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Ein Waldbrand setzt Menschen in Angst und Schrecken

Es ist heute auf den Tag genau 15 Jahre her, als vor den Toren von Weißwasser und des Ortes Mühlrose ein bis dato nicht dagewesener Waldbrand wütete, der sich binnen kurzer Zeit zu einer Katastrophe entwickelte. Der heute 22-jährige Andreas Hanl von der Freiwilligen Feuerwehr Weißwasser, damals noch ein Kind, hat sich den Ereignissen von vor 15 Jahren jetzt gemeinsam mit dem früheren Wehrleiter Wilfried Hebig und dem Weißwasseraner Eberhard Walkowiak intensiver gewidmet. Herausgekommen ist eine Dokumentation mit Text- und Fotobeiträgen. Hier einige Auszüge. (red/ni)

In den späten Nachmittagstunden des 22. Mai 1992 wurde über das Polizeirevier ein Brand östlich der neuen B 156 entlang der Bahnlinie Weißwasser-Görlitz gemeldet. Ein Tanklöschfahrzeug wurde in Marsch gesetzt, weitere Feuerwehrkräfte aus Weißwasser wurden alarmiert. Als um 17.13 Uhr ein weiterer Brand westlich der B 156 im Bereich Weißkeißeler Wiesen gemeldet wurde, erfolgte eine Alarmierung mittels Sirene.
Die Brandbekämpfung erfolgte mit mobilen Tanklöschfahrzeugen. Unterstützung kam auch aus den Nachbarkreisen Niesky, Forst, Spremberg und Hoyerswerda. Etwa 230 Kameraden waren im Einsatz. Es gelang ihnen, den Brand bis gegen 19.45 Uhr zu lokalisieren. Eine Nachtwache mit 42 Kameraden wurde eingerichtet.

Wind sorgt für Neuentzündungen
Am Sonnabend gegen 7.45 Uhr begannen die Ablöscharbeiten. Ab 10. Uhr frischte der Wind bedrohlich auf. Als sich Einsatzleiter Wilfried Hebig und Kreisbrandmeister Ehrenfried Krause gegen 11.45 Uhr wieder vor Ort begaben, zeigten sich erste lokale Neuentzündungen. Gegen 12 Uhr brannte der Rand eines kleinen Birkenwäldchens nahe des Rothwassergrabens. Böig drehende Winde führten zu zahlreichen Neuentzündungen. Die Lage wurde immer unübersichtlicher.
Um 14.58 Uhr wurde Katastrophenalarm ausgelöst. Um 15.45 Uhr stand das Feuer als Vollbrand 300 m vor der alten B 156 und konnte von den hier wirkenden Kräften nicht aufgehalten werden. Gegen 17 Uhr umlief das Feuer das Forsthaus Altteich. Der Brand überschritt die ehemalige Tzschellner Betonstraße und dehnte sich weiter in Richtung Westen aus. Bedrohlich wurde es nun für Weißwasser-Süd. Das Feuer drückte immer massiver auf das Heizhaus, auf den Garagenkomplex Süd und auf die damalige Minol-Tankstelle. Hier wurden die Hauptkräfte konzentriert: die aus ganz Sachsen eintreffenden Feuerwehrkräfte, Bundeswehreinheiten vom 423. Panzerbatallion, die gerade auf dem Truppenübungsplatz Nochten waren mit Leopard-Bergepanzern und Pioniergerät, dazu Polizei, BGS, und Forstangestellte. Zur medizinischen Versorgung der Einsatzkräfte wurde ein Med.-Punkt eingerichtet.
Ein Arzt und DRK-Fahrer standen für den Notfall bereit. Um 18 Uhr erfolgte die Alarmierung einer Agrarfliegerstaffel im brandenburgischen Kyritz, der Agrarflugplatz in Reuthen wurde ab 19.12 Uhr einsatzbereit gemacht. Zwei Jahre lang war er nicht benutzt worden. Erst gegen 22.35 Uhr konnte das Feuer unterhalb der Langen Wiese parallel zur Kohlebahn zum Stehen gebracht werden.
Ein Übergreifen auf die Kohleverladung und die Ortslage Mühlrose wurden verhindert. Seit Sonntag, dem 24. Mai, 6 Uhr, erfolgte die Brandbekämpfung aus der Luft zunächst mit vier Flugzeugen. Um 8.07 Uhr landeten zwei Polizeihubschrauber aus München auf dem Freizeitpark.
Der Kampf der zurückliegenden 24 Stunden war zumindest insoweit erfolgreich gewesen, dass der Brand lokalisiert war. Polizei und BGS flogen Kontrolle. Der Blick aus der Luft zeigte, dass es nach wie vor noch immer Glutnester gab, besonders in den Moorgebieten. Und wieder kam stark böiger Wind auf. Er fachte diese Glutnester erneut an, und gegen 12 Uhr ähnelte die Situation auf dramatische Weise der vom Vortag.
Die gelben „Hummeln“ der ehemaligen Agrarfliegerflotte waren die ersten, die den Kampf wieder aufnahmen. Nur zehn Meter über den brennenden Baumwipfeln klinkten sie in zwei Sekunden 1200 Liter Wasser aus. Um 12.40 Uhr startete der erste Heereshubschrauber CH 53 mit einem 5000-1-Fass. Weitere Hubschrauber folgten. Das Löschwasser entnahmen sie dem Kleinen Halbendorfer See, später auch dem Braunsteich. Aber aller Einsatz reicht nicht aus. Das Feuer ist einfach übermächtig. Gegen 14.30 Uhr ist alles außer Kontrolle: Ein Wipfelbrand rast mit Windgeschwindigkeit die B 156 entlang, kommt dem Feuerwachturm und dem Heizhaus gefahrlich nah und bedroht die Minol-Tankstelle nun unmittelbar.

