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Hermannsdorf-Hütte – größte Deutschlands

Weißwasser.. Der bedeutendste Glasunternehmer Weißwassers, Joseph Schweig, gründete mit seinem Sohn, Kaufmann und Chemiker Dr. Martin Schweig, dem Landtagsabgeordneten Rentier Johannes Nischwitz aus Niesky, dessen Sohn, Kaufmann Hugo Nischwitz aus Weißwasser, sowie Hüttenmeister Vinzenz Krebs in Hermannsdorf, einem späteren Ortsteil von Weißwasser, eine Glashütte. Sie sollte die künftig größte und bedeutendste in der Lausitz, sogar in Deutschland, werden. Von Lutz Stucka

Noch bevor die Gründungsformalitäten erledigt waren, wurde, um keine Zeit zu verlieren, mit den Schachtarbeiten begonnen. Auf dem bewaldeten Gelände der Gemeinde Hermannsdorf taten Schweig und Krebs am 10. Februar 1899 den ersten Spatenstich für den Bau ihrer neuen Glashütte. Der erste Mauerstein hingegen wurde am 2. März 1899 gesetzt. Vier Monate später, am 6. Juli 1899, eröffneten die Firmengründer ihr Unternehmen Neue Oberlausitzer Glashüttenwerke J. Schweig & Co. Weißwasser mit der Zielsetzung, besonders elektrische Glühlampen herzustellen. Die technische Leitung erhielt Vinzenz Krebs und die kaufmännische Hugo Nischwitz. Der Plan sah den Bau von vier Glasschmelzöfen vor. Davon wurden zunächst zwei errichtet, von denen der erste am 9. Juni angefeuert und am 12. Juli 1899 in Betrieb gesetzt wurde. Noch bis Ende des Jahres gelang es, die zwei anderen fertig zu stellen. Anschließend, bereits bei laufender Produktion, entstanden die Schleiferei, das Maschinenhaus, die Hafen- und Formenstube und das Verwaltungsgebäude. Diese notwendigen Einrichtungen wurden an anderen Orten genutzt. Die Hafenstube, in der die feuerfesten Behälter hergestellt wurden, die die zähe Glasschmelze im Ofen beinhaltete, hatte Schweig kurzzeitig in seiner Porzellanfabrik untergebracht. Die Formenstube, eine Werkstatt, wo aus Hartholz Glasformen und einiges Werkzeug gefertigt wurden, befand sich in einer Bretterbude auf dem heutigen Marktplatz. Die Ofenbauten und das Verwaltungsgebäude errichtete Maurermeister Robert Schaller aus Weißwasser. Die Familienhäuser, die Schleiferei, die Hafen- und Formenstube und das Maschinenhaus ließ der später nach Berlin verzogenen Baumeister Oskar Oertel erbauen. Die Produktion ers treckte sich anfangs auf die Herstellung von Flaschen und Batteriegläser. Bald wurden auch Akkumulatorenkästen und Artikel für chemische und medizinische Zwecke hergestellt. Hauptprodukte waren vorerst aber zylindrische Glaskolben für die Kohlenfadenlampen. Die derzeit rasche Entwicklung der elektrischen Glühlampe und der kühne Entschluss, sich in dieser Branche vollends zu profilieren, brachte den riesigen Erfolg nach Weißwasser. Der hohe Bedarf an diesem neuen elektrotechnischen Artikel rechtfertigte den bis dahin einzigartigen Aufwand Weißwasser Glasunternehmer. Das Engagement kam nicht von ungefähr, denn die Entwicklung der gebrauchsfähigen elektrischen Glühlampe stand kurz bevor. Das hohe Interesse an diesem Produkt wurde auch dadurch deutlich, dass im Jahr 1901 in diesem Betrieb der Weltkongress der Glasindustriellen tagte. Schweig und seine Mitstreiter nutzten diese sicher einmalige Chance, ihr Werk an die Weltspitze zu führen. Besonders die Allgemeine Elek trizitäts-Gesellschaft in Berlin (AEG) zeigte hohes Interesse für die Glaskolben aus Weißwasser, denn sie waren für ihre elektrischen Glühlampen nötig. So wurde die hohe Bedeutung der Einführung dieser technischen Neuerung schnell erkannt, sollte sie doch die zukunftsweisende Alternative zur herkömmlichen Gasbeleuchtung werden. Die Glühlampe versprach eine hervorragende Entwicklung auf dem noch jungen Gebiet der Elektrotechnik und machte den Zusammenschluss