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Denkmalpflege
Görlitz sucht Lösungen für sein ältestes nicht kirchliches Haus

Im Fortbildungszentrum des Handwerks wurden traditionelle Techniken der Holzbearbeitung gelehrt.
Im Fortbildungszentrum des Handwerks wurden traditionelle Techniken der Holzbearbeitung gelehrt. FOTO: Uwe Menschner
Görlitz. Wie kann die Handwerker-Fortbildung im Waidhaus weiter betrieben werden? Die Stadt arbeitet nach dem Ende der anonymen Millionenspenden für die Pflege des kulturellen Erbes an einem neuen Konzept. Von Uwe Menschner

Die Stadt Görlitz steht vor einem Dilemma, das andere Städte womöglich als Luxusproblem bezeichnen würden: Wie soll es mit der Pflege des kulturellen Erbes weitergehen, nachdem der anonyme Millionenspender seine jährlichen Zahlungen eingestellt hat? Diese Problematik umfasst mehrere Aspekte, die der für Kultur und Bau zuständige Bürgermeister Dr. Michael Wieler (parteilos) benennt: „Wie soll die Altstadtstiftung, die die Spenden bisher verteilt hat, zukünftig arbeiten und den Gedanken des Denkmalschutzes weitertragen? Wie kann das Handwerker-Fortbildungszentrum im Waidhaus nach dem Rückzug der Deutschen Stiftung Denkmalschutz weiter betrieben und finanziert werden? Und wie können die teils überfüllten Depots, welche die untere Denkmalschutzbehörde betreibt, eine sachgerechte Lagerung gewährleisten?“

All diese Aspekte sollten nach Wielers Auffassung einheitlich betrachtet und einer Lösung zugeführt werden. Ein entsprechendes Konzept unter dem Arbeitstitel „Görlitzer Kulturerbewerkstatt“ stellte der Bürgermeister dem Görlitzer Stadtrat auf dessen jüngster Sitzung erstmals vor.

Dieses sieht zunächst vor, dass die Altstadtstiftung künftig das Waidhaus betreiben soll: „Damit erhält die Stiftung eine neue Aufgabe, die mit ihrer alten Zielsetzung korrespondiert.“ Die Betreibung des Waidhauses solle auf mehreren Feldern erfolgen. Vorstellbar sind laut Michael Wieler „eine ganzjährige touristische Nutzung mit kostenpflichtigen Besichtigungen und/oder Führungen, eine Verkaufsausstellung aus dem Bestand der Depots, Weiterbildungen und Vermietungen der Seminarräume.“

Damit wäre auch die künftige Nutzung der für die „Handwerkerfortbildung im Denkmalschutz“ eingerichteten Werkstätten gesichert. Diese Fortbildung liegt seit dem Ausstieg der Deutschen Stiftung Denkmalschutz aus der Finanzierung im Jahre 2015 auf Eis. Die Stadt Görlitz hat im Jahre 2016 „das Waidhaus in ihren eigenen Liegenschaftsbestand übernommen, um eine Insolvenz des ,Görlitzer Fortbildungszentrum für Handwerk e.V.’‘ zu vermeiden“, wie der Bürgermeister erklärt. Immerhin handelt es sich um das älteste nicht kirchliche Gebäude der Stadt Görlitz, das eng mit der Geschichte der Görlitzer Tuchmacherei verbunden ist.

Um die Gesamtproblematik aufzulösen, bringt Michael Wieler noch ein weiteres, derzeit nahezu ungenutztes Gebäude ins Spiel: Die unweit am Neißeufer gelegene Hirschwinkelturnhalle. Die vom Hochwasser 2010 an dem denkmalgeschützten Art-déco-Gebäude angerichteten Schäden sind bis heute nicht behoben. Lediglich im Obergeschoss konnte sich der Görlitzer Boxverein eine Trainingsstätte einrichten.

„Eine staatliche Förderung von Baumaßnahmen an der Hirschwinkelhalle wurde dauerhaft ausgeschlossen. Über den für eine Sanierung aus Eigenmitteln erforderlichen Betrag verfügt die Stadt absehbar nicht“, weiß der Bau-Bürgermeister und präsentiert eine Lösung, die auf einen Schlag gleich mehrere Probleme behebt: „In der Hirschwinkelhalle soll ein zentrales Lager- und Schaudepot eingerichtet werden.“ Dadurch könne die unbefriedigende Unterbringung des Kulturgutes in den bisherigen Depots verbessert werden. Gleichzeitig habe man eine Nutzungsmöglichkeit für die Hirschwinkel-Turnhalle, für die es keiner grundlegenden Sanierung bedarf. Das Depot könne durch Führungen für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Noch sind diese Pläne Zukunftsmusik: Der Stadtrat hat mit seinem Beschluss den Oberbürgermeister erst einmal beauftragt, „auf Basis des Konzeptentwurfes ein Betriebskonzept für die Görlitzer Kulturerbewerkstatt zu erarbeiten und vorzulegen“.

Eine wichtige Rolle im Konzept zur Zukunft der Görlitzer Denkmalpflege spielt die so genannte Hirschwinkelturnhalle.
Eine wichtige Rolle im Konzept zur Zukunft der Görlitzer Denkmalpflege spielt die so genannte Hirschwinkelturnhalle. FOTO: Uwe Menschner