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| 01:19 Uhr

Familie half verfolgten Jüdinnen während der Nazi-Zeit

Weißwasser.. Die Knie wollen nicht mehr so richtig, aber davon abgesehen strahlt Annemarie Krall ungebrochene Lebensfreude aus. Die Weißwasseranerin konnte gestern ihren 85. Geburtstag feiern. Es gratulierten Oberbürgermeister Hartwig Rauh sowie Werner Schubert und seine Frau Helga. Katrin Schröder

Der passionierte Regionalgeschichtsforscher erinnerte dabei an eine Geschichte aus der Jugend der Jubilarin.
Im Sommer 1936 nahm ihr Vater August Scheffler, Witwer mit zwei Töchtern und einem Sohn, die jüdische Witwe Margarete Pese und ihre Tochter Gerda in sein Haus am Knappenweg 11 auf. Dort lebt Annemarie Krall heute mit Tochter und Schwiegersohn.
Schefflers und Peses kannten sich bereits aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise. Damals gaben die Unternehmen der Stadt kostenlos Essen an die Arbeitslosen aus. Der Heizer August Scheffler und seine Kinder bekamen ihre Brotzeit von Margarete Pese, die damals ein Textilgeschäft an der Muskauer Straße leitete. „Sie gab uns immer so reichlich, dass wir für zwei Tage zu essen hatten“ , erinnert sie sich.

Von der Straße geholt
Das Textilgeschäft wurde 1935 arisiert, Margarete Pese und ihre Tochter Gerda standen mittellos auf der Straße. „Niemand wollte sie aufnehmen, da haben wir uns bereit erklärt“ , erzählt die Jubilarin. Der Vater und die drei Kinder rückten zusammen, lebten gemeinsam in einem Zimmer, damit die beiden Dachkammern frei wurden für die Peses. Denen half der Vater mit Kohle und Lebensmitteln aus, wo es ging.
„Wir sind gut miteinander ausgekommen“ , sagt Annemarie Krall. Nach einer schweren Kopfgrippe war Gerda Pese behindert, konnte nur hinken und wurde immer wieder von Anfällen geschüttelt: „Sie hat sich dann oft ans Klavier gesetzt, das beruhigte sie.“
Mutig stellte sich der Vater den SA-Trupps entgegen, die bei der Reichskristallnacht 1938 auch die Bleibe der Peses demolierten. Annemarie Krall kam gerade von der Arbeit bei der Aktienhütte, später Oberlausitzer Glaswerke, zurück. „Oben war alles kurz und klein geschlagen. Die haben gehaust wie die Vandalen“ , erinnert sich Annemarie Krall. Den Vater nahmen die SA-Männer gleich mit. Sechs Wochen verbrachte er im Gefängnis. Frei kam er nur auf Fürsprache des Vorsitzenden des Marinebundes, in dem er Mitglied war.

Im Lager gestorben
Am Ende waren die Versuche der Schefflers, der jüdischen Witwe und ihrer Tochter zu helfen, vergebens. 1942 wurde Margarete und Gerda Pese nach Breslau gebracht. Von dort schrieb die Mutter eine letzte Karte an die Familie Scheffler: „Sie wollen mir mein Kind wegnehmen. Das überlebe ich nicht.“ Von Breslau kamen sie ins Lager Belzec, wo sie vermutlich starben.
Für seinen Einsatz wurde August Scheffler nie geehrt, das findet seine Tochter enttäuschend. „Von den Juden wollte niemand mehr etwas wissen“ , ist ihre Erfahrung. Das kann Werner Schubert bestätigen: „Bloß die Kämpfer gegen den Faschismus zählten, nicht seine Opfer.“