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Generationswechsel auf dem Erlichthof

Anita Szonn (v.l.n.r.), Tochter Claudia, Köchin Carina Buhler, Kellnerin Claudia Schönig und Harald Szonn vor dem Forsthaus am Erlichthof Rietschen. Die Familie gibt zum dritten Advent die Gaststätte ab. Den Pachtvertrag wollen die Szonns nicht verlängern.
Anita Szonn (v.l.n.r.), Tochter Claudia, Köchin Carina Buhler, Kellnerin Claudia Schönig und Harald Szonn vor dem Forsthaus am Erlichthof Rietschen. Die Familie gibt zum dritten Advent die Gaststätte ab. Den Pachtvertrag wollen die Szonns nicht verlängern. FOTO: Köhler
Rietschen. Familie Szonn gibt nach 20 Jahren das Forsthaus ab. Bei der Touri-Information gehen Ende 2018 drei Mitarbeiter in den Ruhestand. Christian Köhler

Kurt John, Mitglied des Fördervereins Erlichthof, hat es bei "LR vor Ort" im Rietschener Kino bereits an Bürgermeister Ralf Brehmer (Freie Wähler) herangetragen: "Es steht ein Generationswechsel auf dem Erlichthof an", sagt er, "und darum müssen wir uns langsam kümmern." Das, so entgegnet der Bürgermeister, sei ihm bekannt. Und der Generationswechsel kommt in einem ersten Schritt schneller als gedacht. Familie Szonn, die seit gut 20 Jahren das Forsthaus betreibt, gibt ihre Gaststätte samt Pensionsgebäude kurz vor Weihnachten ab.

"Der Erlichthof hat unser Leben verändert", sagt die als singende Wirtin bekannte Anita Szonn schon ein bisschen wehmütig. Besagter Kurt John nämlich hatte 1994 bei den Szonns geklingelt und gerufen: "Ihr habt den Zuschlag". Seitdem stand fest: Die gesamte Familie wird ins Gaststättengeschäft einsteigen. "Und ohne unsere Familie und die beiden Töchter wäre es oft gar nicht gegangen", bestätigt Anita Szonn.

"Aber nach 20 Jahren Gaststätten- und Pensionsbetrieb muss man aufhören, wenn es am besten ist", fügt Harald Szonn an. Er und seine Frau Anita wollen zum Ende des Jahres in den wohlverdienten Ruhestand gehen - und dabei "eigentlich nur die Straßenseite wechseln". Denn Szonns wohnen direkt gegenüber der eigenen Gaststätte, sind vor 57 Jahren in ihr Wohnhaus eingezogen und haben den Bau und die Entwicklung der Erlichthofsiedlung hautnah miterlebt. "Und auch mitgestaltet", wie Harald Szonn betont.

Immerhin sei der Start nach der Wende alles andere als einfach gewesen. Als am 1. Mai 1998 die Gaststätte eröffnete, mussten viele Schwierigkeiten bewältigt werden. Eigentlich sollte nämlich die Gastwirtschaft ein Jahr früher, 1997, eröffnen. "Der spätere Oberbürgermeister von Weißwasser, Hartwig Rauh, hat dann letztlich den Bau als Architekt fertiggestellt", erinnert sich Harald Szonn. Bis dahin hatte die Familie kurzerhand ihr eigenes Grundstück als Biergarten genutzt und dabei vor allem Radler auf dem damals neuen Wolfsradweg versorgt. "Wir haben mit einer Euphorie hier angefangen, das kann sich heute kein Mensch mehr vorstellen", beschreibt Harald Szonn. Fast halb Rietschen hat mitgeholfen, Brot gebracht, Baumaterialien besorgt und unterstützt, wo es nötig war.

Im Laufe der Jahre haben sich viele schöne Momente ereignet: "Weil der Biergarten unter eine Buche war und ich den Männerchor hierher geschleppt hatte, heißt dieser noch heute ,Buchfinken'", erklärt die ehemalige Kantorin und Gastwirtin Anita Szonn. Gäste wie Lothar de Maizière oder Altbundeskanzler Gerhard Schröder haben hier gegessen.

