| 02:51 Uhr

Erinnerungen an den Schulstart

Ursula Krasel war Lehrerin mit Leib und Seele. Jetzt versucht sie, Katzenmädchen Sina zu erziehen.
Ursula Krasel war Lehrerin mit Leib und Seele. Jetzt versucht sie, Katzenmädchen Sina zu erziehen. FOTO: Weiß
Weißwasser. Wohl jede Generation ist aufgeregt, wenn es zum ersten Mal in die Schule geht. Das war 1951 so und ist heute auch nicht anders. Regina Weiß

Das Album liegt aufgeschlagen auf dem Wohnzimmertisch. Erinnerungen sind dort festgeklebt. Plötzlich ändern sich Raum und Zeit. Von Weißwasser geht es nach Demitz-Thumitz und 66 Jahre zurück. Damals heißt Ursula Krasel noch Patzina. Und die kleine Ursel ist wahnsinnig aufgeregt. Es ist Spätsommer 1951. Sie kommt in die Schule. "Die sieht doch toll aus, nicht", zeigt sie auf ein Schwarz-Weiß-Foto und ein wahrlich herrschaftliches Gebäude. In den Zeiten noch kurz nach dem Krieg waren solche Lernbedingungen nicht überall gegeben. "Es ist doch wirklich verrückt, dass man sich daran noch so gut erinnern kann", wundert sich die 73-Jährige. Sie ist plötzlich wieder sechs Jahre alt und sieht sich hübsch gemacht am ersten Schultag. Im Saal in Kmochs Gasthof ging es los und von dort weiter zur Schule. Weiße Strümpfe und ein rotkariertes Kleid hatte sie an. "Und ein weißer Kragen, der musste sein. Meine Mutti hat immer gesagt, ,das putzt ungemein'", muss sie heute noch lachen. Der Humor kommt bei den Erinnerungen nicht zu kurz. Wie auch, wenn das Mädchen in Fröhlichsdorf (heute Tschechien) geboren wurde.

Hahnenkamm und Propeller waren ihre Markenzeichen als Schulanfängerin. Letzteres war die große rote Schleife im Haar. Beim ersten Gang in die Schule standen die höheren Klassen, die Pioniere Spalier - ein festliches Willkommen für die damaligen Klassen 1a und b.

Stolz hält sie auf einem der Bilder ihre große Zuckertüte im Arm. Dieser Begleiter am ersten Schultag sei ein sehr ansehnliches Exemplar gewesen. Rote Streifen und Blümchen haben ihn verziert. Leider überstand er den ersten Tag nicht ohne Blessuren. "Ich habe die Zuckertüte zu doll aufgestellt. Da knickte die Spitze weg." Ein Moment der Trauer. Doch Freude pur gab es, als Ursula die leckeren selbst gebackenen Plätzchen auspacken konnte. Um dann empört festzustellen, "dass die Zuckertüte unten ausgestopft war". Mutter Emilie Patzina hat sich halt zu helfen gewusst.

Ursula Patzina haben Schule und Lernen immer Spaß gemacht. Das sollte sie ihr Leben lang begleiten. Was so richtig den Ausschlag gegeben hat, weiß sie gar nicht mehr. Irgendwann war der Wunsch da, Lehrerin zu werden und der wurde nach der Schulzeit im Granitdorf Demitz-Thumitz und zu Zeiten des Abiturs in Bischofswerda auch angepeilt. Da Deutsch und Zeichnen schon immer die Lieblingsfächer des Mädchens waren, sollte es das Studium zur Lehrerin für Deutsch und Kunsterziehung werden. Mit großen Hoffnungen gestartet, folgte prompt die Ernüchterung. Dresden schickte mitten in der Prüfungszeit eine Absage. Ein Beschwerdebrief, den Vater Franz mit formulierte, ging retour. Und siehe da, es folgte ein Angebot zum Studium. Doch die Fächer waren nun ganz andere: Es wurde Mathe und Physik studiert. "Ich habe es nie bereut", sagt Ursula Krasel heute.

