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| 13:09 Uhr

Weißwasser
Experte sagt: Lausitz hat Glück im Unglück

An der Diskussion nahmen Prof. Stefan Zundel, Claudia Muntschick, Moderator Martin Kuder, Dagmar Schmidt, Christoph Biele und Torsten Pötzsch (v.l.) teil.
An der Diskussion nahmen Prof. Stefan Zundel, Claudia Muntschick, Moderator Martin Kuder, Dagmar Schmidt, Christoph Biele und Torsten Pötzsch (v.l.) teil. FOTO: LR
Weißwasser. In Weißwasser wird lebhaft über den Strukturwandel diskutiert. Klappt er hier nicht, klappt es nirgends, erklären Fachleute. Von Torsten Richter-Zippack

Eigentlich, so argumentiert Prof. Stefan Zundel, könnten sich die Lausitzer glücklich schätzen. Zwar gehöre ihr Landstrich zu den wirtschaftlich schwierigsten in Deutschland, „aber über die Lausitz wird bundesweit am meisten diskutiert“, erklärt der Wissenschaftler von der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU). Allein in Ostdeutschland gebe es 20 bis 25 Gebiete mit ähnlichen Problemen wie zwischen Schlaubetal und Zittauer Gebirge, doch ausgerechnet an der Lausitz solle ein landesweites Exempel statuiert werden, erklärt Zundel während einer Diskussion im Rahmen der Weißwasseraner Sommerakademie. „Es ist schon paradox, aber gerade die Umweltverbände haben größtes Interesse, dass möglichst viel Geld in unsere Gegend fließt.“ Denn bislang nirgendwo anders gebe es ein gelungenes Beispiel für den Ausstieg aus der Braunkohlenförderung und Verstromung, ohne dass die jeweilige Gegend anschließend wirtschaftlich schlechter dastehe. „Wenn dieser Prozess hier nicht klappt, dann klappt er nirgends“, lautet Stefan Zundel seine These. Die Lausitz könne also ein Musterbeispiel für einen gelungenen Strukturwandel und für gelungene Klimapolitik werden. Kein Wunder, dass ebenfalls strukturschwache Regionen, so das Erzgebirge oder die Prignitz, ziemlich neidisch auf den Landstrich ganz im Osten schauen. Das sei, so formuliert es Stefan Zundel, ein „Glück im Unglück für die Lausitz.“

Darüber hinaus komme den Lausitzern ihr enormes Identitätsgefühl mit der Region  zugute. „Viele Leute verfügen bis heute über ein ganz starkes Wir-Gefühl. Denn sie haben in den 1970er-Jahren mit der Harke die Kohle aus den gefrorenen Kohlewaggons geholt, um die Energiewirtschaft der DDR am Leben zu halten. Das verbindet natürlich.“ Zundel spielt damit auf den Extremwinter 1978/1979 an, als aufgrund eines Blizzards das Lausitzer Revier nicht mehr weit vom Kollaps entfernt war.

Dagmar Schmidt vom Verein Lausitzer Perspektiven warnt jedoch davor, dass man mit viel Geld auch viel falsch machen könne. „Wirkliche Kreativität entsteht immer aus dem Mangel heraus.“ Und Claudia Muntschick vom „Kreativen Sachsen“ ergänzt, dass man Kreativität nicht auf Druck erzeugen oder irgendwohin pflanzen könne. „Wir brauchen auch weiche Standortfaktoren, um die Lausitz interessant zu machen.“ Dazu gehören unter anderem die verschiedensten Kultureinrichtungen sowie die Unterstützung kreativer Köpfe.

An einer neuen Lausitz-Studie versucht sich derzeit die Zukunftswerkstatt Lausitz mit Sitz in Bad Muskau, wie deren Mitstreiter Christoph Biele ankündigt. Obwohl laut Stefan Zundel bereits rund 80 ähnliche Studien existieren, will sich Biele nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. „Die darin erhobenen Zahlen sind notwendig für unsere weitere Arbeit. Denn wir denken nicht kurz- und mittelfristig, sondern in 30- oder 50-Jahres-Schritten.“

Der Weißwasseraner Oberbürgermeister Torsten Pötzsch bezeichnet sich indes als keinen Freund von Zahlendiskussionen. „Wir erleben solche Dinge eher als Verhinderer. Ein Beispiel bildet die Autobahn 4 nach Dresden. Da wurden vor Jahren die Verkehrszahlen erhoben, die heute längst nicht mehr stimmen, weil der Verkehr extrem zugenommen hat.“

Für Dagmar Schmidt zählt indes die Zukunft. „Wir arbeiten an einem Leitbild für die Lausitz. Soeben erhobene Zahlen sind ja morgen schon Vergangenheit. Deshalb ist es wichtig, erst mal zu definieren, wo wir überhaupt hinwollen.“

Was indes den Strukturwandel konkret in Weißwasser angeht, vertritt der Oberbürgermeister eigene Auffassungen: „Durch diesen Prozess wird mit Sicherheit viel Geld in die Region kommen. Wir haben derzeit gar nicht so viele Ideen, wie dann umzusetzen wären.“ Torsten Pötzsch favorisiert eher den Erhalt von Vorhandenem als Neuansiedlungen. „Wir haben hier fast jede Woche Anfragen nach Industrieflächen. Aber es gibt kaum noch welche. Deshalb verweisen wir Investoren zum Kraftwerk Boxberg, wo es genügend freie Areale gibt. Davon profitieren wir ebenfalls.“ Nicht zuletzt könne anfangs niemand mit Sicherheit sagen, ob eine Firma nur in die Region kommt, um Fördermittel abzugreifen und dann wieder verschwindet oder dauerhaft hier bleiben möchte.

Im Zuge des Strukturwandels will Pötzsch in seiner Stadt zwei Projekte angehen, die ihm besonders am Herzen liegen. Zum einen den Bahnhof, für den es zwar Fördergelder gebe, die Stadt aber nicht über die notwendigen Eigenmittel verfüge. Zum anderen die Glasfachschule, die in eine Art Behörden- und Institutszentrum verwandelt werden könnte. Konkret denkt Torsten Pötzsch dabei an eine Polizeischule. „Zumindest aber etwas, was mit Bildung zu tun hat.“