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Für viele die Wohnqualität verbessert

Weißwasser.. Karl Wenderoth (3. Oktober 1890 bis 1. November 1970) war nach mehrjähriger Ausbildung als Kommunalbeamter in Hagen (Westfalen) tätig. Während des Ersten Weltkrieges wurde er mehrmals verwundet und als Hauptmann der Reserve entlassen. Von Lutz Stucka

Mit seiner Familie, Frau und drei, später vier Töchtern kam er nach Weißwasser und erhielt die seit fast eineinhalb Jahren kommissarisch besetzte Bürgermeisterstelle und bekleidete zusätzlich noch das Amt des Polizeiverwalters.
Seit der Entlassung des sozialdemokratischen Bürgermeisters Otto Lange am 31. März 1933 aus seinem Amt, wegen politischer Uneignung im neuen nationalsozialistischen Regime, hatte Weißwassers Verwaltung Mühe, die Stelle des Gemeindeoberhauptes hinreichend zu besetzten.
An Langes Platz trat bis zum 31. März 1934 der 1. Schöffe, Justizobersekretär Fritz Boehm. Anschließend übernahm ebenfalls kommissarisch der 1. Beigeordnete, Paul Petow, die Amtsgeschäfte des Gemeindeoberhauptes.
Petow war seit 1900 als Hilfsförster in der Standesherrschaft Muskau tätig und seit 1931 Revierförster des Forstgebietes Hermannsdorf. Als seinem hauptamtlichen Nachfolger, Bürgermeister Dr. Gerhard Weyh, wegen Unfähigkeit nach 134 Tagen das Zepter wieder entzogen wurde, übernahm Petow vom 14. August 1934 bis 15. Dezember 1935 erneut die Amtsgeschäfte kommissarisch und konnte ab dem 1. April 1935 sogar den Titel Bürgermeister führen. Die überwiegend System ablehnenden Weißwasseraner nahmen den neuen Bürgermeister Wenderoth mit gemischten Gefühlen auf. Zu jener Zeit war ausschließlich bei der Besetzung jener kommunalpolitischen Posten die Mitgliedschaft in der NSDAP maßgebend. Nach kurzer Zeit verstand es Wenderoth jedoch, das Vertrauen und die Achtung der Einwohner zu erringen. Sein Engagement für Weißwasser wurde auch von seinen politisch linken Gegnern als hervorragend eingeschätzt. Während seiner Amtszeit konnte das seit 1911 begonnene, aber nur zögerlich verwirklichte Siedlerprogramm zum Höhepunkt gebracht werden.
So entstanden Siedlungen der Kriegsopferfürsorge und des Mieterbundes am Südrand der Stadt. Eine Frontkämpfersiedlung am Schützenhaus und der Lönshof wurden errichtet. Die Siedlergemeinschaft „Schlesische Heimstätte“ baute an der Schiller-, Luther- und Brunnenstraße mehrere Wohnhäuser. Auch die Oststadtsiedlung und die im Teichgelände entstanden in Wenderoths Amtsperiode.
Für viele Einwohner verbesserte sich dadurch die Wohnqualität erheblich. Auch für die Ausbildung der Jugend konnte Wenderoth einiges bewegen. Ihm gelang es, in der Stadt eine Zentralberufsschule für Glasmacher der damaligen Regierungsbezirke Liegnitz und Breslau einzurichten und auch dafür im Jahr 1938 ein Internatswohnheim, später Makarenkoheim, bauen zu lassen.
Das städtische Gas- und das Wasserwerk wurden erweitert. Neuangelegte Grünanlagen verschönerten das Stadtbild. Das Sparkassengebäude an der Bahnhofstraße entstand als neue Kommunaleinrichtung. Erstmals seit Jahrzehnten fanden wieder Jahrmärkte in Weißwasser statt.
Alles dies führte schließlich dazu, dass die Industriestadt Weißwasser sogar zur Fremdenverkehrsgemeinde erklärt werden konnte.