Evakuierung von Süd
Feuerwehr-Einsatzleiter Ehrenfried Krause regt in dieser Situation an, die Bewohner der Südstadt zu evakuieren. Ab etwa 15 Uhr beginnt ein Lautsprecherwagen, die Menschen darauf einzustellen. Die Bewohner der Werner-Seelenbinder-Straße und des AWO-Kinderheims werden aufgefordert, sich auf eine mögliche Evakuierung unmittelbar vorzubereiten. Die Südstadt wird hermetisch abgeriegelt. Anwohner in Privatfahrzeugen gelangen nicht mehr zu ihren Häusern. Selbst durch die geschlossenen Fenster dringt der Brandgeruch. Aber der Wind dreht, praktisch im letzten Moment. Er drückt das Feuer an der Tankstelle vorbei, etwa 300 Meter sagen die einen, von knapp 400 Meter sprechen andere, die dabei waren. Gegen 17 Uhr ist klar: Weißwasser ist verschont geblieben.
Zum selben Zeitpunkt wird es in Mühlrose richtig ernst: Im Nochtener Weg ist das Haus der Familie Quasnik direkt bedroht. Heeresflieger und Tanklöschfahrzeuge werden eilig herbeigerufen. Es gelingt, das Feuer knapp 100 Meter vor dem Haus zu stoppen.
Erst am Abend ist das Schlimmste vorbei. Die Privatsender Sat 1 und RTL sind inzwischen mit eigenen Aufnahmeteams vor Ort. Überall in Deutschland erfahren die Menschen in den Nachrichtensendungen, dass die Stadt Weißwasser bedroht ist, weil über 1000 ha Wald in Flammen stehen und dass etwa 1000 Kameraden der Feuerwehr und andere Kräfte kaum in der Lage sind, die Situation einigermaßen zu beherrschen.
Der Brand ist am Dienstag noch immer etwa acht Kilometer lang, die Breite liegt zwischen 700 und 2500 Metern. 126 Feuerwehrfahrzeuge und fast 1200 Kameradinnen und Kameraden der Feuerwehren aus den Regierungsbezirken Dresden, Leipzig und Chemnitz sowie aus dem Land Brandenburg und aus Berlin sind im Einsatz, dazu Spatenkräfte der Bundeswehr und ABM-Kräfte aus dem Landkreis.

