Unter den zahlreichen Glasmachern, die in den neuerrichteten Glasfabriken arbeiteten, fanden sich einige Sportinteressenten zusammen. Sie beabsichtigten, sich nach der schweren Arbeit an den Glasöfen sportlich zu betätigen. Es waren ehemalige Turner, die Weißwasser zu ihrer neuen Heimat gewählt hatten. Im Jahr 1885 erfolgte im ehemaligen Gasthaus „Zum Schwarzen Adler“ , heute Busbahnhof, die Gründungsversammlung der Turnabteilung Weißwasser. Ein Jahr später wurde der Wunsch geäußert, die Turner mögen bei der Brandlöschung die Hauptrolle spielen. Sie seien körperlich am besten dafür geeignet. Der Vorschlag fand allseitige Anerkennung, und es erklärte sich eine Reihe von Sportlern bereit, in einer besonders ausgebildeten Mannschaft mitzuwirken. Es wurden eine „Magdeburger Landwirtschaftliche Verbandsspritze“ und ein entsprechender Wasserbehälter gekauft und im Hof des Vereinslokals „Deutscher Kaiser“ , gegenüber dem Bahnhof, aufgestellt. Bald folgte die erste Feuerprobe bei der Löschung eines Wohnhausbrandes im Februar 1889. Hierbei zeigte sich, dass trotz großen Fleißes, die Ausbildung der Mannschaft und die vorhandenen Geräte den Bedingungen nicht entsprachen. Die Ausbildung und das Training mussten effektiver gestaltet werden. Zuvor aber wurde noch im selben Jahr die Feuerwehr-Abteilung des nun in Turn- und Rettungsverein Weißwasser umbenannten Gemeinschaft gebildet. Die Geburtsstunde der Freiwilligen Feuerwehr Weißwasser hatte damit geschlagen. Diese Abteilung zählte 20 Mann. Erster Kommandant war Joseph Schweig, Steigerführer Franz Lissner und Führer der Wassermannschaft Otto Tusche.
Die Notwendigkeit einer organisierten Brandbekämpfung wuchs weiter an. Ihren ersten Brand bekämpfte die neue Feuerwehr im Jahr 1890. In der Glashütte Hirsch, Janke & Co. brach in den Lagerräumen ein Brand aus und vernichtete das Gebäude nebst vieler zum Versand bereitgestellten Erzeugnisse der Firma. Hierbei wurde die Erfahrung gemacht, dass eine zweite Spritze nötig wurde.
Im Jahr 1892 mussten erstmals beide Spritzen zur Brandbekämpfung wiederum in der Firma Hirsch, Janke & Co eingesetzt werden. Die Brandausbrüche in den Betrieben, in denen mit Feuer gearbeitet wurde, häuften sich. Im Jahr 1893 brannte es in der Porzellanfabrik, 1896 brachen Brände aus im Glaswerk Aktienhütte und erneut in der Porzellanfabrik. Im selben Jahr musste auch ein Brand in der Ziegelei des Grafen Arnim an der Jahnstraße bekämpft werden.
Zu dieser Zeit kam ein Mann nach Weißwasser, der bereits einige Erfahrungen bei der Brandbekämpfung hatte. Robert Adolph erwarb das um 1880 erbaute Wohnhaus in der Carlstraße, der heutigen Fr.-Bodelschwingh-Straße und gründete hier im Hintergebäude eine Zigarrenfabrik.
Adolph, geboren im Jahr 1867, war seit 1888 Mitglied der Feuerwehr seines Geburtsortes und übernahm in seiner neuen Heimat am 1. Oktober 1895 das Amt des Spritzenführers. Seine hohen Verdienste im Feuerlöschwesen führten 1902 zur Wahl als Brandmeister und im Jahr 1913 zum Ehrenbrandmeister der Freiwilligen Feuerwehr Weißwasser. Auf diesen Titel war er sehr stolz. Mein Vater erzählte mir, der im Haus gegenüber aufgewachsen ist, dass Robert Adolph zu bestimmten feierlichen Anlässen seine Feuerwehruniform trug, an der das Ehrenabzeichen des Kreisfeuerwehrverbandes geheftet war. Rechts hatte er einen langen Säbel und das linke Bein, welches steif war, schob er beim Gehen weit ausholend nach der Seite vor, wobei er den linken Fuß dabei etwas anhob. Diese Gangart, die aber durchaus als würdevoll zu bezeichnen war, brachte ihm den heimlichen Spitznamen „Schwingelbeen“ ein.
