Von Steffen Bistrosch

Gottfried und Alfred Junge sind Brüder. Manche sagen, das sieht man. Wie die Spuren der vergangenen acht Jahrzehnte auf ihren Gesichtern. Es gab schlechtere und bessere Zeiten, nie war es einfach. Die beiden Männer mit den noch immer breiten Schultern und kräftigen Händen sitzen an der Mauer eines Hauses in dem Dorf, in dem sie groß geworden sind. Sie sprechen über Vergangenes, wie den Frieden, den es damals gab.

Gottfried Junge kam im Februar 1934 zur Welt, Alfred dreieinhalb Jahre später. Sie waren sechs Geschwister. Nur die Jüngste wurde nach dem Krieg hier, auf der anderen Seite der Neiße, geboren. Die Älteste ist gestorben. Gottfried kann sich an die Landwirtschaft erinnern, die die Familie versorgte. Andere im Dorf gingen in die Ziegelei zur Arbeit – oder nach Pattag in die Munitionsfabrik. Der Krieg begann unmerklich.

Erst verschwanden die jungen Männer im Dorf, dann kamen Kriegsgefangene. Flugzeuge flogen ostwärts, die Kinder staunten den Maschinen nach. Später kamen Pferdefuhrwerke mit Planwagen. Flüchtlingstrecks. Erst einzelne, dann immer mehr. Von der Oder, so wurde erzählt. Irgendwann schien der Strom nicht mehr abzureißen. Die Front rollte auf Berlin zu. Die Flüchtlinge auf dem Zug nach Westen blieben meist nur eine Nacht. Kleine Orte wie Leippa platzten aus allen Nähten, erinnert sich Gottfried Junge.

Als der Räumungsbefehl der Wehrmacht kam, verletzte sich der Vater so schwer, dass sich die Familie zunächst zum Bleiben entschließen musste. Wegen der einsetzenden Kampfhandlungen floh die Familie in Richtung Sagan. In „Sichdichfür“ lebte die andere Großmutter, in der Nacht hatten sie den ersten Kontakt zu den Russen. Die nahmen die Uhren, Ketten, Ringe, „und alles was glänzt“, sagt Gottfried Junge. Die Familie irrte umher, versteckte sich im Wald, lief abseits der Straßen.

Alfred und Gottfried Junge wissen nicht, weshalb die Familie entschied, ostwärts zu laufen. Die Landstriche, die sie durchquerten, waren verlassen. Die Kriegsfront verharrte hinter ihnen an der Neiße. Der russische Nachschub rollte unentwegt in die Richtung des Geschützdonners. „Etwas auf den Tisch zu bekommen, war das Hauptproblem“, erinnern sich die Brüder.

Irgendwann ging es zurück nach Leippa. Da blieben sie einige Tage, bis die Kampfhandlungen erneut zunahmen. Wieder flohen sie nach Osten. Bei Freiwaldau (Gozdnica) nahmen die Sowjets sämtliche Männer gefangen und sperrten sie in einen Kellerverschlag. Hinter den Gitterstäben sahen die Frauen und Kinder ihre Väter, Männer, Brüder, als sie weiterziehen mussten. Manche zum letzten Mal.

In Halbau (Ilowa) bezogen sie Quartier in einem verlassenen Haus. Das Abendessen wurde zubereitet, als ein Lkw kam und Soldaten von der Ladefläche sprangen. Alle Frauen und Mädchen im Haus wurden bis zum Ende der Nacht vergewaltigt. Das Martyrium und die Hilflosigkeit dieser Nacht ist unauslöschlich in die Köpfe der Kinder eingebrannt. Gottfried Junge spricht leise: „Das kann sich keiner vorstellen.“ Er schüttelt den Kopf und streicht sich dabei über die Unterarme. Zeit der Grausamkeit.

Die Frauen wuschen und kochten jetzt in Hermsdorf (Żaganiec) bei Sagan für die Sieger. Einen weiteren Versuch von Vergewaltigung beendete ein Offizier mit zwei Schüssen im Wald. Jetzt hatten die Frauen Ruhe. „Die Russen behandelten uns gut“, meint Alfred Junge. Der Krieg war zu Ende und Hoffnung kam auf.

