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Sicherheit
Fahrzeugklau hat sich fast verdoppelt

Nicht nur mit Gewalt verschaffen sich Autodiebe Zugang, sondern immer öfter mit digitaler Technik.
Nicht nur mit Gewalt verschaffen sich Autodiebe Zugang, sondern immer öfter mit digitaler Technik. FOTO: von Lieres/Fotolia
Krauschwitz. Grenzüberschreitend agierende Banden beschaffen Autos. Polizei in der Region Tag und Nacht im Einsatz. Von Regina Weiß

Eberhard Krautz hat es dicke. „Wenn ich den Satz lese: Die Soko Kfz hat die Ermittlungen aufgenommen, dann könnte ich k.... Das ist doch nur ein Alibisatz“, lässt er am RUNDSCHAU-Reporter-Telefon Dampf ab. Jeder Knaller-Fall werde verfolgt, aber die Autodiebe lasse man laufen, sei sein Eindruck. Und seine Erfahrung. Im vergangenen Jahr wurde dem Krauschwitzer die Garage leer geräumt. Die Motorradsammlung im Wert von rund 20 000 Euro verschwand. Nach drei Monaten bekam er Post vom Staatsanwalt. Inhalt: Das Verfahren werde eingestellt.

Jetzt verfolgt Krautz in der LR, dass die Diebe in der Region um Weißwasser wieder vermehrt zuschlagen. Mit Blick auf den Kalender formuliert er es drastisch: „Jetzt müssen die Weihnachtsgeschenke beschafft werden.“ Für ihn stellt sich die Frage, wie viele Diebstähle denn tatsächlich aufgeklärt werden. Die RUNDSCHAU hat deshalb Bundes- und Landespolizei zum Thema befragt.

Die Polizeidirektion Görlitz und das Landeskriminalamt Sachsen registriert seit einigen Monaten die andauernde Entwicklung vermehrter Autodiebstähle im grenznahen Raum zu Polen sehr aufmerksam. Auch der Raum Weißwasser steht dabei besonders im Fokus der Ermittler der Soko Kfz. Auch wenn die Fallzahl der Gesamtkriminalität in der Oberlausitz im Jahr 2016 auf dem tiefsten Stand der vergangenen zehn Jahre war, und auch für das laufende Jahr 2017 insgesamt mit einem erneuten Rückgang der Kriminalität in der Region gerechnet werden kann, so stehen Delikte der Eigentumskriminalität in der grenznahen Region zu Polen und Tschechien unverändert tagtäglich im Fokus der polizeilichen Arbeit, erklärt Thomas Knaup, Sprecher der Polizeidirektion (PD) Görlitz zum Thema.

Im Jahr 2016 wurden im Revierbereich Weißwasser insgesamt 32 Kraftfahrzeuge gestohlen, in 23 weiteren Fällen scheiterten die Täter. Fünf dieser Taten wurden bislang aufgeklärt, so der PD-Sprecher.

Die Kriminalstatistik für 2017 werde voraussichtlich Ende des ersten Quartals 2018 vorliegen. „Als Trendaussage stellen wir jedoch bereits jetzt fest, dass sich die Fallzahlen zu versuchten oder vollendeten Fahrzeugdiebstählen in der Oberlausitz erhöht haben“, so Knaup. Insbesondere deutlich mehr versuchte, aber gescheiterte,Diebstähle eines Autos wurden der Polizei bekannt. Diese Entwicklung gilt gleichermaßen für den Landkreis Görlitz und den Raum Weißwasser. Besonders für den hiesigen Revierbereich  zeichne sich beinah eine Verdopplung der  versuchten und vollendeten Fahrzeugdiebstählen ab.

Was die Täter tun?

„Aus den Ermittlungen der Vergangenheit wissen wir, dass wir es in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle mit grenzüberschreitend agierenden, organisierten Banden zu tun haben, die aus dem polnischen oder tschechischen Nachbarland heraus agieren“, erfährt die RUNDSCHAU von Knaup. Diese konzentrieren sich in ihrer „Arbeit“ auf die grenznahen Städte oder deren Umfeld. Denn von dort können die Täter mit den gestohlenen Fahrzeugen binnen weniger Minuten das für sie zunächst „sichere“ Ausland erreichen, und das, bevor die Tat überhaupt auffalle.

Die Täter handeln arbeitsteilig, so die Polizei. Thomas Knaup erklärt das wie folgt: Während quasi „Späher“ lohnenswerte Ziele und Fahrzeuge auskundschaften, werden für den Diebstahl selbst besonders fähige „Techniker“ eingesetzt. Sie können mit Werkzeugen oder digitaler Technik die Autos möglichst ohne sichtbare Spuren öffnen, die Motorelektronik manipulieren und den Motor starten. Das Ganze geschieht in der Regel in weniger als zwei Minuten.

Allein dieser Umstand zeigt, dass die im Werk eingebauten Sicherungssysteme der Autoindustrie bislang überhaupt keine Hürde für Diebe darstellen.