Die schnelle Entwicklung Weißwassers stellte die freiwillige Feuerwehr vor immer größere Aufgaben. Das gelegentliche Zusammenwirken mit der Betriebsfeuerwehr Wilhelm Gelsdorf, die aus der Feuerwache der ersten Glashütte am Bahnhof hervorging, brachte keine Abhilfe. Im Gegenteil, es entwickelte sich zusehends ein gespanntes Verhältnis zwischen den beiden Wehren. Dies führte sogar dazu, dass der Gastwirt des Vereinslokals der einen Wehr die Bilder der Mannschaft von den Wänden nehmen musste, als aushilfsweise die andere in diesem Raum ihre Mitgliederversammlung abhalten musste. Auch bei der Feuerbekämpfung kam es ständig zu Rivalitäten. In der Nähe des alten Schützenhauses, an der heutigen Puschkinstraße, war ein Waldbrand ausgebrochen. Die Feuerwehr eilte dahin und löschte den Brand. „Auf dem Rückwege passierten wir den kleinen Feuerturm am Prinzenweg (heutiger Friedhof). Hier rief uns plötzlich der Turmwärter den aufsteigenden Rauch in der Nähe der Nochtener Chaussee zu. Im Laufschritt erreichten wir auch diese Brandstelle. Kamerad Rothkegel von der freiwilligen Feuerwehr hieb sofort mehrere Sträucher ab und gab sie den Umstehenden zum Ausschlagen des Feuers, während er selbst einen in Brand stehenden stärkeren Baum abhieb. Nachdem dies geschehen und das Feuer bereits gekämpft war, kamen vom Schützenhause her der Steiger Fritsche von der Betriebsfeuerwehr W. Gelsdorf und ein anderer Feuerwehrmann heran. Diese machten sich nun daran, um das bereits erloschene Feuer einen Graben zu ziehen, was nun wieder das disparate Verhältnis beider Wehren nährte.“
Der Vorsitzende des Turn- und Rettungsvereins, gleichzeitig Kommandant der freiwilligen Feuerwehr-Abteilung, Joseph Schweig, besaß an den Ufern der ehemaligen Bergbaumulde der Kohlenwerke Weißwasser, deren kaufmännischer Leiter er einst war, Privatland. Dies stellte er dem Verein zur Verfügung, und es entstanden 1896 neben Sportanlagen auch ein zweistöckiger Steigerturm für Feuerwehrübungen nebst Geräteschuppen.
Eines der wichtigsten Aufgaben war es, das Feueralarmierungssystem zu regeln. Es gab keine eindeutigen Signale, und so passierte es, dass am Schluss einer Feuerwehrversammlung, als die Wehrleute das Vereinslokal gegen Mitternacht verließen und auf dem Nachhauseweg waren, ein Signal hörten. In der Annahme, es sei ein Feuersignal, eilten sie in Richtung des Bahnhofes.
Es stellte sich aber heraus, dass ein Militärzug, der zu kurzem Aufenthalt auf der hiesigen Station hielt, bei der Abfahrt ein Signal für die Mannschaften zum Einsteigen abgegeben hatte.
Ein Waldbrand brach aus. Die freiwillige Feuerwehr war abwesend. Einige Privatleute holten die Feuerspritze und eilten damit auf die Brandstätte, an welcher bei ihrer Ankunft bereits die Betriebsfeuerwehr Gelsdorf anwesend war. Ein weiterer Waldbrand brach nördlich von Weißwasser aus. Obwohl alle Feuerwehren der Umgebung löschten, wurden überflüssigerweise auch die Arbeiter des gräflichen Sägewerkes herbeigerufen.
