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Hausarzt-Versorgung wird zum Notfall

So geht es vielen Patienten ab Mitte März in Weißwasser.
So geht es vielen Patienten ab Mitte März in Weißwasser. FOTO: Fotolia
Weißwasser. Mit einem Schlag praktizieren in Weißwasser drei Hausärzte weniger. Hunderte Patienten sind verzweifelt und auf der oftmals aussichtslosen Suche nach einem neuen Arzt. Doch der Mediziner-Nachwuchs fehlt. Gabi Nitsche

Der 77-jährige Rolf Linke aus Weißwasser ist es leid, von Arzt zu Arzt auf Betteltour zu gehen. Sein Hausarzt, Diplommediziner Holger Fiedler, geht Mitte März in den Ruhestand. "Ich bin völlig verzweifelt, überall wo ich frage, werde ich abgewiesen. Soll ich mir womöglich noch einen Arzt in Polen suchen?", so der Senior. Bei seiner Krankenkasse habe man ihm ein Kärtchen mit einer Telefonnummer in Dresden in die Hand gedrückt, wo er Hilfe erhalten würde. "Die haben mir gesagt, sie helfen nur, wenn es um Termine bei einem Facharzt geht". Nun ist guter Rat teuer.

Rolf Linke ist nicht der Einzige, der ohne Hausarzt dasteht, es sind wohl Hunderte Frauen und Männer. Denn eine Praxis eines niedergelassenen Allgemeinmediziners in Weißwasser hat vor einigen Wochen geschlossen aus gesundheitlichen Gründen des Mediziners. Die nächste Praxis-Schließung steht bevor, und da geht es um eine Doppelpraxis. Denn nicht nur der Facharzt für Allgemeinmedizin Holger Fiedler hört auf. Auch seine Frau Rotraud Fiedler, ebenfalls Diplom-Medizinerin und hausärztlich tätig. Sie ist gleichwohl Fachärztin für Innere Erkrankungen und Diabetologie.

"Seit über einem Jahr sind wir auf der Suche nach Nachfolgern. Dass wir niemanden fanden, macht den Abschied schwer", so die Ärztin. Ihre Fühler streckten Fiedlers längst nicht nur in der Heimatregion aus, sondern sachsen- und brandenburgweit zum Beispiel. "Wir hatten einen Interessenten, aber am Ende war ihm der Weg zwischen Wohn- und Arbeitsort zu weit", bedauert die Ärztin. Doch letztlich könne man es niemandem verübeln, dessen Kinder in die Schule gehen, dessen Familie verwurzelt ist mit dem bisherigen Heimatort. "Und wer heute eine eigene Praxis möchte, der hat sehr viele zum Aussuchen, auch in attraktiveren Gegenden", weiß Rotraud Fiedler. Jeder könne sich beim Blick in die entsprechenden Börsen bei den kassenärztlichen Vereinigungen in den Bundesländern davon überzeugen. Die Weißwasseranerin nimmt an, dass die nachfolgende Generation meist auch gar keine eigene Praxis anstrebt mit Arbeitszeiten bis zu zwölf Stunden täglich, sondern lieber als angestellter Arzt Patienten betreuen möchte. Anders könne sie sich das nicht vorstellen, sind doch die finanziellen Anreize, sich niederzulassen, heutzutage beachtlich. "Wir mussten damals einen Kredit bei der Bank aufnehmen", sie hätten 1991 nichts geschenkt bekommen. "Aber man kann keinen zwangsverpflichten, so ist leider die Situation."

So wie Rotraud Fiedler sieht auch Kollegin Dr. Siegrun Lange, Fachärztin für Allgemeinmedizin in Weißwasser, die Politik in der Pflicht. Denn bei den praktizierenden Hausärzten hier würde es wohl keine freien Kapazitäten mehr geben, neue Patienten aufzunehmen. "Ich habe diese freien Kapazitäten jedenfalls nicht mehr."

Im Durchschnitt behandelt ein Allgemeinmediziner in Sachsen laut ihr vorliegenden Statistiken etwa 1000 Patienten im Quartal. "Bei mir sind es 1600, und bei Dr. Dreier in der Praxis nebenan hier im Ärztehaus an der Lutherstraße noch mehr." Siegrun Lange bestätigt, dass es Anfragen von verzweifelten Patienten bei ihr gebe, aber sie mehr einfach nicht leisten könne. Die Grenze des Machbaren sei längst überschritten. "Dresden muss reagieren, eine andere Lösung sehe ich nicht. Wenn unsere drei Renter-Kollegen ihre Praxen jetzt schließen würden, dann bricht alles zusammen." Denn der dringend gebrauchte Nachwuchs sei nicht da. Sie ziehe den Hut vor den älteren Kollegen in Weißwasser, Krauschwitz und Halbendorf die aus Liebe zu den Patienten und ihrem Beruf immer noch zur Stange halten. "Man muss an die Schulen heran und die jungen Leute an sich binden, die Medizin studieren wollen, ihnen das Studium finanzieren. Natürlich mit der Verpflichtung, anschließend zehn Jahre an diesem Ort als Arzt zu arbeiten. Aber das muss man lenken, und es muss politisch gewollt sein", fordert Siegrun Lange. Sie gehört zu der Generation Ärzten um die 60, deren Berufsleben also auch endlich ist und sich die Arbeitsjahre schlimmsten Falls an einer Hand abzählen lassen. "Hausarzt sein ist ein sehr schöner Beruf. Aber er ist unattraktiv geworden durch Bevormunden, Reglementieren und den bürokratischen Überbau. 30 Prozent meiner Zeit als Hausarzt muss ich irgendwelches Papier ausfüllen", beklagt sie den Istzustand.