Zuletzt werden quasi „Laufburschen“ eingesetzt, die die gestohlenen Fahrzeuge vom Tatort bis zu einem Versteck fahren. Dieser Personenkreis trägt nach Ansicht der Polizei das höchste Risiko, entdeckt und gefasst zu werden. Oftmals handelt es sich bei den Personen um solche, die drogenabhängig sind oder in finanziellen Nöten stecken. Sie werden von den Banden angeworben und erhalten für den Transfer der Fahrzeuge oftmals ein geringes Entgelt oder beispielsweise den Erlass von Schulden. Dieser Personenkreis ist häufig auch aufgrund des etwaigen Drogenkonsums besonders enthemmt und agiert auch auf der Flucht vor der Polizei unberechenbar und ohne Rücksicht auf Verluste.

Bei der Polizeidirektion geht man davon aus, dass die gestohlenen Fahrzeuge gezielt entwendet werden. Sie werden für gewöhnlich in einem Versteck bereits kurze Zeit nach der Tat in Einzelteile zerlegt oder besonders hochwertige Fahrzeuge im Ganzen weiterverkauft. Abnehmer sind für gewöhnlich Hehler in Polen oder Tschechien, den baltischen Ländern, Rumänien, Weißrussland oder Russland.

Besonders schwierig wird es für die Ermittlungen der Polizei, wenn Fahrzeuge aus Einzelteilen in vollkommen neuer Konfiguration aufgebaut und so im Ausland mit einer neuen Identität zugelassen werden. Hierzu nutzen die Täter auch häufig die technischen Daten von Fahrzeugen, bei denen sie in Besitz der Zulassungsbescheinigungen gelangt sind, die die rechtmäßigen Eigentümer unvorsichtigerweise im Auto gelassen hatten. „Diese Dokumente sind für Autodiebe quasi Gold wert“, so Thomas Knaup.

Was tut nun die Polizei?

Die Landespolizei, aber auch die Bundespolizei oder der Zoll sind mit erkennbaren und im Verborgenen eingesetzten Kräften Tag und Nacht in den Landkreisen Bautzen und Görlitz im Einsatz, um Einbrüche oder Diebstähle und andere Straftaten zu verhindern oder beweissicher aufzuklären. „Klar sollte dabei auch sein, dass die Beamten nicht überall zur gleichen Zeit sein können. Aufgrund der kurzen Wege bis zu den nahen Grenzbrücken über die Neiße nach Polen oder zu den Grenzübergängen auf tschechisches Hoheitsgebiet und der damit verbundenen geringen Zeitspanne bei einer Flucht gelingt es der Polizei leider nur selten, Autodiebe auf frischer Tat zu stellen“, unterstreicht Thomas Knaup. Wenn, dann sind das zumeist Fälle mit Tatort in anderen Bundesländern oder dem europäischen Ausland, bei denen der Diebstahl der Fahrzeuge bereits aufgefallen war und die Polizei nach den gestohlenen Fahrzeugen bereits fahndete. Alles in allem kommt der enegen Zusammenarbeit mit den polnischen und tschechischen Kollegen eine besondere Bedeutung zu. „Die Zusammenarbeit mit unseren Partnerdienststellen in Wroclaw und Gorzow sowie mit den tschechischen Partnern der Bezirksdirektionen in Liberec und Usti nad Labem funktioniert sehr gut. Und dennoch ist das Ermittlungsgeschäft eine wahre Puzzle-Arbeit.“

Die Bundespolizeiinspektion Ludwigsdorf kann auf Nachfrage vermelden, dass sie von August bis zum Ende der vergangenen Woche insgesamt 18 gestohlene Fahrzeuge fest- beziehungsweise sichergestellt hat. Es handelte sich dabei um Pkw, die wissentlich in Deutschland entwendet wurden. Zwischen Fest- und Sicherstellung werde deshalb unterschieden, weil sich auch Autos und/oder deren Fahrer der Kontrolle entzogen haben. „In vier Fällen haben wir Tatverdächtige festnehmen können. Grundsätzlich übergeben wir solche Fälle an die zuständige Landespolizei“, so Michael Engler. Pressesprecher der Bundespolizei in Ludwigsdorf.

Seine Kollegen haben aber nicht nur geklaute Autos im Visier. Im Fokus sind weiterhin der  Diebstahl von Buntmetall entlang der Bahnstrecken (Niederschlesische Magistrale) „Ansonsten sind wir als Fahndungspolizei an den potentiellen Verkehrswegen in Grenznähe, also der B 115, der S 127 (Krauschwitz), der B 6, der B 99 und allen voran der Autobahn A 4 anzutreffen. Der Schwerpunkt unserer Fahndungsarbeit liegt nach wie vor bei der Bekämpfung der Schleuserkriminalität und der Verhinderung der unerlaubten Einreise ins Bundesgebiet“, erklärt Engler abschließend.

Was kann der Autobesitzer tun?

Der sollte aktiv werden und zusätzliche Sicherungssysteme einsetzen, die das Getriebe, die Kraftstoffzufuhr oder die Elektronik des Fahrzeugs beeinflussen, heißt es vonseiten der Polizei. Der Abstellort eines Autos sollte beleuchtet, das Grundstück umzäunt und mit einem abschließbaren Tor versehen sein, das auch abgeschlossen werden muss. Carportstellplätze können zusätzlich mit Bügelsperren versehen werden.