Genauso habe es Situationen gegeben, die nicht so schön waren. "Aber für uns war es immer mehr als nur Arbeit", sagt Anita Szonn. Dass ihre beiden Töchter die Gaststätte nicht weiter betreiben, dass akzeptieren die Eltern. "Ich habe lange darüber nachgedacht, aber es funktioniert nur als Familie", drückt Claudia Szonn ihre Bedenken aus und ergänzt: "Und ich bin keine singende Wirtin."

Die Familie hofft nun, dass sich ein Nachfolger für die etablierte Einrichtung findet. "Bislang hat sich noch keiner gemeldet", sagt Harald Szonn. Immerhin haben Szonns auch allerlei Mobiliar angeschafft, was sie gern weitergeben würden. "Und auch die Angestellten, die zum Teil seit 15 Jahren hier sind, wollen bleiben", so Harald Szonn. Derzeit sei es schwierig, den Betrieb aufrecht zu erhalten. Nicht nur die Baustelle an der B 115 erschwere das Geschäft, auch sei aufgrund des anstehenden Wechsels kaum Personal für den laufenden Betrieb zu finden. "Wir haben derzeit nur verkürzte Öffnungszeiten", erläutert Claudia Szonn.

Unterdessen ist Bürgermeister Ralf Brehmer zuversichtlich: "Es gibt schon einige Anfragen für die Gaststätte", erklärt er auf RUNDSCHAU-Nachfrage. Immerhin habe sich die Familie frühzeitig an die Gemeinde gewandt und erklärt, dass sie den Pachtvertrag nicht verlängern wird. "Unser Ziel ist es, einen soliden Pächter zu finden, der mit Herzblut Pension und Gaststätte weiter betreibt."

Das Forsthaus im Erlichthof ist allerdings nicht die einzige Einrichtung der Schrotholzsiedlung, die vor einem Generationswechsel steht. "Bei uns gehen Ende kommenden Jahres gleich drei Mitarbeiter in den Ruhestand", erklärt Marion Girth, Leiterin der Tourismus-Information und Mitglied des Trägervereins Landschaftspflegeverband. "Momentan hängt bei uns vieles in der Luft, mit der Familie Szonn verlieren wir viel", sagt sie.

Bereits 1993 hat Marion Girth den Förderverein des Erlichthofes mitbegründet, seit 1995 die Tourismusinformation aufgebaut. Jahr für Jahr sind über den Verein Veranstaltungen in der Siedlung organisiert worden, die einerseits die Touri-Info finanzieren, aber andererseits den Charme und den Reiz des Rietschener Touri-Highlights ausmachen. "Wir haben noch Zeit, uns Lösungen zu überlegen", sagt Marion Girth, "es ist noch nicht alles in dem Topf, wo es gekocht werden soll."

Immerhin müssten mögliche Nachfolger eingearbeitet - und vor allem finanziert werden. Andere Tourist-Informationen wie in Boxberg oder Bad Muskau, so erklärt Marion Girth, würden durch die Gemeinde mitfinanziert. Rietschen selbst aber unterstützt zwar, aber den Großteil stemmt der Landschaftspflegeverband als Träger.

Bürgermeister Ralf Brehmer, der sich den Rietschenern am 24. September als bislang einziger Bürgermeisterkandidat zur Wahl stellt, möchte zunächst mit den Gewerbetreibenden auf dem Erlichthof an den runden Tisch. "Es liegt in dem Generationswechsel auch eine Chance", sagt er. Denn wie künftig der Erlichthof vermarktet werden soll, dabei sollen die Unternehmer mitreden können. "Die Besprechung mit den Händlern vor Ort soll in die Bewertung einfließen, wie wir weiter vorgehen", erläutert Ralf Brehmer. Immerhin zahlen die Gewerbetreibenden auch eine Siedlungsumlage, die zu einem Teil für die Vermarktung des Erlichthofes genutzt wird.

Der Generationswechsel auf dem Erlichthof ist somit schon langsam aber sicher angelaufen.