Manfred Richter ist seit Jahren im Ruhestand. In Krauschwitz kennt ihn fast jeder. Immerhin ist er über Jahrzehnte alleiniger Mediziner in der Gemeinde gewesen. Heute beschäftigt den 91-Jährigen noch immer die ärztliche Entwicklung in Krauschwitz, an der er selbst Anteil hat. Mühselig und akribisch stellt er die Fakten zusammen. Darum ist er von mehreren Krauschwitzern gebeten worden und hat dabei auch auf Berichte von Einheimischen zurückgegriffen.

Vor ziemlich genau 100 Jahren – Anfang März 1920 – hat der erste approbierte Mediziner der Gemeinde, Dr. Franz-Hubert Schmitz, seine erste Praxis im damaligen Ort Keula im späteren Gemeindeamt eingerichtet. Maßgeblich verantwortlich dafür war die Keulahütte, die ihm das Gebäude zur Verfügung stellte. Mit 38 Jahren ist er nach Keula gekommen, hatte zuvor als Sanitätsoffizier im Ersten Weltkrieg gedient und war dort in russische Gefangenschaft geraten.

Große Probleme in Krauschwitz nach dem Ersten Weltkrieg

„Die psychischen und physischen Belastungen im Nachkriegsdeutschland müssen schlimm gewesen sein“, schätzt Manfred Richter ein, „und auch die Ernährungslage war katastrophal.“ Überliefert ist, dass sich noch 1920 der Mediziner Schmitz seine Leistungen mit Eiern bezahlen ließ, weil Patienten im Zuge der Kriegswirren kein Geld hatten. Auch ein Rezeptschein ist erhalten, der während der Inflation auf einem 50 Millionen Markschein geschrieben ist.

„Hausbesuche mussten damals mit dem Fahrrad gemacht werden. Bei Geburtskomplikationen ist Dr. Schmitz zum Beispiel mit einer Karbidlampe am Fahrrad nach Skerbersdorf geradelt“, beschreibt Manfred Richter die Erinnerungen des Sohnes von Schmitz. Erst 1926 hat Dr. Schmitz ein Auto bekommen, was für die kleine Gemeinde sicher eine Sensation gewesen ist.

Die Bevölkerung litt bis Ende der 1920er-Jahre an den Nachkriegsfolgen. Tuberkulose, Geschlechtskrankheiten, Diphtherie oder viele tödliche Kinderkrankheiten grassierten. „Impfungen gab es damals nur gegen Pocken“, berichtet Manfred Richter.

Erst in den 1930er-Jahren ist Schmitz in die Muskauer Straße gegenüber von der ehemaligen Tankstelle in Krauschwitz umgezogen. Dort hat er sich ein Haus errichten lassen. Tag und Nacht ist der Arzt für die Einwohner da gewesen. Rettungswagen oder Sanitäter wie heute gab es damals nicht. Schmitz starb 1940 an einer Leberzirrhose.

Ein neuer Arzt kommt 1940 nach Krauschwitz

Mitten im Zweiten Weltkrieg hat 1940 ein junger Arzt, er hieß Willy Porscha, die Arbeit in Krauschwitz aufgenommen. Er stammte aus Schlesien, genauer aus der Grafschaft Glatz. In Lugknitz hatte sich in jener Zeit Dr. Alexander Kehrer niedergelassen, sodass zwei Ärzte östlich und westlich der Neiße zwischen Muskau und Klein Priebus für die Versorgung der Bevölkerung verantwortlich waren. Wie sich herausstellen sollte, war Willy Porscha der geborene Landarzt. „Er begeisterte sich für Naturheilkunde, weshalb er in der Keulahütte auch eine Sauna einrichten ließ“, beschreibt Manfred Richter.

Zuvor allerdings hatte Porscha mit Kriegsende vielerlei Aufgaben zu erfüllen. So hatte er etwa ein Lazarett in Weißwasser einrichten müssen. „Ich denke, er muss sehr deprimiert gewesen sein, denn die vielen Flüchtlinge vor der Roten Armee waren völlig ausgehungert. Helfen konnte er da wenig“, beschreibt Manfred Richter.

Tatsächlich hatte es, so berichten Historiker, zahllose Todesfälle beispielsweise wegen Unterernährung gegeben. Wegen fehlender Medikamente hatten die Kinder in dieser Zeit kaum Überlebenschancen. „Er empfahl zum Beispiel Bäder in Kiefernadelsud zur Bekämpfung von Rheumaleiden“, weiß Manfred Richter.

Vertriebene aus Schlesien werden in Krauschwitz sesshaft

Mit der Grenzziehung an der Neiße haben nach 1945 viele Vertriebene aus Schlesien zu einem Bevölkerungsanstieg in Krauschwitz beigetragen. Das Versorgungsgebiet erstreckte sich für die Ärzte zwischen Jämlitz und Klein Priebus. Als 1955 Dr. Willy Porscha als Kreisarzt nach Zittau gegangen war, war für 14 000 Menschen Dr. Fritz Ehrlich aus Muskau zuständig.

