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| 16:32 Uhr

Weißwasser
Einfach nur die Hand halten

Die Trebendorferin Marina Tschernik ist seit einem Jahr als Hospizhelferin tätig. Von Torsten Richter-Zippack

„Wenn man die Leiden der schwerkranken Menschen nachvollziehen kann, wird man einfach glaubwürdiger“, sagt Marina Tschernik über ihre ehrenamtliche Tätigkeit als Hospizhelferin für den ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienst Diakonissenanstalt Emmaus. Denn was Schmerz, Abschied und Trauer bedeuten, braucht der 64-jährigen früheren Weißwasseraner Gerichtspflegerin niemand zu erzählen. „In meinem Leben gab es mehrere Schicksalsschläge. Besonders das Leiden meiner Mutti, die ich über drei Jahre zu Hause betreut hatte, ist mir sehr nahe gegangen“, berichtet Tschernik.

Vor einem Jahr hat die Trebendorferin den Entschluss gefasst, ehrenamtliche Hospizhelferin zu werden. Möglich wurde die Ausbildung durch einen Kurs der Nieskyer Diakonissenanstalt Emmaus. Zudem ist bereits im Juli 2017 ein Büro der Einrichtung im Krankenhaus Weißwasser eröffnet worden. Bis dato galt die Glasmacherstadt im Hospizwesen als weißer Fleck auf der Landkarte. „Neben der Einführung in unsere Arbeit gibt es eine persönliche Auseinandersetzung mit dem eigenem und fremdem Sterben und Tod, die Grundlagen der Begleitung schwerkranker Menschen, entsprechende Rituale und vieles mehr“, erklärt Mitarbeiterin Manuela Noack. Unterrichtet werde direkt im Krankenhaus der Glasmacherstadt.

Marina Tschernik hat den Kurs trotz ihrer persönlichen Schicksalsschläge gut bewältigt, wie sie selbst sagt. Inzwischen hat die 64-Jährige ihre ersten Patienten selbst betreut. „Die etwa 80-jährige Frau, die in einem Pflegeheim in Weißwasser lebte, klagte ständig über sehr starke Schmerzen. Ich habe dabei ihre Hand gehalten und gestreichelt“, berichtet Tschernik aus ihren ersten Erfahrungen. Sprechen konnte sie mit der Krebspatientin nicht mehr, denn ihre Leiden wurden immer dramatischer. „Ihr Schicksal hat mich schon sehr mitgenommen“, gibt die Trebendorferin zu. Manuela Noack ergänzt, dass sie die besagte alte Dame noch ein paar Tage vorher begegnet war. „Damals hatte sie uns Hospizhelfer als Engel bezeichnet und ganz kurz gelächelt.“

Damit sie die Trauer um die Sterbenden nicht zu sehr belastet, hat Marina Tschernik Rituale entwickelt. „Ich reibe meine Hände mit Orangenöl ein. Zudem lese, stricke und häckele ich gern“, erklärt sie. Nicht zuletzt sei die Begleitung bisher fremder Sterbender etwas anderes, als wenn es in der eigenen Familie einen solchen Fall gebe. „Ich sehe durch meine Hospizarbeit keineswegs einen Verlust in meinem Privatleben“, bekennt Tschernik. Stattdessen seien die Angehörigen oft massiv überfordert. „Wir versuchen sie ein wenig zu entlasten“, erklärt Manuela Noack. Beispielsweise könnten die Anverwandten während der Zeit, in der sich die Hospizhelfer mit dem Patienten befassen, einen Kurzausflug in den Wald machen. „Um dort den ganzen Schmerz und Frust heraus zu schreien“, weiß Noack.

Inzwischen hat Marina Tschernik drei Patienten betreut. Nach dem Abschluss jeder Phase gönnt sie sich eine kleine Pause. „Das muss sein, um wieder herunter zu kommen“, lautet ihre Begründung. Ansonsten investiere sie pro Woche rund zwei Stunden in ihre ehrenamtliche Hospiz-Helfertätigkeit.

Im Bereich Weißwasser gibt es nach Angaben von Manuela Noack derzeit acht bis zehn Gleichgesinnte. Meist handele es sich um Menschen vom mittleren bis ins Seniorenalter. Bereits im September beginnt der nächste Helferlehrgang in Weißwasser. Anmeldungen sind noch bis 30. August möglich. „Es ist keine medizinische Vorbildung erforderlich“, stellt Noack klar. Wichtig seien Empathie, aber auch die Fähigkeit, loslassen zu können, um die Schicksale psychisch zu verarbeiten. Die Teilnahme am Befähigungskurs zum Hospizhelfer verpflichte nicht zur anschließenden Mitarbeit. Diese Entscheidung werde erst danach getroffen. Bislang liegen für den Weißwasser-Kurs etwa ein halbes Dutzend Anmeldungen vor. „Wir können noch mehr Menschen brauchen“, sagt Manuela Noack. Und Marina Tschernik? „Ich möchte auf jeden Fall weiter als Hospizhelferin tätig bleiben. Es ist mir eine Herzensangelegenheit geworden.“

Weitere Informationen zu Arbeit und Kurs gibt es unter
Telefon 03588/264135 oder
unter 0172 4405933.