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| 01:06 Uhr

Glas wird klarer – durch Biergenuss!

weißwasser.. Ungewöhnlich schnell entwickelte sich die Industriesiedlung um die Bahnstation in der Nähe des Dorfes Weißwasser. In den Hinterhöfen der rasch entstehenden Wohnhäuser wurde geschlachtet, gebacken, gehandelt und Bier ausgeschenkt. Zu dem wenige Meter entfernt gelegenen Eisenbahnhaltepunkt gesellten sich zwei Gasthäuser, die der alten Schänke an der Straße nach Muskau, dem späteren Kino, keinen Abbruch taten. Von lutz stucka

Schnitter-Bieretikett einer Malzversion aus dem Jahre 1946.Aktenzeichen XY ungelöst. Die Gebäude der ehemaligen Schnitter-Brauerei sind dem Verfall preisgegeben.Es kamen immer mehr Leute nach Neu-Weißwasser, wie der junge Ort hier nun genannt wurde, um nach Arbeit und wirtschaftlichem Aufstieg zu suchen. Nicht nur die Reisenden, vor allem die Glasmacher und die anderen Handwerker, dürsteten nach getaner Arbeit sehr. Im Winter war die Arbeit in den Glashütten am warmen Ofen, wenn es draußen klirrend kalt war, eher angenehm. Aber im Sommer, bei über 30 Grad Celsius Grad Außentemperatur, konnte man es am Glasofen fast nicht aushalten. Es war eine schwere schweißtreibende Arbeit, wo immer viel getrunken werden musste. Da bei den Glasmachern bekannt war, dass Bier am besten wieder ausgeschwitzt werden konnte, stand in der Nähe ihres Arbeitsplatzes ein kleines Fass gefüllt mit diesem Getränk. Mehrere Werkstellen teilten sich da hinein. Somit hatte jeder nach getaner Arbeit etwa zwei bis drei Liter getrunken, aber ohne sonderlich alkoholisiert zu sein. Das Bier wurde von den hiesig en Brauereien als so genanntes „Glasmacherbier“ extra leicht gebraut. Sogar einen produktionstechnisch bedeutsamen Nebeneffekt sollte das Biertrinken während der Arbeit haben. Das Glas wurde durch das Einblasen des biergeschwängerten Atems besonders blank, war man sich einig. Es lag wohl am Alkohol, denn aus einer Tafelglashütte war bekannt, dass der Hüttenmeister den Glasmachern, die große Zylinder für Fensterglas ausblasen mussten, höherprozentigen Alkohol verabreichte. Die Glasscheiben sollten dadurch besonders klar werden. Oft führte das aber zu nichts Gutem, denn die eingeteilte Flasche war schneller leer als die Arbeitszeit dauerte. Das anfangs aus Muskau herbeigeschaffte Bier floss in Strömen und reichte nur selten. Da hatte der Einwanderer Gustav Linke die Idee, im Hintergebäude seines Wohnhauses direkt an der Bahnbrücke eine kleine Brauerei zu betreiben. Im Jahr 1886 begann er in seiner eben gegründeten Braustätte zusätzl ich mit der Montage von Schank- und Syphonapparaten, welche die Gaststuben für ihren Betrieb benötigen. Der Bierausschank wurde im Ort zu einem der wichtigsten Gewerbe. Gustav Linke und Sohn Johann bemühten sich nach Kräften, den ständig wachsenden Bedarf zu decken. Ihre Bierproduktion reichte bald nicht mehr, und sie mussten den Betrieb erweitern.
Zu dieser Zeit, um 1900, begannen auch auswärtige Großbrauereien, sich in Weißwasser nach Möglichkeiten der Errichtung von Abfüllstationen, Verlagen oder Vertretungen umzuschauen. Damit der Gemeinde eine ihrer wichtigsten Einnahmequellen nicht verloren ging, wurde am 1. Juli 1896 das kommunale Biersteuergesetz rechtskräftig. Danach mussten Gastwirte und Bierhändler für jeden verkauften Hektoliter Lagerbier 50 Pfennige Steuern an die Gemeinde zahlen.
