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| 13:19 Uhr

Heimatgeschichte
Expertin: „Mordthese ist falsch“

Dr. Agnete von Specht gilt als profunde Kennerin der von Arnimschen Familiengeschichte. Sie ist eine der drei Kuratoren der aktuellen Ausstellung im Muskauer Schloss.
Dr. Agnete von Specht gilt als profunde Kennerin der von Arnimschen Familiengeschichte. Sie ist eine der drei Kuratoren der aktuellen Ausstellung im Muskauer Schloss. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Bad Muskau. Die Historikerin Dr. Agnete von Specht referiert in Bad Muskau über das Leben der von Arnimschen Frauen. Der Tod der Laura von Arnim bleibt rätselhaft. Und ihr Sarg gilt als verschollen. Von Torsten Richter-Zippack

Über 62 Jahre hat die Familie von Arnim die Standesherrschaft Muskau geführt. Zwischen 1883 und 1945 bestimmten Traugott, Adolf und Hermann von Arnim die Geschicke des Landstrichs zwischen Spree und Neiße. An ihrer Seite standen vier Ehefrauen.

Das bis heute größte Rätsel umgibt indes Laura von Arnim, geborene Freiin von Lotzbeck, und erste Frau von Traugott von Arnim. Denn ihr Lebensende ist mysteriös, sagt die Berliner Kunsthistorikerin und Kuratorin der aktuellen Von-Arnim-Ausstellung im Neuen Schloss Bad Muskau, Dr. Agnete von Specht. „Was wir verbindlich wissen ist, dass Laura im September 1886 spurlos verschwunden war. Dann wurde sie in der Murg oberhalb des Ortes Weißenbach tot aufgefunden“, gibt die Experten den aktuellen Wissensstand wieder. Die Murg ist ein Flüsschen im nördlichen Schwarzwald, das bei Rastatt in den Rhein mündet. Wie die damals 34-jährige Frau zu Tode kam, gilt noch immer als ungeklärt. „Allerdings ranken sich um ihr Ende viele Geschichten“, sagt von Specht während ihres Vortrages in Bad Muskau. „Die Mordtheorie ist jedenfalls falsch“, fasst die Kunsthistorikerin zusammen. Genau davon handelt aber das Buch „Mord im Murgtal“. Agnete von Specht erklärt, dass der Autor zwar entsprechend recherchiert, aber eben nicht auf ihr bekannte Dokumente zurückgegriffen habe. Darüber hinaus hält sich bis heute die Räuberpistole, dass Laura über mehrere Wochen in einer Eismaschine „gekühlt“ worden sei. Oder aber die Version, dass sie sterben musste, um zügig an ihr nicht unbeträchtliches Erbe zu gelangen.

Denn Laura von Arnim entstammt der wohlhabenden Unternehmerfamilie von Lotzbeck. Diese betrieb im Badischen eine bestens gehende Schnupftabakfabrik. Zwar starb die Mutter bereits ein halbes Jahr nach Lauras Geburt an Typhus, doch der Vater galt als begnadeter Kunstsammler. Ein Teil seiner zusammengetragenen Werke ist bis heute in der Alten Pinakothek in München zu sehen. Sowohl Vater als auch Tochter, die bei ihren Großeltern mütterlicherseits in Paris aufwuchs, waren später öfter in einer badischen Nervenheilanstalt zu Gast. „Es ging um Depressionen“, weiß Agnete von Specht. Tatsächlich wirkt die spätere Ehefrau des ersten der drei von Arnimschen Standesherren auf zeitgenössischen Bildern meist melancholisch, aber nie ausgelassen fröhlich.

Im Jahr 1880 fand schließlich die Verlobung mit Traugott von Arnim in Rom statt. Die üppige Mitgift ermöglichte es Traugott, die Standesherrschaft Muskau anno 1883 zu kaufen. Die Ehe mit Laura blieb kinderlos. Als Traugott vom Tod seiner Frau erfuhr, soll er unendlich traurig gewesen sein, hat Agnete von Specht in Unterlagen der damaligen Zeit recherchiert. Traugotts Gattin wurde mit großem Pomp in der Muskauer Stadtkirche aufgebahrt. Sogleich ließ der frischgebackene Witwer im Muskauer Park ein Mausoleum errichten. Dieses wurde allerdings Mitte des 20. Jahrhunderts gesprengt. Seitdem gilt Lauras Sarg bis heute als verschollen.

Agnete von Specht will über den Tod der Laura von Arnim indes nicht spekulieren. „Fest steht, dass man sie nie obduziert hat“, erklärt die Wissenschaftlerin. Laura soll Morphium eingenommen haben, möglicherweise bildeten dafür ihre schweren Depressionen den Antrieb. Viele Szenen dieser Krankheit hat indes Mathilde Heber, die Gouvernante beziehungsweise Mentorin der Laura, in ihren Briefen festgehalten.

Traugott von Arnims zweite Ehefrau war ab dem Jahr 1889 seine verwitwete Schwägerin Caroline. Sie galt als künstlerisch hoch begabt, musikalisch und sehr gebildet.

Der zweite von Arnimsche Standesherr auf Muskau war ab 1919 Adolf. Seine Frau Sophie, eine geborene von Lippe-Weißenfeld, schenkte ihrem Mann vier Kinder. Sie trauerte, so hat Agnete von Storch herausgefunden, der vergangenen Kaiserzeit nach und war sehr konservativ eingestellt. Sophie galt später als Anhängerin der NS-Propaganda, war auch Mitglied der NSDAP und weiterer Organisationen des Führerstaates, was sie nach dem Krieg bereute. Bekannt wurde Adolf von Arnims Frau vor allem für ihre Lebenserinnerungen, die sie nach der Flucht in den Westen festgehalten hat. Darin wird der Muskauer Park detailliert beschrieben.

Als einen ganz anderen Typ beschreibt Agnete von Storch dagegen Alexandra von Arnim, die Ehefrau des letzten Muskauer Standesherren, Hermann. Während Sophie von Arnim noch mit ihrem Sonnenschirm durch den Park flanierte, half Alexandra tatkräftig bei der Heuernte mit, wie Fotos beweisen. Kein Wunder, hatte sie doch in Jena Landwirtschaft studiert. Und das ohne Abitur. „Mit großer Leidenschaft übte sie ihren Beruf aus“, urteilt von Specht. Alexandra besaß den Spitznamen „Spatz“, was sicherlich ihrer Körpergröße geschuldet war.

Während des von Arnimschen Frauenvortrages ist auch Thomas von Arnim im Muskauer Schloss anwesend. Der pensionierte Kardiologe, der in München lebt, ist der Sohn des Vetters von Hermann von Arnim, dem letzten Muskauer Standesherren. „Im Jahr 1984 besuchten wir erstmals das Muskauer Schloss, das damals noch eine ausgebrannte Ruine war. Wenn man sieht, was daraus gemacht wurde, kann ich nur Respekt zollen.“ Die aktuelle Von-Arnim-Ausstellung hat der Nachfahre mit angestoßen. „Denn es ist wichtig, den Menschen zu erklären, mit wie viel Mühe und Kraft das Pücklersche Erbe in der danach folgenden Zeit erhalten wurde.“