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| 11:23 Uhr

Schleife
Elf Jahre für Schleife gepowert

Stolz präsentiert Helmut Hantscho seine Sammlung uralter Werkzeuge. Manche reichen noch in die Zeit des ersten Hantscho-Bürgermeisters (Jan Hantscho-Hano) zurück. Seitdem sind über 120 Jahre vergangen.
Stolz präsentiert Helmut Hantscho seine Sammlung uralter Werkzeuge. Manche reichen noch in die Zeit des ersten Hantscho-Bürgermeisters (Jan Hantscho-Hano) zurück. Seitdem sind über 120 Jahre vergangen. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Schleife. Die Hantschos gehören zu Schleife wie die Sorben und die Struga. Mehrere von ihnen brachten es bis ins Bürgermeisteramt. Helmut Hantscho führte das Dorf vom Sozialismus in die Marktwirtschaft. Von Torsten Richter-Zippack

Was waren das für Jahre, damals direkt nach der Wende! Wenn Helmut Hantscho über diese Zeit des Aufbruchs spricht, beginnen seine Augen zu leuchten. Im Mai 1990 war der gebürtige Schleifer zum Bürgermeister gewählt worden. „Nach 40 Jahren war ich der Erste, der tatsächlich aus dem Dorf stammte“, erinnert sich der heute 79-Jährige nicht ohne Stolz.

„Damals saß das Geld lockerer als jetzt.“ Schließlich sei der Modernisierungsbedarf riesengroß gewesen. Beispielsweise in der Schule sowie in der Kindertagesstätte. Dort mussten zunächst die dringendsten Malerarbeiten erledigt werden. Darüber hinaus fädelte Hantscho zu Beginn der 1990er-Jahre den Bau von zwei Buswartehäuschen ein.

Das Jahr 1992 war für die deutsch-sorbische Gemeinde ein besonders gutes. „Damals wurden wir mithilfe des Weißwasseraner Landrates Erich Schulze als sächsisches Förderdorf ausgewählt. Außerdem gab es 3,5 Millionen Mark für die Erschließung des Gewerbestandortes Strugaaue“, berichtet Helmut Hantscho. Das Geld sei vom Dresdener Regierungspräsidium, dem Vorläufer der heutigen Landesdirektion, gekommen. „Klopfen Sie einfach an meine Tür“, habe der damalige Amtsleiter Hantscho geraten. So konnte die Finanzierung relativ zügig und unkompliziert vonstattengehen.

Darüber hinaus musste sich der Bürgermeister um seine 50 bis 60 ABM-Kräfte kümmern. „Arbeit gab es ja genug“, berichtet Helmut Hantscho, der seine wichtigsten Tätigkeiten als Gemeindeoberhaupt in einem handgeschriebenen Manuskript festhalten hat. Die tüchtigen Männer und Frauen hätten nicht nur das Ortsbild in Schuss gehalten, sondern ebenso im örtlichen Wald kräftig zugepackt.

Eines seiner größten Vorhaben sei die Errichtung des Sorbischen Kulturzentrums gewesen. „Wir standen vor der riesigen Aufgabe, den heruntergekommenen Gasthof Eschenburg zu sanieren, zu erweitern und ihm eine neue Nutzung zu geben. „Im Vorfeld gab es gar keine Vorstellung, wie das SKC mal aussehen sollte.“ Für insgesamt sechs Millionen Mark wandelte sich die Gastwirtschaft zum Kulturzentrum. Dieses Jahr jährt es sich zum 20. Mal, dass das SKC eingeweiht wurde. „Wir haben richtig gepowert“, kommentiert Hantscho.

Ein weiteres Mammutprojekt sei die ehemalige Munitionsfabrik, kurz Muna, gewesen. Nach dem Abzug der russischen Streifkräfte im Jahr 1993 wollte ein Berliner Investor dort Klärschlämme entsorgen. Diesem ziemlich windigen Ansinnen, wie es Helmut Hantscho formuliert, sei die Gemeinde zuvorgekommen. Stattdessen wandelte sich die Muna zum Wald. Heute ist von der früheren Nutzung so gut wie nichts mehr zu sehen.

Übrigens: Helmut Hantscho ist nicht der erste Bürgermeister in seiner Familie. Jan Hantscho-Hano (1846 – 1901) war bereits ab 1882 Gemeindevorsteher in Schleife. Helmut Hantschos Sohn Hartmut wollte Anfang der 2000er-Jahre Vater als Bürgermeister beerben. Bei der Wahl unterlag er jedoch mit lediglich 37 Stimmen Unterschied seinem Konkurrenten Hans Hascha. „Ich bin eigentlich ganz froh, dass es nicht geklappt hatte. Denn Bürgermeister ist schon ein ziemlich hartes Brot“, kommentiert Helmut Hantscho.

Der 79-Jährige lebt noch immer auf dem elterlichen Gehöft, das die Hantschos nachweislich bereits im Jahr 1797 bewohnten. Sorbisch wird allerdings kaum noch gesprochen. „Ich verstehe zwar die Sprache, aber im Alltag sprechen wir deutsch.“ Froh sei Hantscho, dass sich seine beiden Kinder für das Sorbische interessieren. Sie engagieren sich im „Kolesko“-Verein, der sich unter anderem Schleifer Traditionen auf die Fahnen geschrieben hat.

Helmut Hantscho hat Zeit seines Lebens in der Landwirtschaft gearbeitet. Sein Heimatdorf musste er fast nie für länger verlassen. „Nur zur Armeezeit und in den Jahren von 1973 bis 1975.“ Damals, so erzählt der Schleifer, war er wegen angeblicher „Schädigung des sozialistischen Eigentums“ zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Immerhin zwei Jahre musste Hantscho im Gefängnis Berlin-Rummelsburg absitzen.

Seit dem Jahr 1978 engagiert sich Helmut Hantscho für die Fortführung der Schleifer Ortschronik. Ab 1990 wurde er als Bürgermeister auch formell dafür zuständig. Den Höhepunkt bildete anno 1997 die Herausgabe der Schleifer Chronik. Auf diesem Werk baut auch die erst Ende Januar 2018 erschienene Chronik des Autors Gerhard Fugmann auf.

Zum jetzigen Bürgermeister Reinhard Bork pflegt Helmut Hantscho ein gutes Verhältnis. Einen Rat will er dem Amtsinhaber jedoch nicht geben. „Während meiner Zeit hatten wir ganz andere Bedingungen. Das lässt sich mit heute kaum vergleichen“, lautet die plausible Begründung.

Stattdessen fröhnt der 79-Jährige regelmäßigen Treffen mit früheren Arbeitskollegen, dem Kartenspiel sowie Haus, Hof und Garten. Und natürlich seiner historischen Landgerätesammlung. Denn die Hantschos waren nicht nur clevere Bürgermeister und Landwirte, sondern auch tüchtige Zimmerleute. Helmut Hantscho ist seit Ende 2017 stolzer Besitzer eines ganz besonderen hölzernen Gegenstandes. Der 79-Jährige wurde nämlich für sein Lebenswerk mit dem „Schleifer Ehrenpreis“ geehrt. Die entsprechende Skulptur schuf allerdings keiner der Hantschos, sondern der örtliche Holzkünstler Thomas Schwarz.