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,,Größtes Dorf in Deutschland''

Weißwasser. Für die Stadtrechtverleihung von Weißwasser vor 75 Jahren war nur eine neue, in lediglich in zwei Sätzen verfasste Neuregelung entscheidend. Diese befanden sich in der Durchführungsverordnung zum vorläufigen Gemeindeverfassungsgesetz von 1933. Hier wurde unter anderen festgelegt, welche Gemeinden (Dörfer) früherer Art sich jetzt Stadt nennen dürfen und welche nicht. Von Lutz Stucka

“Wenn die Mehrheit der im Ort lebenden Menschen einer landwirtschaftlichen Tätigkeit nachgehen und somit dem Reichsnährstand angehören, bleibt diese Kommune ein Dorf. Anderenfalls wird sie eine Stadt, wenn die Einwohner sich überwiegend industriell betätigen.„

Darüber hinaus war festgelegt, dass alle Städte, die den Status zuvor schon besaßen, diesen auch behalten durften. Eine Prüfung erfolgte hier nicht. Rechtskräftig war dieses neue Reichsgesetz jedoch noch nicht.

Es passte alles Weißwasser hatte, als damals ,,größtes Dorf Deutschlands'' geltend, unter dieser neuen Gesetzlichkeit keinerlei Probleme, den Titel ,,Stadt'' zu erhalten, zumal auch der kommunale Landbesitz und die Einwohnerzahl überaus reichlich und damit passend waren.

Am 24. März 1934 verfügte der Landrat in Rothenburg, dass Weißwassers Bürgermeister einen erneuten Antrag zur Verleihung der Stadtrechte stelle, noch bevor das neue Reichsgesetz in Kraft tritt. Der hohe Beamte wollte sicher gehen, nichts dem Zufall überlassen und für sein Mittun bei den Weißwasseranern ein gutes Ansehen erringen. Gewiss war es auch in seinem Interesse, dem jahrelangen Hickhack um die Stadrechte für Weißwasser schnellstens ein Ende zu setzen. In Weißwasser dachte man natürlich nicht anders und reichte schnellstens - am 9. April 1934 - eine neue Bewerbung in hohem Niveau beim Oberpräsidenten ein.

Am 30. Januar 1935 kam es dann endlich, es wurde die einheitliche für alle deutschen Länder gültige ,,Deutsche Gemeindeordnung'' als Reichsgesetzgebung verabschiedet und am 1. April 1935 in Kraft gesetzt.

Als der Regierungsbote die Verfügung in Form eines amtlichen Schreibens an Bürgermeister Paul Petow übergab, war eine große Erleichterung zu verspüren. Endlich, nach solch langer Zeit der vielen Rückschläge und Enttäuschungen, war das Ziel erreicht. Doch wollte bei den Beteiligten keine rechte Freude aufkommen. Man war enttäuscht von dem früheren bürokratischen Werdegang, aber wiederum erfreut über das einfache und problemlose Handeln der neuen Regierung.

Es sollte keine große Feier geben, entschieden die Räte, auf eine schlichte Festveranstaltung jedoch konnte nicht verzichtet werden.

So ganz ohne Probleme ablaufen konnte es gerade im NS- Regime nicht. Die Herren Stadtoberhäupter waren zumeist Mitglieder der NSDAP und zu dieser Zeit fand in Nürnberg der Nazi-Reichsparteitag statt. Ein Fernbleiben von dieser Großveranstaltung war undenkbar und völlig ausgeschlossen. Das Stadtwerdungsfest muste also verschoben werden, wofür nicht jeder Verständnis hatte.

Schulmann Heinrich Küllmann, der vom Bürgermeister die Aufgabe erhielt, als Stadtchronist Weißwassers Geschichte zu erforschen, um dabei besonders urgermanische Spuren zu entdecken, sollte die Festrede halten.

Am 21. November 1935 versammelte sich ein erlesenes Publikum im großen Saal des ,,Haus der Deutschen Arbeit'' (Volkshaus) in der Görlitzer Straße zur Feierstunde anlässlich der Stadtrechtverleihung von Weißwasser.

Der Festredner Heinrich Küllmann sprach und bemerkte in seiner Laudatio, dass archäologische Funde bei Ausgrabungen am Braunsteich und am Trebendorfer Weg bekundeten, dass germanische Siedler noch vor der Zeitenwende hier lebten. “Der Ortsname Weißwasser sei urgermanisch und von den nachfolgenden Siedlern übernommen worden„, behauptete er.

Man hörte besonders in einschlägigen NS-Kreisen gern, dass Weißwasser germanische Wurzeln habe, denn es war festgelegt worden, dass alle sorbischen Ortsbezeichnungen in der Stadt und der Umgebung gegen deutsche Namen ersetzt werden sollten.

Einen ,,völkisch-germanischen'' Ursprung, in einem sorbischen Siedlungsgebiet zu besitzen, war zu damaliger Zeit enorm wichtig.

Küllmann erläuterte, dass die im Jahr 1933 entdeckte frühzeitliche Grabstätte auf der Braunsteichhalbinsel vermutlich von einer Besiedlung des indogermanischen Stammes der Illyrer zeugte. Im Dritten Reich wurde dieser als ältester hier siedelnder indogermanischer Stamm favorisiert, dessen Siedlungsgebiet von Norden, von der Ostsee her, weiter nach Südosten reichen sollte. Gleichzeitig wurde ihm zugesprochen, Begründer der urgermanischen Tradition in der Lausitz zu sein.

Spätere historische Forschungen dementieren diese Ansichten aus den dreißiger Jahren und schreiben dem Stamm keinerlei Siedlungstätigkeit in der Lausitz zu.