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Haftstrafe nach Attacke mit der Eisenstange

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Weißwasser/Niesky. 36-Jähriger in Weißwasser wegen schwerer Körperverletzung verurteilt. Rätsel um gestohlenes Skelett "Hugo" bleibt ungelöst. Christian Köhler

Eine Grenze hat Martin K* im März 2016 überschritten. So drückte es Amtsrichter Ralph Rehm bei der Urteilsverkündung am Dienstag in Weißwasser aus. Mit einer Eisenstange hatte der 36-Jährige vor knapp einem Jahr Frank P.* in einem Treppenaufgang in Niesky verprügelt. P. erlitt eine schwere Kopfverletzung. Dabei habe K. ihn nur zur Rede stellen wollen. "Man kann nicht zuerst zuschlagen und dann reden wollen", entgegnete der Richter. Knapp zwei Monate später hatte Martin K. Autoreifen eines weiteren Bekannten zerstochen.

Der Richter verurteilte K. am Dienstag zu einer Gefängnisstrafe von zehn Monaten. Damit folgte Rehm dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die darauf hinwies, dass der Angeklagte zum Tatzeitpunkt immerhin auf Bewährung war. Eine erneute Aussetzung der Strafe zur Bewährung, wie sie K.'s Verteidiger beantragte, kam damit nicht mehr infrage. "Sie haben so viel Vorstrafen", argumentierte der Staatsanwalt, "wie anders soll man hier noch reagieren?"

Als Zünglein an der Waage galt bei der nun schon zweiten Verhandlung in der Sache K.'s damalige Freundin, die auf ausdrücklichen Wunsch des Angeklagten zur Aussage ins Weißwasseraner Amtsgericht zitiert wurde. Sie hatte, das wurde bei der ersten Verhandlung bereits deutlich, entscheidenden Anteil an beiden Straftaten: In jener Nacht im März war P. bei ihr zu Besuch. "Wir sind schon länger gute Freunde", gab sie an. Als P. dann in den frühen Morgenstunden die Wohnung verließ, begegnete er im Treppenaufgang K., der ihm dort die Eisenstange über den Schädel zog.

Das alles hatte die Freundin von der Wohnungstür aus beobachtet. Laut ihrer Aussage schlug K. zuerst zu. "Er war eifersüchtig", begründete sie den Gewaltausbruch ihres damaligen Geliebten. Mit P. wolle sie indes kein Verhältnis gehabt haben. Wie gelähmt habe sie die Prügelei zur Kenntnis genommen. Noch bevor Polizei und Krankenwagen - vom Opfer gerufen - in jener Nacht eintrafen, habe K. das Blut weggewischt, so die Ex im Gerichtssaal. Sie habe sich dann um ihr Kind gekümmert, das durch den Lärm wach geworden war.

Den Vorwurf der Eifersucht wollte der Angeklagte so nicht stehen lassen. Zwar sei er zuvor bei P.'s Freundin gewesen, "die mich richtig angestachelt hat", aber das Problem sei ein anderes gewesen: K.'s Ex-Freundin und P. seien gemeinsam ohne Wissen des Angeklagten in K.'s Wohnung gewesen. Dort hätten sie mehrere Gegenstände entwendet. Ferner gab K. bei der Polizei an, dass im Keller seiner damaligen Freundin eine Tasche liegt, in der sich ein gestohlenes Skelett befunden haben soll. Dass er das damals aussagte, bestätigte ein Polizist bereits bei der ersten Verhandlung. Von dem Skelett jedoch fehlte in jener Nacht jede Spur.