Um 1890 begann der Häusler und Brauer Ferdinand Adolphi am Weg von der neuen Industriesiedlung am Bahnhof nach dem Dorf Weißwasser, die heutige Berliner Straße, Bier zu brauen. Gastwirt Hermann Merle ließ zehn Jahre später gleich neben dieser Braustätte ein Gasthaus errichten und übernahm auch das kleine Unternehmen mit Braumeister Adolphi. Bald stand hier ebenso die Frage, eigenes gebrautes Bier anzubieten. Weil es sich um dünneres Glasmacherschankbier handelte, konnte es nicht erst aus Muskau herbei geschafft werden, denn hier gab es höherprozentiges Lagerbier der Haltbarkeit wegen auf dem Transport. Das Glasmacherbier musste vor Ort gebraut werden, denn es sollte recht frisch und immer ausreichend vorhanden sein. Nur wenige Jahre nach der Jahrhundertwende war Braumeister Adolf Böhme in Merles Brauerei für die Vortrefflichkeit des Glasmachergetränks zuständig.
Im Jahr 1902 gründete die „Görlitzer Aktienbrauerei“ in der Nähe des späteren Osram-Glaswerkes am Kaiserplatz eine Niederlage, die sich auf dem Territorium des noch nicht eingemeindeten Hermannsdorf befand. Die kontroverse Biersteuererhebung beider Gemeinden, in Hermannsdorf gab es keine, begünstigte die Standortwahl der Görlitzer. Den Besitzer der Brauerei an der Bahnbrücke, Gustav Linke, zwangen wirtschaftliche und auch private Gründe, kurz nach der Jahrhundertwende seine Brauerei an Gregor Locke vom Burglehn Muskau zu verkaufen. Das benachbarte, mit zum Unternehmen gehörige Gasthaus „Zum Kronprinzen“ verpachtete er an den Gastwirt Wilhelm Neuling. Aber auch Gregor Locke war kein Erfolg beschieden, er gab 1908 auf und reichte die Brauerei an seinen Braumeister Vieluf weiter. Vieluf betrieb das Unternehmen unter der neuen Bezeichnung „Lagerbierbrauerei Hermann Vieluf“ mit wechselndem Erfolg einige Monate weiter.
Den Weißwasseranern war es leid, denn dieses Hin und Her spiegelte sich auch in der Bierherstellung wider. Um auf ihren Gerstensaft nicht einmal mehr einmal weniger verzichten zu müssen, nahmen sie die Geschicke selbst in die Hand. Im Jahr 1909 kauften mehrere ortsansässige Unternehmer die Brauerei und gründeten die „Genossenschaftsbrauerei eGmbH zu Weißwasser“ . Die neue Brauereigenossenschaft wollte hoch hinaus. Sie begann noch im selben Jahr mit dem Bau des mehrstöckigen, noch heute vorhandenen Brauereigebäudes.
Die schlechte wirtschaftliche Lage während des Ersten Weltkrieges hatte zur Folge, dass Hermann Merle seine Brauerei an die Genossenschaftsbrauerei Weißwasser verkaufen musste. Im Jahr 1920 konnten die 50 Genossenschaftsmitglieder einen guten Umsatz feststellen und somit sogar 15 Prozent Dividende auszahlen. Trotzdem, Gründe sind nicht bekannt, wurde das Unternehmen im Jahr darauf an die Engelhardt Brauerei AG Berlin verkauft. Die neue Bezeichnung lautete: „Engelhardt - Brauerei AG Berlin, Abteilung VII Weißwasser“ . Geschäftsführer wurde Diplombrauingenieur Otto Schnitter. Die gesamte Bierproduktion in Weißwasser lag nun in den Händen der Engelhard-Brauerei. Das Schützenhaus wurde gekauft und die ehemalige Brauerei Merle geschlossen. Nur das Gasthaus unter dem späteren Namen „Zum Schnitterkrug“ wurde weiter betrieben. Das später nach dem Braumeister benannte „Schnitter-Bier“ begann in Weißwasser seinen Siegeszug.