Durch den zweckmäßigen und sparsamen Einsatz von finanziellen Mitteln gelang es dem Kommunalpolitiker, trotz umfangreicher städtischer Investitionen auf Darlehn zu verzichten.
Das brachte ihm, obwohl er mit seiner Parteizugehörigkeit nicht viele der Einwohnerschaft hinter sich wusste, hohes Ansehen und Vertrauen.
Wachsende Diskrepanzen mit dem NSDAP-Kreisleiter Fischer führten dazu, dass sich Wenderoth noch im Frühjahr 1945 zur Wehrmacht meldete und die Führung des Volkssturmbataillons Weißwasser übernahm. Unnötiges Blutvergießen wollte er vermeiden und so setzte er sich über den Befehl, die Stadt bis zum letzten Mann zu verteidigen, hinweg. Er zog sich so rechtzeitig vor dem Herannahen der Roten Armee mit seinen Verteidigern zurück. Zwei ehemalige Volkssturmmänner berichteten, dass Wenderoth sie zwei Tage vor dem Zusammenbruch Nazi-Deutschlands entließ und nach Hause schickte. Er selbst flüchtete nach Süddeutschland und erreichte 1949 wieder seine Heimatstadt Hagen, wo er in einer Verwaltungs- und Sparkassenschule als Lehrer tätig wurde. Wenige Tage nach seinem 80. Geburtstag verstarb er hier.

Zeittafel
1935, 28. August. Weißwasser, das derzeit größte Dorf Deutschlands, erhält die langersehnten Stadtrechte fernschriftlich, infolge einer Gesetzesänderung, mitgeteilt.
Am 6. September 1935 wird dem kommissarischen Bürgermeister Paul Petow die Verleihungsurkunde übersandt.
1936. Die Stadtverwaltung lässt an der Bautzener Straße ein Wohnhaus für den Bürgermeister errichten. Dieses Gebäude ist kleiner und bescheidener als das erste an der Arnim-Promenade, was von der Gemeinde aus Geldmangel verkauft werden musste. Das neue Haus besitzt im Keller einen speziellen Luftschutzraum.
1936, 21. Dezember. Schulleiter Heinrich Küllmann bekommt die Aufgabe von Bürgermeister Wenderoth, auf Grundlage einer neuen Reichsverordnung, zur Anlage und Führung einer „Gemeindechronik für die Stadt Weißwasser“ . Dafür werden ihm jährlich 150 RM zur Verfügung gestellt.
1939, 12. April. Die städtische Oberschule Weißwasser wird in Räumen der Schule I am Dorfplatz eröffnet. Im Zusammenhang mit dieser Gründung genehmigt der Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung den Antrag des Bürgermeisters zur Bildung einer Städtischen Mädchen-Mittelschule.
1939, 23. September. Die mit der Girokasse vereinigte Stadtsparkasse wechselt in das neuerbaute Gebäude an der Bahnhofstraße über.
Kurz zuvor hatte bereits der Polizeihauptwachtmeister Willi Hoyer seine Wohnung aus dem Rathaus ins Dachgeschoss des neuen Sparkassengebäudes verlegt. Sicher recht zweckmäßig, denn ein Einbruch in dieses Haus fand nie statt.
1940, Juni. Der Regierungspräsident in Liegnitz verfügt, dass das Staatliche Gesundheitsamt des Kreises Rothenburg nach Weißwasser verlegt wird.
Der Bürgermeister strebt nach räumlicher Zusammenfassung der gesamten Gesundheitsfürsorge der Stadt. Nach erfolgter Zwangsversteigerung der in jüdischem Besitz befindlichen Schweigvilla werden alle kommunalen Gesundheitseinrichtungen hier untergebracht. Das sind die Mütter- und Kinderberatung, die Schwesternstation, beide bisher im Rathaus untergebracht, und die Dampfdesinfektionsanlage an der Luisenstraße, ehemals Marienbad, ansässig.