"Hugo" - so der Name des Skeletts - hatte Anfang des Jahres 2016 für Schlagzeilen in der Oberlausitz gesorgt, als er aus einer Nieskyer Physiotherapiepraxis gestohlen worden war. Anonym gelangte das in einer Stofftasche verpackte Knochengerüst schließlich im vergangenen Sommer wieder zur Inhaberin der Praxis. Was K.'s Freundin und Frank P. damit zu tun hatten, blieb vor dem Weißwasseraner Gericht unberücksichtigt. Laut Medienberichten richten sich jedoch Ermittlungsarbeiten der Görlitzer Staatsanwaltschaft in dem Fall gegen einen 29-jährigen Tatverdächtigen aus dem Raum Niesky.

K. äußerte noch weitere Vorwürfe: So soll "öfter" im Keller der Freundin Diebesgut gelagert haben. Unter anderem nach einem Einbruch in einer Rietschener Fleischerei. "Flachbildfernseher und ein DJ-Equipment gehörten auch zur Beute", so der Angeklagte. Er habe damit nichts zu tun, wollte, dass die geklauten Sachen verschwinden.

Gut zwei Monate nach der Attacke mit der Eisenstange brannten bei K. erneut "die Sicherungen" durch. Die damals 24-jährige Noch-Freundin hatte über K. einen 50-Jährigen aus Pirna kennengelernt. Der wiederum habe die junge Frau und ihren Sohn "zum Wandern in der Sächsischen Schweiz" abholen wollen, wie er im Gericht am Dienstag erklärte. K. habe dies beobachtet und mit einem Messer die Reifen zerstochen, um den Ausflug zu verhindern. "Er hat aus dem Auto auch meine Fahrzeugpapiere, den Schlüssel und weitere Wertgegenstände genommen", sagte der Geschädigte aus. Ihm sei ein Schaden von mehr als 200 Euro entstanden. Die "Beute" habe er einige Stunden später von K.'s Ex-Freundin wiederbekommen. "Mich hat es gekränkt, dass er mit dem Kind auf der Schulter mich so hämisch angrinste", begründete K. seinen Ausraster. Weil er selbst aus Pirna stamme - der Liebe wegen war er nach Niesky gezogen - sei er schlicht enttäuscht von seinem Bekannten gewesen, dass dieser mit seiner Freundin habe davon ziehen wollen.

"Ich wollte doch nur meinen Kopf freibekommen", gab wiederum die Freundin an. Sie habe in der Zwischenzeit sowohl mit Martin K. als auch mit Frank P. gebrochen, sei von Niesky nach Horka gezogen und wolle mit alldem nichts mehr zu tun haben.

Auch K. ist in der Zwischenzeit wieder nach Pirna gezogen. Habe, so erklärte er im Gerichtssaal, eine neue Freundin gefunden und sei bereits bei ihr eingezogen. Dies, so erklärte K.'s Verteidiger Christian Penning in seinem Schlussvortrag, lasse den Schluss für eine positive Sozialprognose zu. "Ja, mein Mandant hat mehrere Vorstrafen, aber wegen einer Körperverletzung ist er noch nie verurteilt worden", so Penning. Erstmalig stehe er wegen eines solchen Deliktes vor Gericht. Darüber hinaus habe er nun die Taten eingeräumt und sich geständig gezeigt. "Ich möchte eine Bewährung", forderte Penning.

Darauf ließ sich Staatsanwalt Sven Handke nicht ein. "Alle ihm vorgeworfenen Taten haben sich so bestätigt", sagte er. Und "außerdem steht ihr Mandant unter Bewährung." Dieser Einschätzung folgte schließlich auch Amtsrichter Ralph Rehm. "Es besteht kein Zweifel an den Taten", erklärte der Richter. Es bliebe ihm nichts anderes übrig, als "hier ein Signal zu setzen, dass ein solches Verhalten vom Staat nicht toleriert wird". Ob K. die zehnmonatige Haftstrafe antreten muss, ist jedoch derzeit offen, da das Urteil noch nicht rechtskräftig ist. Der Verteidiger deutete an, Rechtsmittel gegen das Weißwasseraner Urteil einlegen zu wollen. *Namen geändert