Erst 1956 bezog Dr. Wolfgang Elsner die spätere Zollvilla in Muskau und half bei der medizinischen Versorgung der Bevölkerung. Übrigens heißt die Stadt erst seit 1961 Bad Muskau.

In Krauschwitz gab es unterdessen seit 1955 keinen Arzt. Manfred Richter war zu jener Zeit dabei, sein Staatsexamen und die Approbation als Arzt abzulegen. „Ich habe bei meinem Pflichtassistenzjahr in der Chirurgie in Muskau gearbeitet, war auch vier Monate in Spremberg“, erinnert sich Richter.

Die Keulahütte Krauschwitz macht sich stark für einen Arzt

Wiederum war es die Keulahütte, die sich für einen Arzt in Krauschwitz stark gemacht hat. „Zunächst hatte mich mein Vater angesprochen, der in der Keulahütte als Eisenformer arbeitete, dann kam auch die Werksleitung auf mich zu. Ich habe natürlich zugestimmt.“

In der Muskauer Straße in Krauschwitz hatte Richter zunächst eine Praxis, von 1960 bis 1972 bezog er eine Praxis in der Schäferstraße in der Gemeinde. Neben der eigenen Praxis teilte er sich ab 1960 bis 1967 die Arbeit als Kurarzt in Bad Muskau mit dem dort ansässigen Mediziner, bot Sprechzeiten als Kinderarzt an und war Betriebsarzt der Keulahütte. Immer habe er dabei den Wunsch gehabt, dort die Arbeitsverhältnisse zu verbessern.

„Es ergab sich, dass das Direktionsgebäude der Keulahütte frei wurde, weil ein neuer Sozialtrakt gebaut wurde“, erinnert sich Manfred Richter. Er und der damalige Werkdirektor Horst Krautschick wandten sich an den Rat der Gemeinde. In der Gesundheitskommission, in der Vertreter des Rates, der Keulahütte, der Firma Kreisel, die Diakonissenschwester Martha und eben Manfred Richter saßen, wurde beraten. Ziel war es, eine moderne Praxis einzurichten.

Krauschwitz bekommt ein Landambulatorium

Das wiederum war nicht so einfach, denn die Umsetzung war nicht Bestandteil des Planes der SED für diese Jahre. Genauso wenig übrigens wie der Bau des Schwimmbades oder des Helmut-Just-Stadions in Krauschwitz in dieser Zeit. Trotzdem ist der Umbau zum Landambulatorium erfolgt, und verbesserte fortan die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten in Krauschwitz – mit Labor, Apotheke, Zahnarztarbeitsplätzen, Physiotherapie und zwei Arztpraxen.

„In der Schäferstraße hatte ich etwa 1000 Patienten zu versorgen, hinzu kamen noch 300 bis 400 in der Keulahütte, das war schon sehr anstrengend“, bekennt Richter. Hinzu kamen Arztbesuche an Wochenenden oder Notfälle spät in der Nacht.

Im neuen Ambulatorium war es zunächst nicht weniger anstrengend. „Da ich damals für alles zuständig war, war ich 1970 im Grunde sehr erschöpft“, bekennt Richter. Umso größer war die Freude, als 1975 Dr. Karl-Peter Lippold nach Krauschwitz kam. Er ist noch heute im Ort als Hausarzt tätig, versorgt ebenso viele Patienten wie Richter einst. 1982 ist Manfred Richter nach Weißwasser gegangen und arbeitete als Kreisjugendarzt.

Auszeichnung für Engagement Krauschwitz hat zwei neue Ehrenbürger

Krauschwitz

Die medizinische Versorgung in Krauschwitz hat sich verbessert

Richter ist damals von Dr. Klaus Büchner ersetzt worden. „Wenn ich heute zurückdenke, muss ich schon sagen, es ist vieles bei der medizinischen Versorgung in Krauschwitz besser geworden“, sagt Manfred Richter. Damals gab es keine Handys, bei Arztbesuchen war der Mediziner auf sich gestellt. Bei schweren Krankheitsfällen, etwa bei Schlaganfällen, musste er allein handeln.

Heute sind Dr . Olga Grez und Dr. Lippold für die Versorgung in Krauschwitz zuständig. Als Kinderärztin ist Cordula Schartel im Dienst. Während ihre Vorgänger sowohl mit den Folgen der Weltkriege und später mit den Verhältnissen in der DDR zu tun hatten, beschäftigen die Mediziner heute ganz andere Probleme. Aber das wäre wieder ein ganz eigenes Kapitel.