus dem Jahr 1900. FOTO: Foto: privat
weißwasser.. Am östlichen Ende der Görlitzer Straße befand sich dieses kleine Dörfchen mit einem eigenen Gemeinderat und eigenen Kommunalgesetzen. Wer an der Einmündung der Görlitzer in die Rothenburger Straße angelangte, der hat den Ort bereits in seiner Hauptsache passiert. Dazu einige markante historische Daten des kleinen Örtchens. Von lutz stucka


Daten und Fakten
1700. Hermannsdorf wird als Vorwerk der Standesherrschaft Muskau eingerichtet. Das herrschaftliche Wirtschaftsamt verfolgt das Ziel, die Verwertung der eigenen Weideflächen über die Schafhaltung zu intensivieren. Hintergrund ist die lukrativere Nutzung des Großgrundbesitzes. Es wird ein Schafstall und ein kleiner Gutshof, dessen Grundmauern im Jahr 1880 entdeckt wurden, errichtet. Die nötigen Arbeitskräfte, meist Häusler, werden angesiedelt.
In den folgenden Jahren vergrößert sich das Vorwerk zu einem Wohnplatz.
1759.
Eine Karte von Paulus Schenk verzeichnet das Vorwerk erstmals mit einem Schafstall und betitelt es Neu-Weißwasser.
1780.
Der künftige Besitzer der Standesherrschaft Muskau, Graf Hermann von Callenberg, führt eine Umstrukturierung der Verwaltung seiner Herrschaft durch. Er beabsichtigt damit eine umfassende Intensivierung der wirtschaftlichen Nutzung. Kleine unrentable Vorwerke werden aufgelöst und an leibeigene Landbewohner vergeben, die ihrerseits wieder Fronleistungen zu erbringen hatten.
Das wirtschaftliche Risiko wird damit vom Grundherrn auf die Untertanen übertragen. Aber es werden auch neue ökonomische Chancen vergeben. Die neue Siedlung erhielt zu Ehren des Grafen seinen Vornamen Hermannsdorf.
Im Gründungsjahr bestehen hier vier Gärtner (Koslan, Krüger, Hemmo und Wehack) und eine Häuslerwirtschaft (Noack), die aber im Laufe der Zeit ihre Besitzer und somit die Namen wechseln. Es leben zu dieser Zeit 19 Personen im Ort.
1800.
Eine Karte benennt diesen Ort: Collonie Hermannsdorf. Aber auch Neu-Weißwasser - Hermannsdorf ist in Gebrauch.
1815. Das relativ unfruchtbare Land der Hermannsdorfer Bauern, was eigentlich nur für die Schafzucht geeignet ist, erlangt große Bedeutung. Derzeit entsteht eine Glashütte in Jämlitz, wofür das herrschaftliche Wirtschaftsamt nach dem entscheidenden Rohstoff - Glassand (Quarzsand) suchen lässt.
1829. Während einiger Verhandlungen und Beratungen im Schloss Muskau über die Anlage einer zweiten Glashütte wird bekannt gegeben, „. . . dass sich in Hermannsdorf - Neu-Weißwasser - ein mächtiges Lager von weißem Glassand befinde, was sich leicht ins nahe Weißkeißel befördern ließe, wo man am fließenden Wasser eine Glashütte wohl errichten könne.“ Man ist von dem Vorhaben abgekommen, hat den weißen Sand zu Neu- Weißwasser - Hermannsdorf - abgegraben und weiterhin nach Jämlitz und später auch in die Glashütte Tschernitz gefahren.
1850. Auf dem Höhenzug, welcher parallel der späteren Bahnlinie verläuft, befinden sich vier Bauernwirtschaften. Eine fünfte ist am Südrand der späteren Bahnlinie, etwa da, wo heute die Rothenburger Straße letztere überquert, vorhanden. Sie bestehen aus Holzhäusern mit eigenen Brunnenanlagen.
1866. Die Ehefrau des Häuslers Schmidt, eine geborene Koslan, ebenfalls aus Hermannsdorf, verkauft 132 Quadratruthen Acker an die Tschernitzer Glashütte Warmbrunn & Quilitz, die hier eine Glassandgrube anlegt. Vielleicht ist sie Witwe und kann den Abbau und den Transport des Sandes nicht selbst gewährleisten.
Die Hermannsdorfer haben längst den Quarzsandverkauf als lukratives Geschäft erkannt. Sie lassen den spärlichen Ackerbau sein, legen Gruben an, die sich rasch vergrößerten, so dass über Terrassenstufen, auf welche aus drei bis vier Metern Tiefe der Sand mit dem Spaten von unten herauf schrittweise geworfen wurde. Oben angekommen, gelangte er auf einen von Ochsen gezogenen Wagen. Anschließend fahren sie in die Glashütten von Jämlitz und Tschernitz, später auch in die nach Weißwasser und verkaufen ihn dort.
In den Glassandgruben der Bauern Koslan, Krüger und Noack an der Görlitzer und Rothenburger Straße, der besonders hochwertig ist und auch zum Glasschleifen verwendet wird, erfolgt die Reinigung bereits in der Grube. Hier kommt der Sand in langen Trögen mit Wasser in Berührung und wird durch hin- und herbewegen von Holzkrücken gewaschen. Der Bedarf an Glassand wird immer größer, so dass der Hermannsdorfer Vorrat allmählich zu Ende geht. Auch die starke Nachfrage der Weißwasser Glashütten ist nicht mehr voll zu befriedigen.