der entscheidenden Firmen zu Produktionsverbänden aufgrund wachsender Konkurrenz aus den USA notwendig. Schweig war von dem Siegeszug der neuen elektrischen Glühlampe derart fest überzeugt, dass er weder Initiative noch finanzielle Mittel scheute, um sich in dieser Branche zu etablieren. Um den sprunghaft wachsenden Bedarf der neuen Glühlampe decken zu können, waren bedeutende finanzielle Mittel notwendig. Schweig hätte si e nicht aufbringen können. Da gab es nur eine Lösung, Vermögen vieler Kleinanleger über die Gründung einer Aktiengesellschaft herbeizuschaffen. Am 28. Januar 1905 vereinigten sich Schweig und Kompagnons neues Glaskolbenwerk in Weißwasser, Vermögensteile der Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft und einem Berliner Handelshaus zu einer Aktiengesellschaft. Die Glashüttengründer um Schweig erhielten als Anteil am neuen Unternehmen Neuen Oberlausitzer Glashüttenwerke J. Schweig & Co. AG insgesamt 1800 Aktien zu 1000 Mark. Als Aufsichtsratsvorsitzender handelte kein geringerer als der spätere Außenminister des Deutschen Reichs, Bankier Dr. Walter Rathenau, welcher gleichzeitig Präsident und Gründer der AEG war. Im Januar 1906 begann der fünfte Ofen mit seiner Glühkolbenproduktion. Am 20. April 1906 gelang es dem Unternehmen, als erste Weißwasseraner Kapitalgesellschaft, ihre Aktien an der Berliner Börse zu etablieren. Noch im selben Jahr wurde die Verkaufsorganisation mit der kaufmännischen Verwaltung vereint und unter Errichtung einer Zweigniederlassung nach Berlin konzentriert. In den Geschäftsberichten war zu dieser Zeit stets zu lesen: „Trotz des erweiterten Betriebes reichte unsere Produktion nicht immer aus, um den an uns gerichteten Ansprüchen zu genügen; es sind deshalb Projekte für größere Erweiterungsbauten in Bearbeitung genommen worden. . .“ Das enorme Wachstum des Unternehmens wurde weiterhin durch den ungedeckten Bedarf der elektrischen Glühlampe bestimmt. Als Antriebsaggregate für Maschinen und Anlagen dienten Dampfmaschinen, die ab dem Jahr 1906 durch Elektromotoren, die effizienter und zuverlässiger arbeiteten, abgelöst wurden. Neben den Glühlampenkolben blieb aber weiterhin technisches Hohlglas, wie Akkumulatorenkästen und Haushaltsglas im Produktionsprogramm. Auch hier war ein Auftragswachstum zu verzeichnen, so dass dafür noch im selben Jahr zwei weitere Öfen gebaut wurden. Im Herbst 1907 gingen der Ofen acht und im darauf folgenden Jahr der Ofen neun in Betrieb.
Auch die die Errichtung eines großen Schleiferei- und Lagergebäudes fiel in diese Zeit. Im September 1909 waren fast 900 Arbeiter an zehn Öfen mit der Glasherstellung beschäftigt. Das Unternehmen konnte in diesem Jahr eine Dividende von 20 Prozent an die Aktionäre auszahlen. Trotz der hohen Gewinne stellte die Unternehmensleitung fest, „. . . , dass es ein Nachteil ist, wenn die Fabrikation weitgehend spezialisiert auf elektrotechnische Gläser für die Glühlampenfabrikation ist. Um den nachteiligen Einfluss eines Rückganges in der elektrotechnischen Industrie entgegenzutreten, glauben wir, unsere Fabrikation verallgemeinern zu müssen, und zwar in der Aufnahme solcher Artikel, deren Auftraggeber anderen Industriezweigen angehören.“ Entsprechend einem Beschluss der Generalversammlung vom 24. November 1909 wurde die Glasfabrik Warmbrunn, Quilitz & Co. in Tschernitz und Berlin käuflich erworben. Gleichzeitig wurde beschlossen, das Unternehmen Neue Oberlausitzer Glashüttenwerke Schweig & Co. Aktiengesellschaft in Vereinigte Lausitzer Glaswerke Aktiengesellschaft umzubenennen. Das Stammkapital wurde um eine weitere Million Mark auf drei erhöht. Den Zuwachs erhielt Dr. Hans Quilitz, alleiniger Inhaber der Firma in Form neuer Aktien für seine Einlage.

