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| 01:06 Uhr

Frust und Existenzangst wegen Hartz IV

Bevor sich Ratsuchende einem Psychologen anvertrauen, müssen sie eine innere Hemmschwelle überwinden. Unsicherheit und Existenzängste haben viele Menschen diese Scham vergessen lassen. Die Erziehungs- und Familienberatungsstelle des Paul-Gerhardt-Werkes in Forst jedenfalls hatte in den letzten Wochen alle Hände voll zu tun. Von Bodo Baumert

„Bei vielen Menschen herrscht Rat- und Orientierungslosigkeit wegen Hartz IV“ , hat Psychologin Franziska Kley (33) in ihren Beratungsstunden festgestellt. Je näher das Jahresende rückte, desto stärker rückten Sorgen und Nöte um das zukünftige Arbeitslosengeld in den Vordergrund der Beratungstätigkeit des Paul-Gerhardt-Werkes in Forst. Leiterin Kley und ihre beiden Beraterkollegen mussten zum Teil unbezahlte Überstunden machen, um alle Fälle betreuen zu können. „Das erste Gespräch sollte nicht länger als zwei Wochen nach dem Anruf bei uns stattfinden“ , so Kley.
Neben Beziehungs- und Erziehungsproblemen, die üblicherweise den Beratungsbedarf ausmachen, muss sich Franziska Kley im Gespräch mit ihren Klienten momentan auch mit Zukunftssorgen beschäftigen. „Viele Menschen, die zu uns kommen, haben begründete Existenzängste“ , so die 33-Jährige. „Gerade allein erziehende Mütter mit Kindern stehen vor Problemen.“
In einem ersten Gespräch versuchen die Berater zunächst die materiellen Probleme des Klienten zu besprechen. „Wir versuchen erst einmal praktische Hilfe zu leisten“ , so Kley. Die Fälle werden an eine Schuldner- oder Rechtsberatung weitergeleitet, die dem Betroffenen zunächst einmal bei der Lösung seiner offensichtlichen Probleme helfen. „Wenn er erst einmal eine Perspektive sieht, können wir auch die tiefer liegenden Probleme angehen“ , erklärt die Psychologin den Ablauf. „Manchmal tut es schon gut, wenn Betroffene ihre Existenzangst mitteilen können.“ Denn zur Sorge um das Gartenhäuschen oder das Auto, mit dem die Kinder zum Fußball gefahren wurden, kommt bei vielen auch das Gefühl, dem Walten der Politiker und Beamten wehrlos ausgeliefert zu sein.

Seit seit 14 Jahren in Forst aktiv
Seit 1991 arbeitet die Beratungsstelle in Forst. Psychologin Franziska Kley leitet die Einrichtung seit etwa einem Jahr. Die Berlinerin wird unterstützt durch einen Sozialpädagogen und eine therapeutische Fachkraft. „Dadurch haben wir eine große Spannbreite an Therapiemöglichkeiten“ , erklärt Kley. Alle drei Berater haben eine Zusatzausbildung für die Familientherapie. Manchmal arbeiten auch alle drei zugleich an einem Fall.
„Wir arbeiten anonym“ , betont Franziska Kley einen der Vorteile des Paul-Gerhardt-Werkes. „Niemand muss seinen Namen nennen“ , so Kley. „Wir unterliegen alle der Schweigepflicht.“ Das mache es gerade für Jugendliche leichter, sich an die Berater zu wenden.
Trotzdem ist es für Betroffenen immer eine große Überwindung die Telefonnummer der Beratungsstelle zu wählen. „Die auftretenden Probleme sind ja meist schambesetzt“ , weiß die Beraterin. „Was habe ich bloß falschgemacht?“ , fragen sich die Betroffenen. Bei Problemen in der Familie glauben sie, schlechte Eltern zu sein.
„Wir arbeiten mit Vorschusslorbeeren“ , macht sich die Psychologin bewusst. „Die Leute erzählen uns ihre Probleme ohne uns zu kennen. Diesen Mut rechne ich ihnen hoch an“ , sagt Kley.
Über mangelnde Arbeit konnte sich das Beratungs-Team bisher – auch ohne Hartz IV – nicht beschweren. 60 bis 70 Fälle bearbeiten sie im Monat. Neue Anrufer werden zunächst auf die Warteliste gesetzt. „Wir arbeiten schon mehr Stunden als wir müssten, um den Beratungsbedarf abzudecken“ , so Kley.
Wenn es zu einem Beratungsgespräch kommt, setzt sich die Psychologin mit den Betroffnen zusammen und hört sich zunächst einmal an, wer da vor ihr sitzt, was sie beschäftigt und welche Lösungsansätze die Betroffenen selber mitbringen. „Wir pauschalisieren nicht, sondern schauen uns an, was diese Familie oder dieses Paar braucht“ , beschreibt Kley ihre Vorgehensweise.
Oft kommen beispielsweise Eltern, weil ihr Kind ständig für Ärger sorgt. „Das Kind ist manchmal nur der Symptomträger“ , erklärt Kley. Sein auffälliges Verhalten soll Aufmerksamkeit der Eltern erzeugen oder ist Ausdruck von Beziehungsproblemen. „Wir ziehen das gesamte Familiensystem heran, fragen, was jeder zur Lösung beitragen kann“ , gibt die Psychologin einen Einblick in ihre Arbeitsweise. Aber auch Verhaltens- oder Entwicklungsstörungen der Kinder können die Berater in Forst diagnostizieren. Und wenn ihre Diagnose-Möglichkeiten nicht ausreichen, verweisen sie an einen Spezialisten – genau wie bei Hartz IV-Fällen. Nur dass es bei der Arbeitslosenhilfe bisweilen schwieriger war, kompetente Beratungshilfe zu finden. „Manchmal wissen selbst die Fachleute nicht genau Bescheid“ , hat Kley in einigen Fällen festgestellt.