Die Familie zog nach Leippa. Unbehelligt. Der Vater kehrte zurück, geflohen aus einem Zwangslager. Im Juni 1945 wurden alle Bewohner aufgefordert, bis zwölf Uhr mit ihren Habseligkeiten auf dem Gut zu erscheinen. „Die Glocken begannen zu läuten, das große Tor ging auf und wir mussten gehen“, erinnert sich Gottfried Junge, „und keiner wusste, wohin“. Zehn Millionen Menschen östlich der Neiße teilten dieses Leid.

Das Läuten der Glocken haben die Brüder heute noch in den Ohren. Sie fanden in Horka eine Gartenlaube. „Vier mal vier Meter“, sagt Gottfried Junge. Dort kamen die fünf Kinder mit Eltern samt Großeltern eine Zeitlang unter. Ohne Wasser und Strom, Bad oder Toilette. Später machten sie in Daubitz Halt. Ihre Nachbarn waren Menschen, die alle alles verloren hatten, wie sie. Aus den Kindern wurden Erwachsene.

Gottfried Junge wurde Schlosser. Alfred Junge machte Abitur, studierte Sport und Russisch. Er, der Zehnkämpfer, schaffte es bis in die Rugbynationalmannschaft der DDR. Von 1961 an unterrichtete er an der Krauschwitzer Schule. Fast 30 Jahre darauf saß er am „Runden Tisch“. Der erste frei gewählte Bürgermeister fragte ihn, ob er bereit sei, Hauptamtsleiter zu werden. Er war es. Und blieb es bis zur Rente.

Begegnung, Aussöhnung und Vergebung und Erinnerung ist seit fünf Jahrzehnten Herzensangelegenheit für ihn. Die Kinder Waltraut, Gottfried, Erika, Alfred, Siegfried und Eva Maria seien die ersten Male noch gemeinsam mit den Eltern Anna und Richard über die Grenze gefahren. Alfred Junge versteht und spricht polnisch. Die Idee, Heimattreffen zu organisieren, sei irgendwann gereift. Die „Alten“ haben sich zusammengetan und gemeinsam gefeiert. Krauschwitzer und Priebuser (Przewosz) sind Partnergemeinden, durch eine Brücke verbunden. Es gab Einladungen, Treffen, Veranstaltungen, sportliche Vergleiche, Austausch zwischen den Schulen und Kindergärten. Alfred Junge wünscht sich, dass die Kontakte intensiver gepflegt würden.

Manche Freundschaften zwischen Hüben und Drüben haben Generationen überdauert. Die Zeit hat vieles genommen, auch Bewohner jener Orte östlich der Neiße. Die „ehemaligen Bewohner“, sagt Alfred Junge. Das Wort „Vertriebene“ mag er nicht. Einhundert Jahre Schule Priebus haben sie noch ganz groß gefeiert. Die Fahne von Priebus habe er damals das erste Mal bei Heinz Rother gesehen. Sie hätten debattiert, was damit geschehen solle. „Als Heinz starb, sind wir uns bewusst geworden, wie endlich die Zeit ist“, sagt Alfred Junge.

Gottfried Junge fragt nach der alten Fahne. Egon Rother hat sie jetzt. Im Krieg und Frieden und im Kampf danach haben die Alten aus „Priebs“ das Stück bunten Stoff versteckt, bewahrt und weitergegeben. Niemand weiß Genaues, kennt Gesichter, Namen, Schicksale. Die Fahne ist ein Symbol, ein Vermächtnis geworden. Gegen Vergessen, für Vergeben und Aussöhnen. Die Brüder sitzen auf der Bank an der Mauer des alten Hauses und denken an die Endlichkeit. Des Gebens, Nehmens und Seins. Die gefurchten Hände im Schoß. Erinnerungen im Kopf. Ein Vermächtnis im Sinn.