Furcht vor Schweigs Praktiken
Die Umwandlung der neuen Schweigschen Glashüttenwerke im damaligen Hermannsdorf in eine Aktiengesellschaft im Jahr 1905 brachte bei den Aktionären einige Befürchtungen mit sich. Ihnen waren die Praktiken von Joseph Schweig, wie er seinen Verwandten und Kompagnon Otto Hirsch ausgebootet hatte und dessen Glashütte anschließend in Konkurs geriet, nicht verborgen geblieben. Sie wollten nicht ähnliches erleben und auf Nummer sicher gehen. Darum forderten sie im Vertrag, harte Bandagen an Schweig und seine noch bestehenden Unternehmen in Weißwasser zu legen. Die Glashüttenwerke Weißwasser AG und die Glashüttenwerke Germania Schweig, Müller & Co. hatten sich mit Beginn des Jahres 1905 zu verpflichten, bis zum 31. Dezember 1920 ihre Produktion an elektrotechnischen Glasartikeln über den im Jahr 1904 gezogenen Umfang hinaus nicht zu erweitern und keine anderen Kunden zu beliefern.
Auch musste sich das Lausitzer Tafelglashüttenwerk F. Thormann & Co. in gleicher Weise erklären, obwohl diese Firma bisher solche Artikel nicht gefertigt hatte. Auch Schweig selbst musste sich im Gründungsvertrag der Gesellschaft verpflichten, „. . . seine sämtlichen jetzigen und etwa noch künftig zu erwartenden Erfahrungen der neuen Aktiengesellschaft zur Verfügung zu stellen, auch persönlich in jeder ihm möglichen Weise dabei mitzuwirken, dass die neue Aktiengesellschaft auch in Zukunft ebenso wie die alte Firma den allgemeinen Bedarf an elektrotechnischen Glasartikeln nahezu ausschließlich deckt.“
Joseph Schweig hatte sich weiterhin zu verpflichten, bis zum 1. Januar 1925 dem neuen Unternehmen weder mittelbar noch unmittelbar selbst Konkurrenz auf dem Gebiet der Erzeugung elektrotechnischer Glasartikel zu machen, sich auch nicht durch Kommanditeinlage oder Aktienerwerb oder als stiller Gesellschafter an einer Firma zu beteiligen, welche elektrotechnische Glasartikel hervor bringt. Bei Zuwiderhandlung wurde eine Strafe von 50 000 Mark festgelegt.

Zeittafel Zügelloser Wettbewerb und Konkurrenzkampf
1902. Der Konkurrenzkampf mit dem Glashüttenwerk Otto Hirsch konnte für das Unternehmen entschieden werden. Es wurde aufgekauft und in die Glashüttenwerke Weißwasser AG (Aktienhütte) umfirmiert. „Die am Wendepunkt des Jahrhunderts getretene Wirtschaftskrise erschwerte weiter die den Leitern des Werkes gestellten Aufgaben. Ein zügelloser Wettbewerb innerhalb der Industrie konnte nur mit allergrößten Schwierigkeiten überwunden werden. Die hinzugekommenen Aufgaben konnten nicht ohne Erweiterung der Hütte erfolgen, was wiederum steigende Ausgaben zur Folge hatte. Es galt, weitere Kapitalien heran zu schaffen, was auf den Schultern des jungen Hugo Nischwitz ruhte. Ein glücklicher Umstand war die Bekanntschaft und Beziehungen zur Firma Abraham Dürninger & Co. Diese Firma gewährte Herrn Nischwitz beachtliche Kredite.“
1. April 1908. Die krisenhafte wirtschaftliche Situation auf dem Glasmarkt bedingt den Ersatz des kaufmännischen Leiters Otto Hofmann durch Prokurist Hugo Nischwitz, Sohn des Hüttengründers Johannes Nischwitz. Der Aufsichtsrat der Firma Neue Oberlausitzer Glashüttenwerke Schweig & Co., AG., Berlin-Weißwasser O/L bestand aus nachfolgenden Herren: Dr. phil. Walther Rathenau, Berlin (Vorsitzender); Paul Mamroth, Kommerzienrat, Direktor der AEG Berlin (Stellvertreter); Dr. Alfred Berliner, Direktor der Siemens & Halske AG, Grunewald; Otto Feuerlein, Direktor der Siemens & Halske AG, Charlottenburg; Alfred Gemuseus, Königl. Sächs. Geh. Kommerzienrat, Herrnhut in Sachsen; Dr. Felix Kallmann, Direktor der Deutschen Gasglühlicht AG, Berlin; Dr. Eduart Mosler, Geschäftsinhaber der Berliner Handels-Gesellschaft, Berlin; Adolf Müller, Direktor der Akkumulatoren-Fabrik AG, Berlin; Johannes Nischwitz, Rentner, Niesky O/L; Hermann Remane, Oberingenieur der Deutschen Gasglühlicht AG, Berlin; Joseph Schweig, Fabrikbesitzer Weißwasser.