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Fische fahren mit der Schubkarre

Impression vom Neuliebeler Fischzug 2016. Die Ernte kann sich durchaus sehen lassen.
Impression vom Neuliebeler Fischzug 2016. Die Ernte kann sich durchaus sehen lassen. FOTO: amz1
Neuliebel. Karpfen, Welse, Hechte und selbst Goldfische haben die Neuliebeler am Wochenende aus ihrem Dorfteich gefischt. Das alljährliche Ereignis erfreut sich in der Region großer Beliebtheit. amz1

Kein Wunder, werden die Kiemenatmer gleich vor Ort verkauft. Und die, die keinen neuen Besitzer finden, dürfen sich über ein weiteres Jahr im ziemlich flachen Dorfteich freuen. Sie werden unmittelbar nach dem Fest wieder ins Wasser befördert.

Bevor es soweit ist, dürfen alle gefangenen Fische erst mal in der Schubkarre eine halbe Runde um ihren Teich drehen. Diese ist einfach das praktischste Transportmittel. Anschließend werden die Kiemenatmer abgeduscht, und das Aussortieren in die einzelnen Behälter kann begingen.

Apropos Wasser: Das muss vor dem Abfischen erst mal abgepumpt werden. Über einen dicken langen Schlauch wird das wertvolle Nass in die Gräben bei Neuliebel gepumpt und dort für ein paar Stunden "geparkt". Ist der Teich leergefischt, kehrt das Wasser zurück. Dafür sorgt die Freiwillige Feuerwehr des rund 40 Einwohner zählenden Dörfchens. Die Kameraden organisieren nämlich das alljährliche Spektakel. Bis vor ein paar Jahren musste allerdings ausgesetzt werden, erinnert sich Wehrleiter Michael Schäfer. Der Grund: Gab es heiße Sommer, war einfach kein Wasser mehr im Teich. Dank der Hilfe des Bergbauunternehmens Vattenfall erfolgte im Jahr 2013 eine Abdichtung des Gewässers. Seitdem kennt der Teich keinen sommerlichen Wassermangel mehr.

Mit der 2016er-Ernte sind die Hobbyfischer indes zufrieden. "Sieht ganz gut aus", resümiert Michael Schäfer den ersten von drei Fischzügen. Das Wetter in den vergangenen Monaten sei den Kiemenatmern entgegengekommen: meist ausreichend Niederschlag und warme Temperaturen. Der Nachteil: Auf dem Grund hat sich eine Menge Schlamm angesammelt. Mehrfach bleibt das Netz dort stecken. Doch die Männer ziehen mit vereinten Kräften. Daneben stehen "Aufpasser" mit Keschern, damit möglichst kein Fisch entwischt.

Bereits seit tiefsten DDR-Zeiten wird der gerade einmal 0,2 Hektar große Dorfteich in Neuliebel abgefischt. Einer, der es wissen muss, ist Mathias Gahner. Schließlich war sein Vater Reinhard Gahner lange Jahre als Wehr- und damit als Organisationsleiter tätig. Die Neuliebeler mögen ihren Teich, weiß Gahner, dessen Elternhaus nur einen Steinwurf entfernt liegt. Selbst einen Kahn für romantische Rundfahrten gebe es. Und das niedliche Entenhäuschen. Wegen den Fischzügen musste es allerdings aus dem Wasser entfernt werden. Stattdessen thront es für ein paar Stunden auf einem kleinen Hügel nebenan.

Mathias Gahner würde indes liebend gern für immer nach Neuliebel zurückkehren. "Für unsere drei Kinder ist diese Landschaft natürlich ideal", begründet er. Derzeit lebe die Familie der Arbeit wegen in Chemnitz. Die sei gut bezahlt, und seine Frau sei Chemnitzerin. "Aber spätestens, wenn wir alt sind, kehren wir in die Teichlausitz zurück", hat sich der Physiotherapeut vorgenommen. Denn keine Großstadt der Welt könne eine ähnliche Atmosphäre bieten wie der Neuliebeler Inselteich. "Wenn man abends auf der Bank unter den alten Eichen sitzt und die Frösche ihr Konzert anstimmen, möchte ich an keinem anderen Platz auf der Welt sein", sagt Mathias Gahner.

Gleich neben dem Teich zieht eine weitere Attraktion die Blicke von Einheimischen und Touristen auf sich. Und zwar eine Eiche. Die wurde zwar vom Blitz getroffen. Doch die Reste erfuhren eine künstlerische Verwandlung. So berichtet der Baum seit rund zwei Jahren aus dem Leben der Teichlausitz hart am Rand des Tagebaus Reichwalde. Denn nur ein paar hundert Meter weiter quietscht die mächtige Abraumförderbrücke und macht dem Froschkonzert Konkurrenz.