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Hebammen zittern um ihre Existenz

Auch das gehört zur Vorsorge einer Hebamme: den Bauch der Schwangeren zu messen.
Auch das gehört zur Vorsorge einer Hebamme: den Bauch der Schwangeren zu messen. FOTO: LR (Archiv)
Weißwasser. Manja Lüppker ist 42 und seit 1993 niedergelassene Hebamme. Sie liebt ihren Beruf, obwohl es ein 24-Stunden-Job ist. Rund 50 Babys verhilft sie im Jahr auf die Welt, und das im Krankenhaus Weißwasser. Manja Lüppker ist eine von sieben Beleghebammen, mit denen das Krankenhaus kooperiert. Gabi Nitsche

Die 42-Jährige ist auf dem Sprung. Nur schnell zu Hause in Gablenz den Einkauf in den Kühlschrank räumen, dann geht's nach Weißwasser in den Kreißsaal. Das erste Kind eines jungen Paares will auf die Welt. Manja Lüppker liebt ihren Beruf, kann sich kaum etwas anderes für sich vorstellen, sagt sie. Doch die gegenwärtige Situation zwingt sie, wohl oder übel darüber nachzudenken. Denn die einschlägigen Versicherungen sind nicht länger bereit, Hebammen zu versichern. Für Mitte 2015 haben diese für den Berufszweig den Versicherungsstopp angekündigt. "Doch ohne Haftpflicht können wir nicht freiberuflich arbeiten."

Für Manja Lüppker und ihre Kolleginnen würde das das Aus bedeuten. Sie selbst müsste ihre Selbstständigkeit aufgeben und würde noch nicht einmal Arbeitslosengeld bekommen, berichtet die Hebamme. Trübe Aussichten.

Deswegen richtet sich ihre ganze Hoffnung auf das Kreiskrankenhaus. Dessen Geschäftsführer Steffen Thiele sieht in erster Linie die Politik in der Pflicht. Er sagt klipp und klar: "Die Krankenhäuser können generell nicht einspringen." Selbst wenn er die Geburten versichern könne, habe die freiberufliche Hebamme noch die Vor- und Nachsorge außer Haus - in der eigenen Praxis oder bei den Frauen zuhause. Deswegen ist nach Auffassung von Thiele eine prinzipielle Lösung notwendig.

Das Krankenhaus Weißwasser hat eine fest angestellte Hebamme. Mit ihr allein lasse sich die Geburtshilfe nicht stemmen. Nun gehe es darum, wie man den anderen Hebammen gerecht werden kann, so der Chef. "Ich habe mich mit dem zuständigen Chefarzt Alexander Wagner verständigt. Wir wollen mit den Hebammen sprechen, ihre Sorgen, Nöte und Vorstellungen, was die Zukunft angeht, einsammeln und dann gucken, was wir für Möglichkeiten haben", sagt Thiele und fügt hinzu: "Ideen gibt es, aber die betreffen nur deren Tätigkeit im Krankenhaus." Man sei sehr um eine Lösung bemüht und habe bereits mit Kostenträgern gute Absprachen geführt. "Aber prinzipiell können wir das Problem nicht lösen."

Vor der Hiobsbotschaft der Versicherer mussten die Hebammen schon in den vergangenen Jahren um ihre Existenzen fürchten. Denn die Haftpflichtbeiträge waren geradezu explodiert. Mit 500 Euro Versicherungsprämie pro Jahr habe sie vor 21 Jahren angefangen. "Jetzt muss ich 5700 Euro bezahlen." Eine Summe, die sich kaum erwirtschaften lasse, sagt Manja Lüppker. Denn das sei ja nicht die einzige Ausgabe, die sie als niedergelassene Hebamme habe. Praxismiete und gesetzliche Rentenversicherung zum Beispiel kommen dazu. Die Rentenversicherung sei einkommensabhängig und liege bei über 300 Euro pro Monat. "Hätte ich mir das Geld all die Jahre unters Kopfkissen gelegt, könnte ich wohl heute im Stehen schlafen …" Rund 1200 Euro blieben ihr bisher zum Leben. Wie viel das künftig sein wird, daran wagt sie gar nicht zu denken. "Der Hebammenverband hat ausgerechnet, dass wir einen Stundenlohn von etwas über acht Euro haben."

Die Gablenzerin berichtet von einem Leistungskatalog, nach dem sie bezahlt werde. "Für eine achtstündige Geburt gibt es zum Beispiel knapp 300 Euro."

Hebamme sein - das mache sie dennoch leidenschaftlich gern. "Obwohl es mit zwei Kindern schwierig ist." Manja Lüppker hat sich vor einigen Monaten von ihrem Partner getrennt, sagt sie. Das sei es nun noch schwieriger. Wenn sie nachts das Handy in den Kreißsaal ruft, übernimmt ihre Mutter das Baby-Fon … Irgendwie finde sich immer eine Lösung. Und die Hebamme vom Krankenhaus springt ein, wenn sie morgens ihre Kinder zum Schulbus oder zur Kita schaffen muss, ist Manja Lüppker dankbar.

Doch Hebamme sein, heißt nicht nur, Frauen bei der Entbindung zu begleiten. Dazu gehört auch eine umfangreiche Vor- und Nachbetreuung. "Einmal die Woche kommen die werdenden Mütter - und meist auch die Väter - zum Schwangerenkurs. Drei bis vier Wochen vor der Geburt besprechen wir diese genauer. Wir reden darüber, was zu tun ist, wenn zum Beispiel die Fruchtblase platzt", zählt die 42-Jährige auf. Sind Mutter und Kind zuhause, bekommen beide regelmäßig Besuch von ihr. Sie schaue dann nicht nur nach dem Rechten, sondern dient diesen mit vielen praktischen Tipps - egal, ob es um das Wohl des Babys oder der Mutter geht. Berufserfahrung eben. In den über 20 Jahren habe sie auch etlichen Geschwisterkindern auf die Welt geholfen. Da entstehe ein Vertrauensverhältnis, das einfach wunderschön sei. "Drei meiner Freundinnen habe ich über meine Arbeit kennengelernt. Und wir verstehen uns einfach prächtig." Dass sich Frauen erkundigen, die ein zweites Kind planen, ob sie denn nächstes Jahr auf sie als Hebamme zählen können, macht Manja Lüppker stolz. "Ich hoffe, dass alles gut ausgeht mit unserem Berufsstand."