Nachdem der Quarzsand abgebaut bzw. die Förderung unrentabel geworden ist, wird, weil sich die Glashütten nach reicheren Lagerstätten andernorts umsehen mussten, verkaufen einige Bauern ein Teil ihres Landes zur Anlage von Fabriken. Auf dem Grundstück des späteren Osram-Werkes befanden sich einst die Sandgruben der Gärtner Koslan und Krüger. Westlich davon die Gruben der Gärtner Wehack und Krüger.
1867. Nach der Inbetriebnahme der Bahnlinie Berlin - Görlitz, die die Dorfflur durchquert, wird die in Görlitzer Straße umbenannte Dorfstraße neu verlegt und befestigt. Die Wohnhäuser werden an ihr entlang einheitlich im Stil der Zeit, neogotisch, neu errichtet. Dabei werden sie alle um einige Meter nördlich vom Höhenzug nach unten verlegt.
Die Koslan-Quelle - allgemein bekannt, dass die Muskauer - Bautzener Landstraße die Europäische Wasserscheide zwischen Ost und West bildet, d. h. alle Gewässer, die östlich dieser Straße ihren Ursprung haben, fließen in die Ostsee, alle anderen nach Westen, in die Nordsee.
Der schmale Landrücken, welcher heute die Bahnbrücke in Weißwasser bildet, war vor dem Jahr 1867 eine natürliche Sanddüne. Erst mit dem Bau der Berliner - Görlitzer Eisenbahn wurde diese durchbrochen. Die beiderseits der Sanddüne gelegenen Senken bildeten einst riesige Heideseen.
Gewiss ist, dass die westlich der Bahnbrücke gelegene Senke, die sich bis ins Alte Dorf Weißwasser, an den Bahnübergang nach Halbendorf, hinzieht, den einst größten Heideteich dieser Gegend, den Weißen Jasor oder Weißen See, bildete. Er war ein Rest des Schmelzwassers der letzten Eiszeit, der sich im Laufe der Jahrhunderte allmählich verlandend langsam verkleinerte. Zurück ließ er dabei in den tiefer gelegenen Faltenrinnen des Geländes einzelne, oft dicht beieinander liegende kleine Heideteiche. Bereits im 16./17. Jahrhundert war ein Großteil des flachen Weißen Jasors verschwunden.
Östlich der Bahnbrücke erstreckt sich die Flurmark der ehemaligen Gemeinde Hermannsdorf. Hier entspringt eine Quelle, die noch heute fünf bis sieben Liter Wasser in der Minute zutage bringt. Sie verliert sich bald wieder und wird Bestandteil des Grundwassers. Vor dem Bau der Eisenbahnlinie, im vorigen Jahrhundert, war das nicht so. Diese Quelle bildete einen Bach, der in östliche Richtung, einige kleine Heideteiche speisend, über den Rotwassergraben in die Neiße floss. Diese Quelle, die am Hang hinter der Bauernwirtschaft Koslan entspringt und auf deren Grundstück zutage tritt, wurde eben nach dieser Familie benannt. Als aber die Landdüne über die die Muskauer - Bautzener Straße führt, für den Eisenbahnbau durchbrochen wurde, veränderte sich der Lauf dieses Bächleins. Einige Meter nördlich der Bahnlinie, heute Gartenanlage, gegenüber dem Telux-Glaswerk, zw eigte ein Lauf nach Westen ab. Dieser neue Weg führte an der Bahnlinie entlang, neben dem Gleisbett unter der Bahnbrücke hindurch, über den Bahnhofsvorplatz und mündete hier in den Struga-Quellbach. Dieser Bach entsprang westlich, dicht an der Wasserscheide, am Wohnhaus Fr.-Bodelschwingh-Straße 5, floss die Straße hinab, nahm einen Teil des Wassers der Koslan-Quelle auf und folgte seinem Lauf über mehrere Heideteiche und Zuflüsse nach Neustadt in die Spree. Auf dem heutigen Bahnhofsvorplatz vereinigt, flossen beide Bäche vorbei an der ehemaligen Fleischerei Hentschel (heute Wohngeschäftsneubau an der Straße des Friedens) über den Ziegelei- in den Jahnteich.
Die Koslan-Quelle soll immer sehr klar und rein gewesen sein, denn noch im Jahr 1890 konnte man Frauen beobachten, die in diesem Wasser ihre Wäsche wuschen, berichteten Augenzeugen. Die nahe gelegene Struga-Quelle war zu dieser Zeit, bedingt durch den Bergbau, längst versiegt und das Wasser des kleinen Baches lieferte allein die Koslan-Quelle. Aber nicht nur für die Frauen war dieser Ort ein beliebtes Stelldichein, wo reichlich Neuigkeiten ausgetauscht wurden. Auch zahlreiche Wasserratten sollen hier ihr Unwesen getrieben haben, natürlich respektvoll entfernt am Unterlauf versteht sich.
Heute ist jegliche Spur dieses Bächleins verschwunden, was der Gestaltung der City im Weg stand. Der Bach wurde unter der Bahnhofstraße hindurchgeführt, zum Teil unterirdisch am Nordrand des Platzes vor dem Postgebäude vorbei und entlang der Forster Straße geleitet. Die Bebauung des Bahnhofsvorplatzes war nicht leicht, und noch heute ist bekannt, dass Tiefbaumaßnahmen unter besonderer Beachtung der Grundwasserverhältnisse erfolgen müssen, denn der Baugrund wird von einer starken Wasserader durchzogen.