Oft war es so, wie die Ortspresse kritisierte: „Als die Signalpfeifen ertönten, eilte alles auf die Straße, um sich nach der Brandstelle zu erkundigen, aber ohne Erfolg.“ Diese Beispiele zeigten, dass es kein Zusammenwirken der vorhandenen Feuerwehren in Weißwasser gab. Es wurde jetzt öffentlich erläutert, wie man richtig handeln müsse. Eine Meldung des Brandes sollte telefonisch beim Kommandanten der freiwilligen Feuerwehr oder bei der Betriebsfeuerwehr Gelsdorf eingehen. Ein heißer Tipp wurde noch gegeben: „. . . eventuell bei der Post anfragen, die ja gewöhnlich mit am schnellsten unterrichtet zu sein pflegt.“ Bestärkt wurde dies durch: „Angenommen, die Fabriksignale hätten gestern während der Arbeitszeit getönt, es wären viele hinausgelaufen und hätten die Arbeit liegenlassen, in der Befürchtung, der Brand könne in unmittelbarer Nähe sein. Und doch hätte keiner helfen können. Die Feuerwehrleute und Arbeiter aber kommen durch die Arbeitsunterbrechung zu Schaden - und die Bevölkerung wird in Unruhe und Schrecken versetzt.“

zeittafel Zenker fordert fünf Pfennige für Zwischenrufe
19. Dezember 1901. Aufgrund der zahlreichen Brände wird im Ortsstatut der Gemeinde Weißwasser festgelegt, dass durch das Los 50 männliche Einwohner zu einer Pflichtfeuerwehr zu formieren sind. Sie hat die Aufgabe, bei größeren Bränden die beiden örtlichen Feuerwehren zu unterstützen.
17. April 1906 Endlich wird das Vorhaben, nach langjähriger Bestrebung eine einheitliche Feuerwehr zu bilden, Wirklichkeit. Die Freiwillige Feuerwehr Weißwasser vereinigt sich mit der Betriebsfeuerwehr W. Gelsdorf.
Da die freiwillige Feuerwehr noch keine Fahne besitzt, stimmt sie allerdings schweren Herzens zu, die Fahne der Betriebsfeuerwehr W. Gelsdorf weiterhin zu benutzen. Schnell wird verlangt, dass das Signalgeben besser zu beherrschen sei, und es solle alle 14 Tage eine Übung durchgeführt werden.
21. Juli 1906. Es gab schon früher Gedanken, eine Sanitätskolonne zu bilden, aber es fehlte immer an freiwilligen Mitgliedern. Im Jahr 1904 sind bereits konstruktive Verhandlungen durch den 1. Brandmeister, Franz Lissner, unternommen worden. Er beabsichtigte, an die Spitze der Sanitätskolonne Zahnkünstler Pochardt zu stellen. Aber an diesem Tag haben zur Sanitätskolonne „. . . sich sieben Herren gemeldet, nur konnte mit den hiesigen Ärzten noch kein Entgegenkommen erzielt werden.“ Als Führer der Kolonne wird der Buchhalter Georg Schweda gewählt. Sie bildet keine Extra-Abteilung, sondern ist ein Teil der Feuerwehr. Auch sind die Mitglieder in der Bedienung der Spritze und Handlungen in der Schlauchabteilung bestens ausgebildet. Im Jahr 1908 trennt sich diese Gruppe von der Feuerwehr und schließt sich dem Deutschen Roten Kreuz an.
1908. Auf den monatlich stattfindenden Versammlungen geht es meist hoch her. So wird z. B. Kamerad Britze wegen Beleidigung des Kameraden Heilemann während der Versammlung zu 50 Pfennigen Strafe verurteilt. Kamerad Zenker stellt den Antrag auf Erheben einer Strafgebühr von fünf Pfennigen für Dazwischenreden während der Versammlung, der sogar einstimmig angenommen wird.
1910. Entsprechend einer neuen Verordnung muss an den häufiger werdenden kulturellen Veranstaltungen (Kino- und Theateraufführungen) Feuerwehrleute zu Brandwachen eingeteilt werden. Dieser Dienst soll mit 50 Pfennigen pro Stunde entlohnt werden. Einige Zeit später wird gemeldet, dass der Kinobesitzer Schneider vom Volkstheater an der Muskauer Straße, die zur Saalwache eingeteilten Feuerwachen, unsachlich behandelt hat. Der Feuerwehrkommandant entscheidet: „Dafür sollte er künftig für Saalwachen drei Mark zahlen.“