In unserer Abteilung organisierten wir als Jahreshöhepunkt immer eine gemütliche Weihnachtsfeier, verbunden mit einem urigen Schlachtfest. Aus den unterschiedlichsten Gründen gab es beim Boxberger Kraftwerksbau oftmals Änderungen im Baugeschehen. Dabei kamen vorgefertigte Bauelemente, nicht wie im Projekt vorgesehen, zum Einsatz und stapelten sich auf unserem Lagerplatz. Als Ladenhüter wurden sie wegen ihrer geringen Kosten meistens von landwirtschaftlichen Betrieben verbaut. Dafür bekamen wir jedes Jahr als Dankeschön ein „Weihnachtsgrunzerchen“. Zu DDR-Zeiten war das die kameradschaftlichste Handelsform und nicht wie einige Neider behaupteten, ein krummes Ding.

Neuer Chef, neue Regeln

Doch in einem Jahr war das anders. In der Schweinemastanlage, von der wir unser Tier erhalten sollten, zog ein neuer Chef ein, der alles revolutionierte. Er besetzte die Pförtnerloge neu und hatte angewiesen, dass ohne seine Genehmigung kein Schwein das Gelände verlassen dürfe. Mit Alfred, dem Genossenschaftsvorsitzenden, und Herrmann, dem Schweinemeister, waren wir uns darüber einig, dass wir trotzdem wie gewohnt unser Tier bekämen. Aber es blieb offen, wie wir ohne die Genehmigung des Neuen mit dem Tier den Pförtner passieren sollten. Es hieß nur, euch wird schon was einfallen.

Jedenfalls wollten wegen unseres Schweines keinen Zoff mit dem Autoritären. Wir waren ratlos und drauf und dran, die Weihnachtsfeier ohne Schlachtfest durchzuführen. Nur Erwin, der Mutigste von uns, der fast immer für alles eine Lösung fand, protestierte. „Der soll sich wundern, das Ding drehe ich, verlasst euch drauf!“ Er bestellte mich und einen anderen Kollegen zwei Tage vor der Feier dorthin, wo das Schlachtfest stattfinden sollte, um ihm beim Abladen des Tieres zu helfen.

Motorrad mit Beiwagen

Wir warteten mit einem unguten Gefühl, da die angegebene Zeit längst überschritten war. Doch plötzlich näherte sich ein knatterndes Fahrzeug, welches wir als Motorrad mit Seitenwagen erkannten und von Erwin gesteuert wurde. Beim Absteigen rief er uns zu: „Männer klatscht ab, das Ding ist gelaufen!“ Voller Stolz erzählte er von seinem Coup.

Zunächst hatte der Schweinemeister Herrmann dem Tier eine einschläfernde Spritze verabreicht. Da dieser nicht wusste, wie lange diese anhalten würde, habe er sich beim Rallye-mäßigen Ankleiden des Tieres beeilen müssen. Nachdem er die Sau mit einer Wäscheleine vergurtet und ihm Motorradbrille, Schal und Sturzhelm angelegt hatte, zog er ihm noch die steife Lederoljacke über. Danach sei er bis zur geschlossenen Schranke gefahren und hätte vor Aufregung am liebsten den Rückwärtsgang eingelegt.

Vor Lachen ausgeschüttet

Erst als der Wachmann die Tür des Pförtnerhäuschens öffnete und sich vor Lachen schüttelte, sei die Angst von ihm gewichen. Das Herunterkurbeln des Schlagbaumes musste der Bediener wegen anhaltender Lachanfälle mehrfach unterbrechen. Er beruhigte sich erst, als der Mann ihm fröhlich gestand: „Nimm es mir nicht übel, dein Kumpel im Seitenwagen kann ja nichts dafür, aber er sieht tatsächlich aus wie ein Schwein! Tschüs, dann ihr zwei, bleibt gesund und ein frohes Weihnachtsfest!“