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| 22:11 Uhr

Veranstaltung
Feuerwehr setzt auf Deeskalation

Jürgen Herzog in seinem Metier – alte Feuerwehrtechnik ist ihm ans Herz gewachsen. Er freut sich auf die vielen Fahrzeuge, die am Samstag in Weißwasser gezeigt werden können .
Jürgen Herzog in seinem Metier – alte Feuerwehrtechnik ist ihm ans Herz gewachsen. Er freut sich auf die vielen Fahrzeuge, die am Samstag in Weißwasser gezeigt werden können . FOTO: Regina Weiß
Weißwasser. Die Kameraden der Feuerwehr zeigen in Weißwasser am Samstag alte Löschtechnik und stellen sich bei einer Podiumsdiskussion  neuen Problemlagen. Von Regina Weiß

Ein Wassereimer und eine Feuerpatsche gehörten zu den Zeiten der Ur-Ur-Großeltern in jeden Haushalt. Brannte es beim Nachbarn, eilten alle, um zu helfen. Andersherum genauso. Hilfe zur Selbsthilfe war das Zeichen der Zeit. Aus diesem Anstoß heraus entstanden die Feuerwehren. Die in Weißwasser beispielsweise 1889. In den vielen Jahrzehnten ihres Bestehens haben sie manche Berg- und Talfahrten erlebt und überlebt. Immer wieder mussten sie sich neuen Herausforderungen stellen, egal, ob Fragen der Gesellschaftsordnung oder der Technik.

Doch in jüngster Zeit scheinen die Herausforderungen so groß und so vielfältig wie noch nie. „Es würde keiner auf die Idee kommen, den Rettungsdienst abschaffen zu wollen. Aber die Feuerwehr ist immer nur ein Kostenfaktor“, wirft Gerd Preußing, stellvertretender Kreisbrandmeister und jahrelanger Wehrleiter von Weißwasser, ein. Noch dazu, wenn es wie in Weißwasser auch um hauptamtliche Feuerwehrkräfte als Personalstellen geht. Demnächst werden die neun Stellen übrigens  wieder besetzt sein.

Finanzen sind das eine, motivierte Kameraden in ausreichender Anzahl sind die andere Seite der Medaille. „Wer die 112 wählt, erwartet einfach, dass die Feuerwehr schnell kommt. Wenn sie dann nicht schnell genug da ist, pöbelt man sie noch voll.“ Und wenn sie dann nachts mit Martinshorn und Blaulicht zum Einsatz eilt, dann regen sich die nächsten auf, weil sie nicht schlafen können... Hinzu kommt, dass bei Einsätzen die Kameraden in ihrer Uniform nicht für voll genommen werden. Absperrungen werden ignoriert oder weggeräumt. Von freien Feuerwehrzufahrten oder Rettungsgassen ganz zu schweigen. Anderswo wird bereits von Angriffen auf Rettungskräfte berichtet. Soweit will man es in Weißwasser gar nicht erst kommen lassen. Zum einen setzen die Verantwortlichen auf Deeskalation. „Wir sind mit verschiedenen Kampfsportschulen im Gespräch“, sagt Jörg Lübben, der erste Vorsitzende des Fördervereins der Feuerwehr. Der erste Kurs soll im Herbst losgehen und soll Handlungsweisen aufzeigen, wie man bei Konflikten den Zunder rausnehmen kann. Zum anderen geht es aber auch um Fertigkeiten in der Selbstverteidigung, in denen die Kameraden geschult werden sollen.

Weißwasser will aber auch die Öffentlichkeit aufrütteln. „Respekt? Ja, bitte!“ heißt das Thema einer Podiumsdiskussion, zu der man am 2. Juni einlädt. Nach der Reihe Zukunft Brandschutz, die im Jahr 2010 begonnen hatte, sei es aus Sicht der Weißwasseraner wieder ruhig geworden. Zu ruhig! „Deshalb ist es an der Zeit, wach zu rütteln“, so Preußing. Denn man könne schon verstehen, wenn sich Kameraden in der freiwilligen Wehr fragen, warum sie sich das Ganze überhaupt antun. Noch dazu, wo sie auch als „billige Dienstleister missbraucht werden“, so Wehrleiter Marcel Nestler. Landtags- und Bundestagsabgeordnete sollen auf dem Podium zu Wort kommen. „Nur mit Lippenbekenntnissen wird es auf Dauer nicht mehr gehen“, so Jörg Lübben. Für ihn ist klar, „ohne Feuerwehr funktioniert das Gemeinwesen nicht. Das muss ins Bewusstsein gerückt werden.“

Das macht die Feuerwehr am Samstag eindrücklich. Wer den Kohlestauplatz ansteuert, wird ihn vor lauter Rot kaum mehr sehen können. Dort dürfte es nach Aussage von Jürgen Herzog fast schon eng zugehen. Der Feuerwehrmann ist seit vielen Jahren auch Schrauber bei der Arbeitsgemeinschaft Feuerwehrhistorik des Landkreises Görlitz-Nord. Dort werden zwei- und vierrädrige Schätzchen gehegt und gepflegt. Beim vierten Feuerwehr-Oldtimertreffen besagter AG in Weißwasser kann man sich selbst ein Bild machen. Über 70 Fahrzeuge und Handdruckspritzen haben sich angemeldet. Herausstechen dürften diesmal die TLF 15 G 5. Von diesen geländegängigen Löschfahrzeugen sind nach Aussage von Jürgen Herzog nur etwas über 120 Stück gebaut worden. 30 davon gibt es noch in Ostdeutschland. Und 13 davon werden in Weißwasser zu sehen sein. Die Technikfans nehmen dafür stundenlange Anfahrten in Kauf. Sie reisen aus dem Vogtland, der Sächsischen Schweiz und dem Norden Brandenburgs an. 60 Kameraden sind schon Freitag da und werden in Zelten auf dem Hof der Feuerwehrwache übernachten.

Weißwasser selbst wird mit vier Fahrzeugen und einer ETZ 150 das Techniktreffen bereichern. Das älteste Fahrzeug hat 51 Jahre unter der Motorhaube, das jüngste ist 32 Jahre alt. Unzählige Stunden – „sie sind nicht bezahlbar“ – haben Kameraden der Feuerwehren und Schrauber in den Erhalt der Fahrzeuge investiert. Dass die sich sehen lassen können, darauf ist Jürgen Herzog stolz. Seit Oktober feilt er an der Organisation des Events. Jetzt freut er sich auf viele Zuschauer, die hoffentlich auf dem Kohlestauplatz vorbeischauen. Natürlich kann bei der Feuerwehrveranstaltung auch Hunger und Durst gelöscht werden.