ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 19:14 Uhr

Aus dem Tagebau-Revier
Der neue Chef im Süden

 Tagebauleiter Henrik Ansorge an seinem Schreibtisch. An der Wand zu sehen sind Luftbildaufnahmen der beiden Tagebaue Nochten (links) und Reichwalde.
Tagebauleiter Henrik Ansorge an seinem Schreibtisch. An der Wand zu sehen sind Luftbildaufnahmen der beiden Tagebaue Nochten (links) und Reichwalde. FOTO: Regina Weiß
Nochten. Früher wollte Henrik Ansorge immer als Bergmann unter Tage arbeiten. Jetzt leitet er die Tagebaue Nochten und Reichwalde. Von Regina Weiß

Das Bekenntnis fängt beim Frühstück an. Schlägel und Eisen zeichnen sich deutlich auf der Toaststulle ab, bevor sie von Butter und roter Marmelade zugedeckt werden. Für das Muster auf der Stulle sorgt der lila leuchtende Toaster vom FC Erzgebirge Aue. Doch Henrik Ansorge ist kein Fan der Veilchen. „Von Fußball habe ich überhaupt keine Ahnung“, lacht er. Ihm geht es um seinen Berufsstand – die Bergleute. Und da wird eben schon morgens oder eben auch mal beim Gespräch mit der RUNDSCHAU ein Zeichen gesetzt.

Kollegen aus Jänschwalde integrieren

Der 42-Jährige ist seit dem 1. Mai der neue Tagebauleiter für Nochten und Reichwalde. Der neue Chef im Süden hat seine Feuertaufe bestanden. Rund 200 Mitarbeiter aus dem Tagebau Jänschwalde mussten Anfang September innerhalb einer Woche in den sächsischen Tagebauen integriert werden. Hintergrund dafür: Der derzeit laufende Sicherheitsbetrieb im Tagebau Jänschwalde. Keine einfache Aufgabe. „Die Kollegen mussten sich auf neue Örtlichkeiten und neue Kollektive samt Technik einstellen. Eine Förderbrücke ist schließlich nicht wie die andere“, erzählt Henrik Ansorge.

Soziale Härten gibt es auch

Das ist die eine Seite der Medaille. Für die betroffenen Bergleute änderte sich aber noch viel mehr. Familienabläufe mussten umgestellt, Fahrgemeinschaften organisiert werden. Kurz nach 3 Uhr heißt es für manche Jänschwalder Kollegen nun aufstehen, um pünktlich zur Frühschicht in Nochten sein zu können. „Da tun sich auch soziale Härten auf“, weiß Ansorge. Hinzu komme das, was die Bergleute weiterhin umtreibt: Fassungslosigkeit, Wut, Traurigkeit.

Die LEAG geht davon aus, dass das Verfahren zur Flora-Fauna-Habitat- Verträglichkeitsprüfung noch einige Wochen dauern wird. Zehn bis zwölf Wochen heißt es, sei man auf den Sicherheitsbetrieb im Tagebau Jänschwalde eingestellt. So lange müssen die Arbeiter pendeln, die nicht im Sicherheitsbetrieb eingebunden sind und muss aber auch die fehlende Kohle aus dem Tagebau Jänschwalde kompensiert werden.

 Das Bekenntnis zum Beruf fängt bei Henrik Ansorge schon beim Frühstück an. Für das Symbol der Bergleute sorgt ein Toaster vom FC Erzgebirge Aue. Doch Fußballfan ist Henrik Ansorge deshalb noch lange nicht.
Das Bekenntnis zum Beruf fängt bei Henrik Ansorge schon beim Frühstück an. Für das Symbol der Bergleute sorgt ein Toaster vom FC Erzgebirge Aue. Doch Fußballfan ist Henrik Ansorge deshalb noch lange nicht. FOTO: Regina Weiß

Personelle Verantwortung

Mit etwa 28 Millionen Tonnen Braunkohle liefert das Südrevier mehr als die Hälfte der Kohle der LEAG, die jährlich gebraucht werde. Rund 560 Mitarbeiter in der Produktion samt Führungsstab sowie 230 Mitarbeiter in der Instandhaltung sorgen dafür, dass alles läuft und möglichst nichts stockt. Für das Gesamtpaket hat Henrik Ansorge nun personelle Verantwortung.

Der Bad Muskauer ist der erste Bergmann in seiner Familie. Ein Tag der offenen Tür an der Universität in Freiberg sorgte letztlich für seine Berufsentscheidung. Er begann, Markscheidewesen zu studieren. „Doch das war wirklich sehr speziell“, deutet Henrik Ansorge an.

Ehrlicher Berufszweig

Der Blick in die Praxis lenkt ihn schließlich in eine andere Richtung. Praktika führen ihn zur Laubag beziehungsweise unter Tage in die Steinkohle und das Salz. Er wechselt das Studienfach. Er wurde Student der Geotechnik, Fachrichtung Bergbau. Die Professoren bauten persönliche Beziehungen zu den Studenten auf. Gleiches gilt für die Zeit in der Praxis. „Es ist ein ehrlicher Berufszweig. Ich bin sofort aufgenommen worden“, lobt der Tagebauleiter den Zusammenhalt über, aber auch 2000 Meter unter Tage. Das ist prägend: Als Einzelspieler bist du nichts, nur im Team funktioniert Bergbau.

Über Tage

Unter Tage, das wäre genau sein Ding gewesen. Doch es kommt anders. 2002 ist das Studium beendet. 2003 fängt Henrik Ansorge im Tagebau Nochten/Reichwalde an. Ist im Stab, später im Produktionsbereich für die Brücken zuständig. Dann erfolgt der Wechsel in die Hauptverwaltung nach Cottbus. In den letzten acht Jahren hat er als Referent für den Tagebau Welzow-Süd gearbeitet. „Das war sehr abwechslungsreich.“

Das Aufgabenfeld reicht in dieser Zeit von Rahmenbetriebsplänen bis zu Gesprächen in der Stadtverordnetenversammlung oder Einwohnerrunden. Also von technischen Fakten hin zu vielen persönlichen Kontakten. Dies will er auch künftig fortführen. „Man muss die Leute persönlich mitnehmen“, findet er. Es geht ihm um das Erklären, was der Tagebau macht. Dieser kann nicht still arbeiten, aber es werde nach dem Stand der Technik alles Mögliche gemacht, um Immissionen zu reduzieren. 1,5 Kilometer steht der Tagebau derzeit vor Trebendorf.

Dichtwand zur Hälfte fertig

Vom Tagebau Reichwalde bis zur Ortslage Hammerstadt sind es rund 2,1 Kilometer. Dort wird auch weiter an der Dichtwand gebaut. 6185 Meter sind hergestellt. Bei einer geplanten Länge von 11,8 Kilometer Länge ist damit die Hälfte bereits geschafft.

Als Ausgleich zu der vielen Büroarbeit, die jetzt als Tagebauleiter ansteht, schätzt Henrik Ansorge das Familienleben in der Parkstadt und den Muskauer Park als Joggingstrecke und das auf deutscher wie polnischer Seite gleichermaßen. Mit den drei Kindern zusammen werde dann und wann nicht nur geerntet, sondern auch Marmelade gekocht. Eben jene für das Frühstücksbrot. Und es gibt dann noch eine Leidenschaft: das Stollenbacken in der heimischen Küche. Dafür wird extra das Mehl aus Thüringen nach Sachsen importiert.