Dresden brachte nicht nur Wissenszuwachs. Dort lief sie auch der "Liebe ihres Lebens" über den Weg. Bernd Krasel studierte an der Verkehrshochschule. 1967 wurde ein einschneidendes Jahr. Erst gab es die Hochzeit, dann den Schulstart in Weißwasser. "Es ist 50 Jahre her."

Der damalige Kreisschulrat Jürgen Thust machte sich mit der jungen Absolventin gleich mal einen Spaß. "Da fragt der mich doch, ob ich eine Ein-, Zwei-, Drei- oder Vier-Raum-Wohnung haben möchte", erzählt sie.

In der damaligen 2. Polytechnischen Oberschule beginnt sie unter Horst Herkner ihre Leh rerlaufbahn. Der Gablenzer Lehrer Werner Paulick und Lehrerin Helga Thust "schieben" und begleiten sie hin zum Fachberater. Zwischendurch, so erzählt Ursula Krasel, "habe sie den Vogel gehabt, in die Erwachsenenqualifizierung zu gehen." Das Ganze endet als Direktorin. Von 1984 bis 1990 ist sie das an besagter Schule 2. Klar, dass sie in dieser Zeit auch die Abc-Schützen in Empfang nimmt und Einschulungsfeiern mitgestaltet. Auch das wurde noch auf Schwarz-Weiß-Bildern festgehalten. Im adretten Kostüm sieht man Ursula Krasel auf der Bühne stehen. "Ich bin immer gern Lehrerin gewesen", sagt sie. Es sei aber immer mehr als ein Beruf gewesen, es war Berufung.

Als Direktorin erlebt sie nach der Wende auch nicht so schöne Stunden. Ihr wird gekündigt. Doch sie kämpft. "Da habe ich meinem Mann viel zu verdanken." Er habe sie unterstützt. So kehrt Ursula Krasel zurück als Lehrerin. Sie unterrichtet bis Anfang 2005 in Weißwasser und stundenweise in Lohsa.

Heute freut sie sich, wenn sie ehemalige Schüler trifft. Schön seien vor allem die Begegnungen bei Klassentreffen. Klar, dass man dort gemeinsam in Erinnerungen schwelgt. "Wir haben mal vor 50 Jahren an einem Nachmittag Vogelfutter gebastelt und sind dann mit einem Förster im Schnee zum Drachenberg gewandert. Dort haben die Kinder einen Baum für die Vögel geschmückt. Das ist bei jedem Klassentreffen wieder Thema."

Zum Thema:
In der ersten Grundschule in Weißwasser in der August-Bebel-Straße in Weißwasser laufen heute die Einschulungsfeiern im Stundentakt. Drei erste Klassen gibt es dort. Im Durchschnitt haben diese eine Klassenstärke von 22 Kindern.An der Froboeß-Grundschule in Weißwasser gibt es eine erste Klasse mit 18 Mädchen und Jungen.Ebenfalls 18 Kinder werden in die Geschwister-Scholl-Grundschule Weißwasser eingeschult.Im Lindenhof Bad Muskau bekommen heute Vormittag 50 Kinder ihre Zuckertüten überreicht, es sind die zwei neuen Klassen an der Pückler-Grundschule.27 Abc-Schützen begrüßt Schulleiterin Marlies Brehmer heute in Daubitz. In Sagars Grundschule beginnt heute für 40 Schüler in zwei Klassen ein neuer Lebensabschnitt. Zwei Klassen mit insgesamt 41 Kindern werden an der Grundschule in Schleife eingeschult. Zum dritten Mal in Folge findet die Einschulungsfeier im Vereinshaus Trebendorf statt.In der Grundschule Boxberg gibt's 30 Abc-Schützen in zwei Klassen.