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| 02:40 Uhr

Fürs Sorbischsprechen in der Schule gab's eine "Fauze"

Christian Schneider las in Uhyst vor dem überaus zahlreich erschienenen Publikum aus seinem Werk "Das Ende vom Paradies".
Christian Schneider las in Uhyst vor dem überaus zahlreich erschienenen Publikum aus seinem Werk "Das Ende vom Paradies". FOTO: trt1
Uhyst. Wenn es in der Oberlausitz tatsächlich das Paradies geben sollte, so muss es beim kleinen Dörfchen Lömischau nordöstlich von Bautzen liegen. Die Einheimischen nennen die Siedlung mit ihren gerade einmal fünf Häusern "Ziegenfauze". Torsten Richter-Zippack

Offiziell heißt der Ort Neu Lömischau. Zumindest hat der deutsch-sorbische Schriftsteller Christian Schneider genau dort sein persönliches Paradies verortet. Kein Wunder, erblickte er in "Ziegenfauze" im Jahr 1938 das Licht der Welt und wuchs am Rand der Lausitzer Heide auf.

Seine Familiengeschichte hat der studierte Journalist im über 600-seitigen Buch "Das Ende vom Paradies" festgehalten. Beeindruckend erzählt Schneider die Geschichte seiner Vorfahren nach und bettet diese in die wechselvolle Historie des 20. Jahrhunderts ein.

Jetzt hat Schneider seinen "Wälzer" im Rahmen des Lesewinters des Uhyster Heimatvereins präsentiert. Was das "Paradies" mit dem Gastgeberort zu tun hat? Auf den ersten Blick sicherlich wenig, auf den zweiten dagegen eine Menge. So liegen beide Dörfer, Uhyst und Lömischau, an der Spree. Und aus dem Uhyster Nachbardorf Lieske stammt die Mutter von Christian Schneider.

In seinem Buch, das sich aus verschiedensten Episoden zusammensetzt, berichtet der Autor beispielsweise von jener Zeit, als die Liesker Tag für Tag die drei Kilometer ins benachbarte Mönau zur Schule mussten. Zu Fuß natürlich. Sorbisch sprechen war in der Schule verboten. Ansonsten gab's eine "Fauze", auf Deutsch eine Backpfeife. Schließlich, so berichtet Schneider in seiner Autobiografie, galt die Mönauer Schule als "deutsch", der Lehrer hatte aufgrund seiner entsprechenden Meldung an die Behörden einen "Bismarcktaler" als Belohnung erhalten.

Im Buch dreht es sich meist um das kleine Bauunternehmen der Familie. Das hatte der Großvater, im Werk Johann Schuster genannt, zur vorvorigen Jahrhundertwende gegründet. Sohn Paul Schuster führte die Firma bis in die DDR-Zeit fort. Ganz detailliert beschreibt Christian Schneider den Lebensalltag auf dem Oberlausitzer Lande, der alles andere als ein Zuckerschlecken war. Zudem kommt der für die Heide so typische Aberglauben nicht zu kurz. Da geht es um Hausgeister, Drachen und die Mittagsfrau. Ebenso um die Versprechfrau aus Ruhethal, dem Nachbarort von Lieske. Bis heute hat sich der Aberglauben in den einsamen Heidedörfern der Mittellausitz erhalten. So soll etwa, wenn das Käuzchen direkt über einem Haus ruft, dort bald jemand sterben, heißt es.

Johanna Gruner, Vorsitzende des Uhyster Heimatvereins, hat das Werk "Das Ende vom Paradies" mit Begeisterung gelesen. Ein großes Rätsel für die sympathische Frau war allerdings bislang, weshalb der Anteil der sorbischen Bevölkerung in vielen Oberlausitzer Orten innerhalb von 100 Jahren so rapide gesunken ist. Lebten beispielsweise um 1880 in Uhyst noch 85 Prozent Sorben und 15 Prozent Deutsche, gibt es heute kaum mehr jemanden, der im Spreedorf die west slawische Sprache beherrscht. "Sie blieb nur so lange erhalten, wie sie zum Erwerb lebensnotwendiger Dinge eben notwendig war. Als dann ab der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts viele kleinbäuerliche Wirtschaften wegfielen, verschwand auch die Sprache der Landbevölkerung", erklärt Christian Schneider. Versuchen, das Sorbische wiederzubeleben, zollt der Autor zwar Respekt. Er sagt aber auch: "Was einmal tot ist, bleibt tot. Und da kann man es politisch noch so intensiv fördern."

Heute lebt der bekannte deutsch-sorbische Schriftsteller in Grubschütz bei Bautzen. Nach dem Erscheinen seiner Autobiografie im Jahr 2014 sei er bereits von mehreren Lesern gefragt worden, wo denn sein "Paradies" nun in Wirklichkeit liege.

Allerdings heiße sein Geburtsort noch immer Neu Lömischau. Möglicherweise, so kündigt Schneider augenzwinkernd an, werde er mal über eine Umbenennung nachdenken.