Hilfe aus Baden-Württemberg
Für den notwendigen Funkverkehr sorgt der Bundesgrenzschutz. Kollegen der Laubag schlagen Schneisen mit schwerer Technik, Bergepanzer des Bundes stehen in Bereitschaft. Zu den vier Heereshubschraubern aus Rheine nahe der niederländischen Grenze kommen im Laufe des Montags weitere dazu.
Die Zahl der ehemaligen Agrarflugzeuge wird auf zehn erhöht. Langsam entspannt sich die Lage. Am Dienstagvormittag kommt weitere Hilfe: Eine Wehr aus Winnenden, zu der schon seit 1990 freundschaftliche Beziehungen bestanden, hat am Montagabend, 18.10 Uhr, ihre Kameraden alarmiert und in Marsch gesetzt: Löschzüge aus Baden-Württemberg, aus den Kreisen Heilbronn und Ludwigsburg und aus dem Rems-Murr-Kreis. Insgesamt treffen 25 Fahrzeuge, 104 Feuerwehrangehörige sowie zusätzliche Fahrzeuge der Berufsfeuerwehren Mannheim, Böblingen und Freiburg mit Außenlastbehältern für Hubschrauber ein.
Nach Aussage der Einsatzleitung waren zu diesem Zeitpunkt etwa 75 km Schläuche verlegt. Dem Löschwasser musste teilweise Netzmittel zugesetzt werden, da der Boden vielerorts so ausgetrocknet war, dass das Wasser regelrecht abprallte und es einfach weiterbrannte. Die Feuerwehr Weißwasser kümmerte sich ab sofort um die technische Versorgung aller beteiligten Kräfte. Ständig waren die Fahrzeuge abrufbereit zu halten, ständig war Technik zu warten, manchmal zu reparieren . . . Verluste gab es auch: Schläuche, Verteiler, Übergangsstücke, persönliche Ausrüstungsgegenstände.
Aber jeder hatte sich irgendwie mit diesem Zustand der Dauerbereitschaft arrangiert, irgendwie wurde alles zu einer Art Normalität in diesen Tagen. Draußen ging der Kampf weiter, gegen Aufflammungen und Neuentzündungen, gegen Mittagstemperaturen von über 30 Grad Celsius, gegen den Wind, gegen Staub und gegen Asche.
Am frühen Nachmittag des 29. Mai um 13.15 Uhr passiert etwas Schreckliches: Kamerad Thomas Jung aus Gablenz, der als Meldefahrer mit dem Motorrad unterwegs ist, wird auf der Anfahrt zur Einsatzstelle an der Kreuzung von einem aus der Lutherstraße kommenden Lkw die Vorfahrt genommen. Hilfe ist nicht mehr möglich. Die Straße, die zum Stützpunkt der Freiwilligen Feuerwehr Weißwasser führt, erhielt 1993 seinen Namen.
Erst am 7. Juni um 17.30 Uhr, nach 20 Einsatztagen, konnte der Katastrophenzustand aufgehoben werden. Am Tag zuvor hatte es zum ersten Mal wieder ausgiebig geregnet. Von den beteiligten Kräften waren bis zu diesem Zeitpunkt - nach vorsichtiger Schätzung - rund 230 880 Einsatzstunden geleistet worden. Aber noch im gesamten Monat Juni zeigten sich immer wieder vereinzelte Glutnester, die durch die Kameraden der Feuerwehren des Kreises abgelöscht werden mussten.

Zum Thema Ansprechpartner
 Die komplette Dokumentation der Ereignisse ist als DVD mit Originalaufnahmen von 1992 zum Preis von 12 Euro nach erfolgter Vorbestellung bei der Freiwilligen Feuerwehr Weißwasser, Thomas-Jung-Str. 10, Tel. 03576/24 65 13, erhältlich.