Die Kleinstkinderbetreuungsstelle sowie ein Kinderhort werden erstmals 1942 im Gau Schlesien in Weißwasser eingerichtet.
1940, Juli. Die Kriegsführung erfordert enorme Sparmaßnahmen, besonders im Hinterland. Eine Schuhaustauschstelle wird im Rathaus eröffnet.
Im Jahr darauf kann eingeschätzt werden, dass sich diese Einrichtung gut bewährt hat. Es wurden bis dahin 1231 Paar Schuhe abgegeben und 866 Paar ausgegeben.
1940, 22. Oktober. Es findet eine Ortsbesichtigung einer Regierungskommission zur Errichtung einer Glasfachschule statt.
1942, November. Auf Initiative des Bürgermeisters Wenderoth erwirbt die Stadt Weißwasser das evangelische Vereinshaus (später Karl-Marx-Berufsschule an der Muskauer Straße).
Das Gebäude wird als Jugendwohnheim der städtischen Berufsschule für Nicht-Glas-Berufe genutzt.
Hier kommen 70 besonders auswärtige Lehrlinge unter. Leiter der Einrichtung ist 1939 Direktor Fuhrmann und Kreishandwerksmeister Friseur Pilch.
1943, 15. Mai. Hauptmann Karl Wenderoth vom Kommando des Rüstungsbereichs Liegnitz übernimmt wieder sein Amt als Bürgermeister der Stadt Weißwasser, was er für einige Monate kommissarisch an Stadtrat Petow abgegeben hatte.
1943, 7. bis 30. Juni. Der Bürgermeister ordnet die Entleerung der Hausböden und die Entfernung der Bodenkammerlattenverschläge zum Zweck des Luftschutzes an.
Dies stellt vielmals ein großes Problem dar, da die Sachen nur schwer anderweitig unterzubringen sind.
1943, 8., 9. und 10. August. Es treffen einige Sonderzüge aus Berlin mit Evakuierten ein. Goebbels rief diejenigen Berliner auf, die in der Hauptstadt nicht pflichtbeschäftigt sind, ihren Heimatort zu verlassen, um bei Verwandten außerhalb unterzukommen.
Bürgermeister Wenderoth fordert Weißwassers Einwohner auf, bis zum 28. August unterbelegte Wohnungen anzumelden.
Die Zahl der Wohnungsbenutzer muss mehr als eins kleiner sein, als die Zahl der Räume, dann gelten diese Wohnungen als unterbelegt.
1943, 4. bis 21. November. Es findet in der Stadt eine Ausstellung des Kunstringes Nieder-Schlesien zum Thema „Meisterwerke im Kunstdruck“ statt. Bürgermeister Wenderoth als Leiter dieses Ringes eröffnet die Schau in der Aula der Schule III.
1945, 9. April. Bekanntgabe der Einrichtung eines Hilfskrankenhauses in der Stadt. Die mehrfachen Bemühungen des Bürgermeisters, in Weißwasser ein Krankenhaus einzurichten, wurden durch den Kriegsausbruch gegenstandslos.
Da die veränderte Lage Weißwasser zur Frontstadt werden lässt, ist die Einrichtung einer Krankenpflegestätte unumgänglich.
Dieses Hilfskrankenhaus wird auf dem Grundstück Görlitzer Straße, heute Verkaufsstelle elektrischer Haushaltsgeräte, eingerichtet. Es soll den dem Volkssturm zugeteilten Kämpfern dienen.
Die ärztliche Leitung wird von Dr. Porscha, Betreuer des hier stationierten Volkssturm-Bataillons 21/ 267, ausgeübt.
Unterstützt wird er vom DRK-Oberwachtführer und Sanitätsfeldwebel des Deutschen Volkssturms, Kurt Saschowa, und von der Ehefrau des Bürgermeisters, Dora Wenderoth.