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Flüchtlingskrise war seine Grenzerfahrung

Werner Genau tritt heute seinen Ruhestand an. 27 Jahre war er in der Landkreisverwaltung engagiert, erst als Bauamtsleiter, dann als Dezernent.
Werner Genau tritt heute seinen Ruhestand an. 27 Jahre war er in der Landkreisverwaltung engagiert, erst als Bauamtsleiter, dann als Dezernent. FOTO: ni
Krauschwitz/Görlitz. Kreis-Baudezernent Werner Genau aus Krauschwitz geht in den Ruhestand. In 27 Jahren verantwortete er viele große Bauvorhaben. Gabi Nitsche

Heute ist für Werner Genau (60) der letzte Arbeitstag. Der Bau-Dezernent des Landkreises Görlitz hat sich für den Ruhestand entschieden. "Es war eine sehr ehrenvolle und interessante Aufgabe, die Zukunft der tollen Region mitzugestalten und mit Sicherheit die richtige Entscheidung vor 27 Jahren damit zu beginnen", sagt der Krauschwitzer nüchtern. Er habe in all den Jahren die Philosophie vertreten: "Jeder Tag bringt Probleme mit sich, steht man vor einer Entscheidung. Dann steht die Frage, werde ich durch meine Entscheidung Teil des Problems oder der Lösung. Ich wollte immer Teil der Lösung sein."

Werner Genau stammt aus dem katholischen Eichsfeld, ist nahe der deutsch-deutschen Grenze aufgewachsen. Bei einem Lehrgang begegnete dem Meliorations-Ingenieur seine spätere Frau Eveline. Sie entschieden sich, in deren Heimatort Krauschwitz eine Familie zu gründen. "Hier sahen wir bessere Chancen durch die Wirtschaftsstruktur, durch Kohle und Energie." In der ZBO in Schleife verdiente Genau ab 1987 seine Brötchen als Kalkulator in der Projektierung. Er sei schon immer ehrgeizig und fleißig gewesen. "Als einer von außen dann kluge Ratschläge geben, kam nicht so gut an."

Werner Genau gehörte der CDU an, engagierte sich in der Vorwendezeit in Weißwasser. Wie er sagt, tat er das progressiv. In Zeiten, in denen niemand wusste, wohin die Reise führt, habe es für ihn nur ein Ziel gegeben: die Wiedervereinigung. Für eine kurze Zeit leitete er die CDU-Ortsgruppe, organisierte die ersten freien Wahlen mit. Die neuen Abgeordneten baten ihn, Bauamtsleiter zu werden im Landkreis Weißwasser mit Erich Schulze als Landrat. Genau sagte zu. "Das war an einem Donnerstagabend, und Montag war ich schon auf dem Posten." Zeit, sich Gedanken zu machen, wie man was machen könnte, die gab es nicht, erinnert er sich. "Es kam jeden Tag so viel auf den Tisch an Gesetzen, Verordnungen, Förderprogrammen. Die Frage stand: Was machen wir mit den Mitteln aus dem DDR-Wohnungsbauprogramm?" Genau sagt, er war von nun an in seinem Metier gewesen. Zu den ersten großen Investitionsmaßnahmen, die angepackt wurden, gehörte die Süßmuthlinie als Umfahrung für Weißwasser - 4,5 Millionen DM. "1992 weihten wir mit Landrat, Blasmusik und vielen Einwohnern die neue Straße ein, hatten gerade das Band durchschnitten, als ein Auto mit Dresdener Kennzeichen vorfuhr. Der Leiter von der Förderstelle überbrachte die Nachricht, das Vorhaben sei finanziell gesichert." Werner Genau muss schmunzeln, wenn er daran denkt. Denn: "Wir haben die Zeit im wilden Osten weidlich ausgenutzt. Das ist heute unmöglich." Aber gerade weil man im Landratsamt mutig war und ein Stück weit Risiken einging, so der 60-Jährige, ging es sichtbar voran. Werner Genau lobt das ausgesprochen gute Verhältnis zu den Bürgermeistern, aber auch zur Förderstelle in Dresden, "der wir manches Mal die Bude eingerannt sind. Das glich schon Wegelagerei." Bildungseinrichtungen wie die Förderschulen für Lernbehinderte und Geistigbehinderte wurden gebaut, die Volkshochschule um- und ausgebaut.

