Rita Schillack steht vor dem Fema-Kulturhaus in Rietschen und hat ihr kleines Foto-Album aufgeklappt. Um die 67-Jährige herum stehen gleichaltrige Senioren und schauen ihr über die Schulter. Gebannt schaut man auf alte Schwarz-Weiß-Fotografien mit gezackten Rändern. Kinder sind darauf zu sehen. Sie fahren Fahrrad, sitzen in einem Spreewald-Kahn oder sind auf dem Weg zu Schule. Die Rentner sehen sich selbst, als sie noch Grundschüler waren.

Viele der Damen und Herren Jahrgang 1944 und 1945 haben sich zuletzt vor 53 Jahren gesehen. Damals haben sie in Rietschen ihre Grundschulzeit beendet. In der heute leer stehenden Villa neben dem Gebäude der Freien Schule lernten sie Rechnen, Lesen und Schreiben. Manfred Marko, einer von ihnen, erinnert sich: "Die Räumlichkeiten waren damals ziemlich beengt. Die dritte und vierte Klasse musste nach Nieder Prauske ausweichen. Ich weiß noch, wie ich im Winter von Rietschen aus mit Skiern dorthin gerutscht bin."

Manfred Marko war es, der die Idee hatte, seine Mitschüler nach so langer Zeit zusammenzutrommeln. Er lebt längst in Berlin, hat in Görlitz aber noch eine Schwiegermutter. "Wenn ich sie besuche, fahre ich immer durch Rietschen." Und irgendwann im März diesen Jahres sah er bei dieser Gelegenheit im Ort ein Transparent, auf dem die 650-Jahr-Feier angekündigt wurde. Da dachte er sich: "Das wäre doch ein guter Anlass für ein Klassentreffen."

Die ehemaligen Mitschüler Roland Schulze und Werner Hergesell, die beide noch in Rietschen leben, halfen Marko beim Realisieren der Idee. "Alle, wirklich alle, die wir angerufen haben, waren erfreut und haben gleich ihr Kommen zugesagt," sagt Roland Schulze. Rita Schillack reiste gar aus Böblingen bei Stuttgart nach Rietschen an. 650 Kilometer Anfahrtweg. So viel musste sonst keiner zurücklegen. "Aber ich bin gern gekommen", sagt sie. Und: "Keiner weiß doch, ob wir uns noch mal wiedersehen. Es gibt so viel zu erzählen. Rita Schillack zum Beispiel ist 2001 mit ihrem Mann dem Sohn hinterhergezogen. Bei Ikea fand die Diplom-Designerin noch mit 56 Jahren sofort einen Job. "Das war neun Jahre ein gutes Arbeiten."

Die drei Klassentreffen-Organisatoren haben das Programm am Freitag bewusst überschaubar gehalten: Treffen an der alten Schule, Besuch der Ausstellung zur Geschichte Rietschens im Fema-Kulturhaus. Dann ein Spaziergang durchs Dorf zum Erlichthof. Im "Forsthaus" dort, so Marko, sollte schließlich noch genug Zeit zum Schwelgen in Erinnerungen bleiben. Rita Schillack wird aber auch die nächsten Tage in Rietschen bleiben. Mit Bruder Klaus Herzog, ein Rietschener, will sie die Gegend erkunden.