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Görlitzer Jugendstil-Kaufhaus vor Sanierung

Das Kaufhaus wurde im Jugendstil erbaut und bis zum 15. August 2009 als Warenhaus betrieben. Das Haus diente 2013 als Filmkulisse für den mit vier Oscar ausgezeichneten Film "The Grand Budapest Hotel".
Das Kaufhaus wurde im Jugendstil erbaut und bis zum 15. August 2009 als Warenhaus betrieben. Das Haus diente 2013 als Filmkulisse für den mit vier Oscar ausgezeichneten Film "The Grand Budapest Hotel". FOTO: Frank Hilbert
Görlitz. Viele Menschen kennen das Görlitzer Jugendstil-Kaufhaus durch den preisgekrönten Film „The Grand Budapest Hotel“. Derzeit steht es leer, aber die Bau-Planungen für das denkmalgeschützte Gebäude machen Fortschritte. Kann im Frühjahr mit der Sanierung begonnen werden? Miriam Schönbach

Staunend betrachten die beiden fränkischen Touristen den Glashimmel des Görlitzer Jugendstilkaufhauses, das lichtdurchflutete Vestibül und schließlich die vergoldeten Säulen der Balustraden. Was entsteht hier gerade? Aus dem Kaufhaus wird ein Kaufhaus, sagen Projektleiter Jürgen Friedel und Geschäftsstellenchef Christoph Springer. Ganz einfach ist das allerdings nicht. Seit vier Jahren verfolgt Investor Winfried Stöcker inzwischen das Projekt. Gerade hat das Team die Baugenehmigung und die Sanierung des mehr als 100 Jahre alten Gebäudes im Görlitzer Rathaus beantragt.

Das Jugendstilkaufhaus aus dem Jahr 1913 ist Sinnbild für das mondäne, fortschrittliche Görlitz um 1900, als die Stadt ihre Einwohnerzahl innerhalb kürzester Zeit auf über 80 000 Menschen erhöhen konnte. Das berühmte Berliner Kaufhaus Wertheim diente damals dem Potsdamer Architekten Carl Schmanns als architektonisches Vorbild.

Gleichzeitig gilt das derzeit leergezogene Gebäude mitten in der Stadt als Projekt für die Zukunft. "Das wiedereröffnete Warenhaus soll mit einer Verkaufsfläche von 20 000 Quadratmetern Kunden aus dem Dreieck Dresden, Breslau und Prag anziehen", sagt Geschäftsstellenleiter Springer. Auch Stadtentwickler Hartmut Wilke sieht darin eine Chance für Görlitz. "Aus unserer Sicht kann das ein Zeichen der Revitalisierung der Innenstadt zur lebendigen Stadtmitte werden."

Es liegt also viel Hoffnung in dem Projekt. KdO, Kaufhaus des Ostens, sagen schon einige Görlitzer in Anspielung auf das weltbekannte Berliner KaDeWe.

Bevor die Bauarbeiter die Regie übernehmen können, wird hinter den Kulissen geplant. Projektleiter Friedel steigt die Treppe hinauf. Ein Millionenpublikum kennt sie aus der mehrfach mit dem Oscar ausgezeichneten Film "The Grand Budapest Hotel". Hollywood-Regisseur Wes Anderson drehte den Film von Januar bis März 2013 in der Stadt. "Hier stand die berühmte Rezeption. Drei Monate brauchten die Kulissenbauer für die perfekte Illusion", sagt Friedel. Erst kürzlich habe er wieder einen Film-Scout durchs Haus geführt.

Seine Hauptaufgabe aber ist es, den Baustart vorzubereiten. Heiz- und Belüftungstechniken werden getestet, das Lichtkonzept ausgefeilt. Derzeit laufe die Detailplanung für den Brandschutz und die Statik. Bei der Sanierung soll das Kaufhaus vom Kellergeschoss, wo es einen Lebensmittelmarkt geben soll, bis zur Dachetage erschlossen werden. Oben angekommen öffnet Friedel ein Fenster. Der Blick reicht bis ins polnische Riesengebirge.

Während sich Friedel um Bauplanung und Abstimmung mit den Behörden kümmert, plant Geschäftsstellenchef Springer, was verkauft werden soll. Wie ihr künftiges Sortiment angenommen wird, will das Team in einem Modehaus am Postplatz testen. Noch ist das Geschäft Baustelle, nächstes Frühjahr soll es eröffnet werden. "Wir wollen signalisieren, dass wir dazugehören. Mit unserem Angebot wollen wir den Einzelhandel stärken", sagt der Kaufmann. Für beide Häuser spricht er nicht nur mit verschiedenen Anbietern, er sucht auch schon nach Fachpersonal.

Nachwuchsförderung betreibt das Kaufhaus-Team auch für junge, internationale Designer. Bereits zum zweiten Mal soll der "Euro Fashion Award" Modemachern den Weg von Görlitz auf die große Modebühnen ebnen. Zum Wettbewerb wird am 21. April 2018 eingeladen, mit ihm verbinden sich Preisgelder von 60 000 Euro. "Die erste Auflage war ein Erlebnis - die wunderbaren Entwürfe in der Kulisse des ehemaligen und zukünftigen Kaufhauses. Nach dieser Veranstaltung würden wir gern mit der Sanierung beginnen", sagt Friedel.

Ein paar Passanten betrachten die großen Schaufenster. Die beiden Touristen bummeln weiter. Das Görlitzer Rathaus dämpft den Optimismus, was einen Termin angeht. Baustart im Frühjahr 2018? Derzeit sei der Antrag auf die Baugenehmigung noch unvollständig, könnte aber mit den notwendigen Unterlagen vervollständigt werden. "Wir sind uns einig, dass es keine unklärbaren Differenzen gibt, aber noch viele Aufgaben", sagt Oberbürgermeister Siegfried Deinege (parteilos).

Das Jugendstilkaufhaus in Görlitz

Am 30. September 1913 eröffnet der Neubau unter dem Namen "Kaufhaus zum Strauß". Die Entwürfe für den Bau stammen von Potsdamer Architekten Carl Schmanns (1880-1960).

Nach erfolgreichen Jahren übernimmt 1929 der Karstadt-Konzern das Haus. Es folgten schwierige Jahre während des Weltkriegs.

In der DDR gehen die Görlitzer ins "Centrum Warenhaus" einkaufen, dass zur Handelsorganisation (HO) gehört.

Nach der Wende kommt 1991 Karstadt zurück, gliedert das Haus wieder ein und saniert das Gebäude für über 20 Millionen Mark.

Als 2004 die erste Krise den Konzern erschüttert, wird das Haus mit 72 weiteren ausgegliedert und zusammen mit dem alten Markennamen Hertie an einen britischen Finanzinvestor verkauft.

Mit dessen Insolvenz-Anmeldung wird das Görlitzer Haus 2009 geschlossen.

Der Mediziner und Unternehmer Winfried Stöcker aus Lübeck, geboren in der Oberlausitz, erwirbt 2013 das Jugendstil-Kaufhaus.