Als sich die Landkreise Weißwasser und Niesky zum Niederschlesischen Oberlausitzkreis (NOL) zusammentaten, übernahm Genau das Bauamt. Massiv seien damals die Vorbereitungen für den Anbau ans Krankenhaus Weißwasser erfolgt, für die Spreestraße, weitere Schulen und so weiter. In den Folgejahren sei das Schwarzdeckenprogramm "unglaublich" betrieben worden. "Wir haben mehr aus dem Förderprogramm geschöpft als andere, oftmals mit einer 90-Prozent-Förderquote." Das sei gut gewesen, denn der NOL habe Konsolidierungsprobleme gehabt. "Aber wir wollten trotzdem gestalten. Doch geschenkt wurde uns nichts. Wir mussten um alles kämpfen." Genau freut sich noch heute, dass in dieser Zeit Hunderte Kilometer Straßen erneuert werden konnten. Radwege entstanden, darunter so einige touristisch bedeutsame. 2001 übernahm Werner Genau als Dezernent weitaus mehr Verantwortung als nur fürs Bauen. Die Bereiche Umwelt, Brand- und Katastrophenschutz, Ordnung, Straßenverkehr kamen dazu. Bei der zweiten Kreisreform 2008 wurde aus dem NOL und dem Kreis Löbau-Zittau trotz vieler kritischer Stimmen der Landkreis Görlitz gebildet. Im Großkreis wählte der Kreistag Werner Genau ebenfalls zum Dezernenten. "Die Aufgabenstruktur hatte sich wesentlich geändert, plötzlich war ich auch der Chef vom Lebensmittelüberwachungs- und Veterinäramt." Dafür sei er das Umweltamt losgeworden. "Aber die gesamte Straßenverwaltung inklusive Staats- und Bundesstraßen kam dazu. Diese Umstrukturierung kostete unheimlich viel Kraft." Heute schätzt Genau ein: "So schlecht machen wir das gar nicht. Es hat sich alles gefügt. Das Gute ist, wir können selbst Einfluss nehmen."

Nicht ohne Stolz zählt der Krauschwitzer weitere Projekte auf, die ebenfalls seine Spuren aufweisen: "Da war die Grenzbrücke in Podrosche, begleitet von vielen Bürgerprotesten. Oder der Bärwalder See. Jahrelang haben wir mit dem Bürgermeister Roland Trunsch gerungen und erreicht, dass das eine Schwerpunkt-Maßnahme im Lausitzer Seenland wurde." Die Liste ließe sich beliebig fortführen, wo Werner Genau im Schulterschluss mit Bürgermeistern um Vorhaben kämpfte wie den Ausbau der B 115. "Eins der wichtigen Projekte war die Sanierung der Industriemülldeponie Philippine in Weißwasser. Dazu haben wir sie ins Eigentum übernommen. Freiwillig. Ja, manches Mal haben wir schon verrückte Dinge gemacht."

Es ist inzwischen acht Jahre her, als ihn "die schlimmste Männerkrankheit, die man kriegen kann" aus der Bahn warf. Werner Genau musste sich einer schweren Therapie mit massiven Nebenwirkungen aussetzen. "Das war auch psychisch der Wahnsinn. Ich bin anderthalb Jahre als menschliches Wrack herumgelaufen. Für mich stand fest, das war es jetzt." Eines Tages saßen sich er und Landrat Bernd Lange (CDU) gegenüber. "Er hat damals zu mir gesagt: Ich brauche dich."

Genau habe hin und her überlegt. Am 2. November 2011 kehrte er ins Landratsamt zurück. Sein Körper fand die notwendige Kraft, psychisch habe es ihn mehr aufgerichtet als angestrengt. "Es gab mir Zuversicht, dass sich mein Zustand wieder ändern könnte." Werner Genau wird seinem Chef Bernd Lange dieses Gespräch nie vergessen, sagt er. "Wenn das nicht gewesen wäre, dass mein Chef an mich glaubte und die Kollegen im Haus mitzogen, wer weiß, ob ich je allein die Kraft gefunden hätte."

