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| 02:56 Uhr

Gewalt-Vorwurf gegen Erzieherin nicht haltbar

ARCHIV - Eine Erzieherin liest am 16.10.2013 mit Zwillingen ein Buch in einer Kindertagesstätte der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Hannover (Niedersachsen). Die von einer Volksinitiative geforderte dritte Betreuungskraft in allen niedersächsischen Kindertagesstätten, Krippen und Horten würde rund 530 Millionen Euro pro Jahr kosten. Foto: Julian Stratenschulte/dpa (zu lni "Landesweite dritte Kita-Kraft würde 530 Millionen pro Jahr kosten" vom 21.03.2014) +++(c) dpa - Bildfunk+++
ARCHIV - Eine Erzieherin liest am 16.10.2013 mit Zwillingen ein Buch in einer Kindertagesstätte der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Hannover (Niedersachsen). Die von einer Volksinitiative geforderte dritte Betreuungskraft in allen niedersächsischen Kindertagesstätten, Krippen und Horten würde rund 530 Millionen Euro pro Jahr kosten. Foto: Julian Stratenschulte/dpa (zu lni "Landesweite dritte Kita-Kraft würde 530 Millionen pro Jahr kosten" vom 21.03.2014) +++(c) dpa - Bildfunk+++ FOTO: Julian Stratenschulte (dpa)
Weißwasser. Laut Anklageschrift soll eine Erzieherin aus Weißwasser in der Kita Weißkeißel gleich drei Kindern bewusst Schmerzen zugefügt und sie dabei verletzt haben. Im Laufe der Verhandlung vor dem Amtsgericht in Weißwasser jedoch zeigte sich, dass an den Vorwürfen nicht viel dran war. Daniel Preikschat

Viel lernen über die Psyche von Kindern konnten am Montag Besucher der Verhandlung vor dem Amtsgericht in Weißwasser. Und das, obwohl sie die drei Kinder aus der Kita Weißkeißel, die als Zeugen angehört wurden, gar nicht sehen konnten. In einem kleinen Nebenraum, eingerichtet wie ein Kinderzimmer, wurden die Fünf- und Sechsjährigen von Richterin Sybille Adamsky, Staatsanwältin und Rechtsanwalt befragt. Fragen von einer Wichtigkeit, die den Kleinen noch nicht bewusst war, galt es zu klären: Wurden sie von der Angeklagten, die im großen Verhandlungssaal nebenan saß, gezielt verletzt oder nicht?

Zu Beginn der Verhandlung hatte die Staatsanwältin verlesen, was sich in der Kita "Feuerwehr Felicitas" 2012 und 2013 angeblich zugetragen hat. So soll eines der drei Kinder von der Angeklagten umgestoßen, dem zweiten Kind von ihr der Arm verdreht und dem dritten eine Spielzeugkiste auf die Finger geworfen worden sein. Würde sich das bestätigen, wäre die 35-Jährige aus Weißwasser wegen Körperverletzung in zwei Fällen und wegen schwerer Körperverletzung in einem Fall zu verurteilen.

Was die Kinder auf behutsames Nachfragen hin antworteten, fasste Richterin Adamsky im Anschluss im Verhandlungssaal zusammen. Nur auf wiederholtes Nachfragen hin hätten sie in etwa die Tatvorwürfe bestätigt. Offenbar aber nur, um es den Erwachsenen recht zu machen. Erinnerungen seien dabei mit Fantasie vermischt worden, außerdem Widersprüche und Abweichungen im Vergleich zu den Aussagen der Kinder gegenüber der Polizei festzustellen gewesen, sagte Sybille Adamsky. Je mehr man nachfragte, desto mehr veränderte sich auch die von den Kindern erzählte Geschichte. Als Grundlage für eine Verurteilung reiche das nicht.

Die Richterin sprach von fehlender "Aussagekonstanz" der Kinder, die in diesem Alter auch völlig normal sei. Die zeichnete aber auch Aussagen der Hauptbelastungszeugin aus. Die Mutter eines der drei Kinder, die auch die Anzeige erstattet hatte, berief sich bei der angeblichen Gewalttat gegen ihren Sohn auf Beobachtungen einer Kita-Mitarbeiterin. Die habe ihr erzählt, die Angeklagte habe einen Tisch gegen ihren Sohn gestoßen, sodass er in seinem Stuhl hintenüberfiel und sich wehtat. Vor Gericht als Zeugin angehört jedoch widersprach dem die Kita-Mitarbeiterin. Das Kind sei samt Stuhl lediglich sanft umgelegt und dann wieder aufgerichtet worden. Nur um zu demonstrieren, was beim Kippeln auf zwei Stuhlbeinen passieren kann. Die Mutter, noch einmal als Zeugin aufgerufen und darauf angesprochen, änderte schnell ihre Aussage. Nun war es ein Kind, das ihr das mit dem Sturz auf dem Stuhl erzählt habe.

Insgesamt stellte Richterin Sybille Adamsky fest: "Ein schuldhaftes Verhalten der Angeklagten lässt sich hier nicht nachweisen." Zumal die Erzieherin in der Kita eine 18-köpfige Gruppe zu betreuen hatte. Da komme es selbstverständlich vor, dass bei einem Ausflug ein Kind auch mal am Arm festgehalten werden muss. Wenn der sich dann verdreht, sei das keine Körperverletzung, wie der Erzieherin vorgeworfen wurde. Auch könne es durchaus mal passieren, dass einem Kind beim Aufräumen eine Spielzeugkiste auf die Hand fällt, ohne dass man von gefährlicher Körperverletzung sprechen kann. Dazu, ergänzte die Staatsanwältin, müsste die Kiste gezielt als Tatwerkzeug eingesetzt worden sein. Am Ende waren sich Verteidiger, Staatsanwältin und Richterin einig: Freispruch.

Den gab es im Juni bereits für eine andere Erzieherin der Kita, die ebenfalls von Eltern angezeigt wurde. Auch bei der Verhandlung damals gab es aus Sicht des Richters für einen Übergriff keinen Beleg. Der Erzieherin wurde vorgeworfen, ein Kind kopfüber geschüttelt zu haben, um ein Erbrechen herbeizuführen. Vorher sei das Kind so gefüttert worden, dass es sich verschlucken musste.

Nach Ende der Verhandlung am Montag gratulierten Eltern, Angehörige und Kollegen der Angeklagten zum Freispruch, die aufgrund der angeblichen Vorfälle in der Kita seit fast einem Jahr beurlaubt ist. Andere Eltern konnten den Freispruch nicht nachvollziehen und diskutierten noch mit der Staatsanwältin.