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| 02:49 Uhr

Ganz stille werden

Eine Kerze habe ich mir angezündet, leise Musik tönt aus dem Radio, draußen spielen Kinder, ich spreche mit mir selbst. Von DR. ANDREAS HOLZHEY (DIEHSA)

Nein, ich bin nicht verrückt geworden, aber mein Leben wurde verrückt, der Tod war zu Besuch. Ich hätte ihn gern manches gefragt, aber er kam unangekündigt, plötzlich und hat mir den liebsten Menschen mitgenommen. Einfach so, als würde er ihm gehören und ich hätte überhaupt keine Rechte mehr, Meine Nachbarn haben ihn auch gesehen als er in dem schwarzen Wagen davonfuhr. Sie haben mich dann ganz seltsam angeschaut. Eine hat mir die Hand gedrückt und sich ein paar Tränen aus den Augen gewischt. Ich konnte noch gar nicht weinen, weil ich nicht weiß warum. Müsste ich nicht über mich selbst weinen, über mein Schicksal, wie das Menschen so nennen, oder doch eher über den Menschen, der einfach so weggefahren wurde, als wäre er nichts mehr, würde niemandem etwas bedeuten, hätte nur noch Anrecht auf eine letzte Autofahrt.

Bin ich vielleicht doch verrückt, weil ich nicht schreie, nicht weine, dem Auto nicht hinterhergerannt bin, nur einfach hier sitze? Vor einer Kerze, bei Musik und mit mir selbst spreche? Morgen ist Ewigkeitssonntag. Als Christen gedenken wir der Toten des letzten Kirchenjahres. Aber das ist nur die eine Seite. Mit unserem Gedenken erinnern wir Gott an das Leben. Wir geben die Menschen nicht einfach hin, wir geben sie zurück. Weil Leben für uns ein Geschenk ist und der Tod nicht das letzte Wort hat. Auch wenn es so scheinen mag, auch wenn alles gegen solchen Glauben spricht: Wenn ich ganz stille werde, dann werde ich es auch erfahren. Mit ganz großer Gewissheit.