Oft hörte ich alte Bierkenner sagen: „Görlitzer Landskron-Bier trinke ich notgedrungen, nur wenn das ,Schnitter' mal ausgegangen ist“ . Auch das ab Mitte der siebziger Jahre gebraute Bockbier war eine echte Rarität und schwer zu bekommen.

zeittafel Schnitter-Biere, gute Biere . . .
27. Februar 1914. Gegen Mittag, bei klirrender Kälte, vernehmen einige Weißwasseraner, die sich in der Nähe der Straße nach Bautzen aufhalten, ein ungewöhnliches Motorengeräusch. Von einem Personenkraftwagen kann das nicht stammen, war man sich einig. Denn hin und wieder durchfährt mit einem solchen Gefährt Graf Arnim auf dem Weg von und nach Muskau den Ort, das war bekannt. Aber zu dieser Jahreszeit? Wohl kaum! Auch war das Motorengeräusch ein anderes, es klang viel dumpfer und kräftiger. Bald aber konnten sie den Verursacher erkennen, der da aus Richtung Nochten heran kam. Es war ein großes Automobil, einem Pferdelastwagen gleich, aber eben ohne Pferde. Am Tag darauf erscheint die Nachricht in der Presse für alle, es war eine kleine Sensation: „Erstmals wird in Weißwasser ein Lastzug, bestehend aus Motorwagen und Anhänger registriert. Es ist ein Gefährt der Görlitzer Aktien-Brauerei.“ Mit diesem Wagen werden Bierfässer in die Niederlage am Marktplatz gebracht. Hier werden sie zum Teil in Flaschen abgefüllt und mit eigenen Pferdewagen noch bis Mitte der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zu den Gaststätten und Verkaufsläden gefahren.
1915. Zeitungsverleger Emil Hampel und Klempnermeister Paul Cyrus sind Vorstände der Genossenschaftsbrauerei an der Bahnbrücke. Aufsichtsratsvorsitzender ist Lebensmittelhändler Hermann Albrecht von gegenüber. Im Jahr darauf tritt für Klempnermeister Cyrus Braumeister Hermann Vieluf ein.
1929. In allen schlesischen Brauereien wird gestreikt, so auch in der Engelhardt-Brauerei, Abteilung Weißwasser, aber glücklicherweise nicht lange.
1935. Die Brauerei-Abteilung in Weißwasser erhält einen neuen Namen: Engelhardt Brauerei, Schnitter & Co.
14. Juni 1945. In der Brauerei an der Bahnbrücke wird nach dem Krieg das erste Bier ausgeliefert. Die Engelhard Brauerei Abteilung erhält im Jahr darauf einen neuen Namen: „Schnitter Brauerei KG Weißwasser“ . Nach einigen Jahren sind wieder 54 Mitarbeiter beschäftigt.
1961. Die Erzeugung von alkoholfreien Getränken wird besonders in der Parkbrauerei Bad Muskau in großem Maß aufgenommen. In Kooperation mit der Schnitter-Brauerei KG Weißwasser soll diese enorme Produktionssteigerung erreicht werden.
1962/63 In der Schnitter-Brauerei werden umfangreiche Rekonstruktionsmaßnahmen durchgeführt. Hergestellt werden Schnitter-Hell und Pilsner Bier.
1969. Die Schnitter-Brauerei wird in den „VEB Vereinigte Getränkebetriebe Cottbus, Betrieb Brauerei Weißwasser“ aufgenommen.
Mitte der siebziger Jahre. Die Schnitter-Brauerei gehört zum VEB Gertränkekombinat Cottbus, Niederlage Weißwasser. Es wird das länger lagerfähige Spezialbier „Karat“ hergestellt. Die Brauerei erhält eine weitere Zuordnung und handelt zusätzlich als Verleger des „VEB Landskron-Brauerei Görlitz im VE Getränkekombinat Dresden, VEB Getränke Weißwasser“ .
1990. Es wird in der nun „Brauerei Weißwasser“ die Sorte „Herren-Pils“ neu ins Programm aufgenommen, die dem westlichen Standard entspricht. Dieses Bier kommt aber nur für etwa ein Jahr in den Handel, denn der Betrieb wird darauf geschlossen.