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Erste examinierte Pastorin Deutschlands

weißwasser.. Eva Oehlke wurde am 25. September 1893 in Breslau geboren. Sie studierte Philosophie und Theologie, arbeitete in verschiedenen Kirchengemeinden als Lehrvikarin. Im Jahr 1919 wurde sie als erste Frau Deutschlands in Marburg an der Philipps-Universität zum theologischen Fakultäts examen zugelassen. 1932 legte sie das zweite theologische Examen ab und wurde in Breslau ordiniert. Von lutz stucka

Im Rahmen ihrer ersten Anstellung in der Evangelischen Frauenhilfe Schlesiens kam sie nach Weißwasser und wurde hier am 15. April 1936 als Gemeinde- und Pfarramtshelferin in die evangelische Kirche aufgenommen. Sie erhielt die Aufgabe, die pfarramtliche Wirksamkeit der christlichen Gemeinde, besonders in der Kinder- und Jugendbetreuung zu erhöhen. Eva Oehlke sollte Bibelstunden und Kindergottesdienste abhalten, sich um den Frauenhilfe-Verein sowie den kircheneigenen Kindergarten im Gemeindehaus an der Berliner Straße bemühen. Aber auch das Kirchenbüro und die Redaktion des „Evangelischen Kirchenblattes“ lagen in ihrer Obhut. Ihre erste große Aufgabe war es, gemeinsam mit Kreisjugendpfarrer Seibt ein mehrtägiges Seminar zum Thema „Biblisches Rüstzeug für junge Mädchen“ durchzuführen. Am 3. November 1936 erhielt Frau Oehlke eine Zweizimmerwohnung im Pfarrhaus an der Kirchstraße zugewiesen.
Nach Ausbruch des Krieges 1939 wurden die beiden Pastoren Gahl und Deuse zur Wehrmacht eingezogen. Die Vikarin hatte nun die 9000 zählende evangelische Kirchengemeinde allein zu betreuen. Möglicherweise die Gunst der Stunde nutzend, verlangte die Stadtverwaltung im evangelischen Gemeindehaus einen Hilfskindergarten der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) einzurichten. Die Kirchengemeinde wollte aber keine politische Institution in ihrem Haus haben, und so erschienen rasch am 1. Oktober 1939 Leute der NSDAP-Ortsgruppe mit Polizei, besorgten den Schlüssel und nahmen das Haus in ihre Gewalt. Vikarin Oehlke wurde erklärt, es sei eine notwendige „wehrwirtschaftliche Maßnahme“ und sie müsse sich da bedingungslos fügen. Der evangelische Kindergarten wurde daraufhin geschlossen. In den Jahren des Krieges kümmerte sich die Vikarin hauptsächlich um den Frauenverein, wo unter anderem ein Nähkursus organisiert wurde, aber auch um die evangelischen Mädchenvereine von Neu-Weißwasser und Alt-Weißwasser. Neben der Pfarramtsleitung musste sie Gottesdienste auch für Kinder halten, sowie die Taufen, Trauungen, Beerdigungen und Konfirmationen oblagen ihr. Am 24. Februar 1942 erhielt sie Verstärkung von Pfarrer Friedrich Kiock, der als Kriegsvertreter für die beiden zur Wehrmacht gezogenen Pastoren nach Weißwasser kam.
Nachdem die Einwohner der Stadt am 22. Februar 1945 evakuiert waren, verblieben noch Leute, wie einige Arbeiter, Lebensmittelhändler, Beamte, Ostarbeiter im Ort. Die politisch und wirtschaftlich aussichtslose Lage brachte viele dem christlichen Glauben näher. Der Wunsch nach geistlicher Betreuung wurde stärker. So erhielt Vikarin Oehlke noch fünf Tage vor Beginn der Kampfhandlungen um Weißwasser den Auftrag von ihrem Vorgesetzten Superintendent Nay aus Muskau erteilt, für die Restgemeinde der Stadt und Kromlau als Pfarrerin verantwortlich zu sein.