In den vergangenen Jahren habe sich sein Job verändert - vom Gestalter, der vieles auf den Weg brachte, zum Krisenmanager. Wobei sich Werner Genau zu keinem Moment allein sieht, sondern immer mit seinen Mitarbeitern zusammen. Er nennt Beispiele: Hochwasser 2010 und 2013, Tierseuchen 2013. Ende des gleichen Jahres ging es mit den Flüchtlingen los, zaghaft. 2014 Brand im Autobahn-Tunnel Königshainer Berge. "Das Ministerium spielte nicht mit bei unseren praktischen Überlegungen, was die Umleitung anging. Bei der Bevölkerung standen wir immer wieder im Brennpunkt, weil Tausende Lkw durch Kodersdorf fuhren." Die Flüchtlingskrise wertet Werner Genau als absoluten Höhepunkt. Die Frage ließ ihn nicht ruhig schlafen: Wie bekommen wir den humanitären Anspruch gelöst, ohne dass die Region einen Imageschaden erleidet? "Wir haben von Anfang an mit offenen Karten gespielt, die Bürgermeister und Räte ins Boot geholt. So gelang es uns relativ, es zu vermitteln. Aber dahinter steckte ein immenser Kraftaufwand von allen Beteiligten und war nur mit vielen Akteuren, auch ehrenamtlichen, zu machen." Der Schlüssel für den Erfolg lag rückblickend in der dezentralen Unterbringung. Zu 75 Prozent wurde dieser Weg gewählt, um eine gewisse Akzeptanz zu erreichen. Doch das gelang nicht überall. Genau erwähnt Boxberg. Zehn Tage war damals Zeit, um die zentrale Unterbringung von 450 Flüchtlingen vorzubereiten. "Wir mussten den schweren Weg gehen, die Leute vor Ort mitzunehmen." Eins werde er nie vergessen: "Ich hätte nie gedacht, mal eine Bürgerversammlung in der Kirche unter Polizeischutz zu erleben." Im Süden des Landkreises war das, stundenlanges Geschrei. "Das war die größte Grenzerfahrung in meiner Laufbahn", schätzt Werner Genau ein.

Seit Wochen ist er nun schon auf Abschiedstour. Eine hoch emotionale Geschichte war die offizielle Verabschiedung im Kreistag, als alle aufstanden und applaudierten. Gerade für sein jahrzehntelanges pragmatisches Arbeiten sei das Vertrauen der Kreisräte in seine Arbeit sehr wichtig gewesen. "Dadurch konnte viel werden", weiß Genau. Vertrauen genoss er aber ebenso bei den Kommunalpolitikern der Region. Einer von unzähligen Beispielen ist der Bad Muskauer Bürgermeister Andreas Bänder. Bei der Eröffnung des Grenzplatzes vor wenigen Tagen bedauerte er das Ausscheiden des Dezernenten und betonte: "Er war in den 16 Jahren von meiner Amtszeit immer ein zuverlässiger Partner."

30 Jahre war er mit Leib und Seele Oberlausitzer. Für den Ruhestand hat Werner Genau eine andere Entscheidung getroffen. "Meine Familie hat mit mir immer alles mitgetragen, die guten und die schlechten Zeiten. Jetzt möchte ich ihnen etwas zurückgeben. Meine Frau und ich ziehen nach Leipzig, wo unsere Töchter ihre berufliche und Heimat gefunden haben." Maria (29) ist verheiratet und hat Genaus vor fünf Monaten zu glücklichen Großeltern gemacht. Auch Katja (28) lebt und arbeitet in Leipzig. "Wenn wir gebraucht werden, sind wir künftig ganz in der Nähe, nur wenige Hundert Meter entfernt haben wir uns eine Wohnung ausgesucht", freut sich Werner Genau.

Mit seiner Frau habe er sich viel vorgenommen für die nächste Zeit - Angehörige besuchen, sich noch so manches von der Welt ansehen und sich ehrenamtlich einbringen. "Zum Beispiel bei RB Leipzig in einem der Fanclubs. Ich bin jetzt schon bei vielen Spielen. Eine klasse Mannschaft." Eins werde ihm mit Sicherheit nicht passieren, beschwört Werner Genau: "Ich verfalle nicht in den Rentner-Blues."

Während seiner Amtszeit sorgte Werner Genau (l.) mit seinem Team für Hunderte Kilometer neue Straßen und Radwege. Ideengeber für Letztere sei oftmals sein Mitarbeiter Werner Kanter gewesen, betont Genau.
Während seiner Amtszeit sorgte Werner Genau (l.) mit seinem Team für Hunderte Kilometer neue Straßen und Radwege. Ideengeber für Letztere sei oftmals sein Mitarbeiter Werner Kanter gewesen, betont Genau. FOTO: abr