Am frühen Morgen des 16. April 1945 begann der Beschuss der Stadt Weißwasser um einiges stärker zu werden. Seit vielen Wochen stand die Rote Armee jenseits der Neiße, und es detonierten immer wieder verschiedentlich einige Geschosse am Stadtrand. Auch russische Tiefflieger jagten ab und zu am Himmel über Weißwasser hinweg. Daran hatte man sich gewöhnt, aber jetzt war es anders, es schien ernst zu werden. Mächtiger Gefechtslärm drang aus Richtung Muskau herüber, der im Laufe des Tages allerdings ein wenig verklang. Der Kirchenälteste, Bäckermeister Arthur Michel, welcher noch in der Stadt weilte, um Brot für die hier Verbliebenen zu backen, fühlte die Gefahr jetzt sehr nahe und begann mit seiner Familie und einigen anderen Leuten einen kleinen Treck zusammenzustellen, um Weißwasser nun doch zu verlassen. Sie holten die Vikarin in ihrer Wohnung an der Kirchstraße ab. Die 13 Personen starke Gruppe m it beladenen Handwagen setzte sich in Richtung Jagdschloss in Bewegung. Zuvor hatten sie erfahren, dass sich der Kampfkommandant der Stadt, Graf von und zu Egloffstein, in gleiche Richtung absetzen werde. Unterwegs schlossen sich dem Zug mit der Vikarin noch einige Ostarbeiter an. Schon am 18. April, kurz nach der Einnahme der Stadt durch die Rote Armee, kehrte die Flüchtlingsgruppe zurück. Sie hatte sich in der eben eingerichteten sowjetischen Kommandantur zu melden, und Frau Oehlke erhielt einen Ausweis mit der Aufschrift „Pastor von Weißwasser“ , denn sie war zurzeit die erste und einzigste Geistliche in der Stadt. Sie konnte sich damit frei bewegen und auch außerhalb des Ortes ihre Amtsgeschäfte erledigen.
Pfarrer Kiock hatte mit einem Großteil der evangelischen Familien Weißwasser im Februar verlassen und kehrte erst im November zurück. Die Monate bis dahin waren für Eva Oehlke besonders schwer. Das große Elend und die hohe Sterblichkeit, besonders unter den Flüchtlingen, die nur notdürftig in der zum Teil zerstörten Stadt irgendwo untergebracht waren, nahm sie übergebührlich in Beschlag. Aber auch die schweren Verhandlungen, die sie mit den Offizieren der russischen Kommandantur zu führen hatte, forderten ihr viel ab. Die Betreuung der Umsiedler außerhalb Weißwassers in Altteich und der Wohnsiedlung Jagdschloss gehörte ebenfalls zum Aufgabengebiet.
Im September 1945 fuhr die Vikarin mit dem Zug nach Berlin. Sie kletterte in einen Güterwagen und musste diesen in Kiekebusch wieder verlassen, da eine Brücke bei Cottbus zerstört war. Zu Fuß ging es nach Cottbus. Sie trug bewusst nicht viel bei sich, da bekannt war, dass Reisende hier Plünderungen ausgesetzt waren. Wieder einen Zug benutzend, kam sie in Berlin an. Sie suchte den Leiter einer Hilfsaktion, Probst Grüber, auf, berichtete über das Flüchtlingselend in Weißwasser und bat um Hilfe. Auch ein Missionshaus und das Burkhardshaus, mit denen die evangelische Kirchegemeinde Weißwasser vor dem Krieg in enger Verbindung stand, besuchte sie, um die Verbindung wieder herzustellen. Am 15. Oktober nahm sie an einem Pfarrkonvent teil, an dem vorrangig die Lage im Kirchenkreis Rothenburg, zu dem auch Weißwasser gehörte, besprochen wurde. Besondere Themen waren die Flüchtlingsfürsorge, die hohe Sterblichkeit und die Jugendbetreuung. Als Pfarrer Kiock einen Tag später nach Weißwasser zurückkehrte, begleitete ihn Schwester Elisabeth Meyer von der Diakonissenstation im Gemeindehaus Altes Dorf. Mit ihr begann Eva Oehlke die Jugendbetreuung in der Stadt zu organisieren. Seit Anfang Dezember gab sie den Oberschülerinnen auf ihrem Weg zur Unterrichtsstätte im Alten Dorf täglich ab sieben Uhr im evangelischen Gemeindehaus eine Stunde Religionsunterricht.
Während einer Beerdigung im Winter 1952 glitt die Vikarin auf einer gefrorenen Treppenstufe aus, fiel zu Boden und brach sich den Unterarm. Während des Heilprozesses stellte sich eine schwere Nervenentzündung ein, an der auch ihr Vater verstarb. Eva Oehlke musste ihr Amt aufgeben und am 1. April 1953 in den Ruhestand gehen. Sie lebte viele Jahre im Pfarrhaus, bis sie eine Neubauwohnung am Eichendorffweg bezog. Da sie allein stehend war, drängte das Wohnungsamt in der Zeit des großen Wohnungsbedarfs in der Stadt, die Pensionärin zurück in eine kirchliche Wohnung. So teilte Eva Oehlke sich die Diakonissenwohnung, ein Wohn- und Schlafzimmer sowie eine Küche, im evangelischen Gemeindehaus an der Berliner Straße mit Schwester Maria Vogt.
Oft besuchte sie hier Pfarrer Kiock auf eine Tasse Tee. Oder es kamen, auch ohne Anmeldung, seelisch Rat Suchende zu ihr ins Gemeindehaus, denen sie sehr gern half. Besonders den jüngeren Menschen gab sie ihre warm-seelsorgerische Betreuung, betonte der Geistliche zu ihrer Beisetzung auf dem Friedhof von Weißwasser.
Eva Oehlke verstarb am 19. November 1970.