ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:36 Uhr

„Ein treuer Gedanke bleibt für immer in Erinnerung“

Das Ehepaar Marie und Wilhelm Wierik. Fotos: privat
Das Ehepaar Marie und Wilhelm Wierik. Fotos: privat
Rohne. „Zwerna myslicka, wecny pomjatk ma“ (zu deutsch sinngemäß: „Ein treuer Gedanke bleibt für immer in Erinnerung“). Diesen Spruch kann man manchmal auf Truhen oder Schränken lesen, die Wilhelm Wierik mit traditioneller sorbischer Bauernmalerei verziert hat. Diesem Leitgedanken hat Wierik in seinen künstlerischen Arbeiten stets versucht gerecht zu werden. Er ziert auch den Grabstein der Eheleute Wierik auf dem Rohner Friedhof. Vor 100 Jahren wurde Wilhelm Wierik geboren, der mit seiner Frau Marie in der Schleifer Region lebte und wirkte. Von Reinhard Wierik

Wilhelm Wierik wurde am 9. Dezember 1910 als Sohn einfacher Leute in Rohne geboren. Da der Vater im 1. Weltkrieg fiel, wuchs er als Halbwaise auf dem Bauernhof seines Großvaters in Rohne auf. Marie Wierik, geboren am 31. Dezember 1910 in Mulkwitz, wuchs als drittes Kind einer Bauernfamilie, ebenfalls in ländlichen Verhältnissen auf, wo beide von frühester Jugend an die sorbische Sprache als Muttersprache erlernten und in die ländliche sorbische Kultur dieser Region hineinwuchsen. Bei Wilhelm Wierik entdeckte der Dorfschullehrer bereits früh eine besondere Malbegabung, die er nach seinen Möglichkeiten förderte.

Er gab dem Jungen die Möglichkeit, bei sich zu Hause mit dem Malkasten des Lehrers zu malen. Nach dem Ende der Schulzeit empfahl er der Mutter, den begabten Jungen in eine entsprechende Lehre zu geben. Da eine Kunstschule nicht zu finanzieren war, gelang es doch, eine Malerlehre in Spremberg zu beginnen. Hier erlernte er von Grund auf den Handwerksberuf, wobei auch sein Meister seine Talente erkannte und ihm die Techniken der Möbelmalerei und Lackiererei beibrachte.

Da er auch musikalisch war, zeigte er gleichfalls Interesse für die Musik und erlernte Gitarre, Saxophon und später auch Klarinette. Ausgelernt arbeitete er als Maler und Lackierer in verschiedenen Orten der Lausitz, bis er Anfang der dreißiger Jahre arbeitslos wurde und einen eigenen Malerbetrieb gründete. Er übernahm Haus und Hof und die kleine Landwirtschaft seines Großvaters, wodurch die materielle Grundlage für die Führung eines Handwerksbetriebes gegeben war. In dieser Zeit lernte er seine Frau Marie kennen, die er 1933 heiratete. Nun besuchte er auch die Gewerbeschule in Liegnitz, wo er 1938 den Meisterbrief erhielt. Wilhelm Wierik führte seinen Malerhandwerksbetrieb, bis er 1976 in Rente ging. Bis vor etwa 150 Jahren waren die Heidedörfer im Gebiet des Kirchspiels Schleife durch ihre von Wäldern und Feuchtgebieten eingeschlossene Lage relativ abgeschieden und "geschützt" vor äußeren Einflüssen. So hat sich seit etwa 1000 Jahren ein eigener Dialekt der sorbischen Sprache, man kann sagen eine eigene Sprache, ein vielfältiges Brauchtum und ein kulturelles Leben entwickelt, von dem einiges bis heute erhalten geblieben ist. Daran haben viele Menschen in dieser Region mitgewirkt, zu denen auch das Ehepaar Wierik zu rechnen ist.

Als Wilhelm Wierik 1946 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, versuchte er zunächst seinen Handwerksbetrieb wieder zu aktivieren. Glücklicherweise hatte er die kleine Landwirtschaft seines Großvaters schon vor dem Krieg übernommen, so dass die Hungerjahre einigermaßen glimpflich überstanden wurden. Angeregt von Bauernmalereien, die er in der Kriegsgefangenschaft in Jugoslawien gesehen hatte, erinnerte er sich an Bauernmalereien auf Möbeln und Gebrauchsgegenständen seiner Lausitzer Heimat. Er begann, sich für alte Möbel zu interessieren und suchte nach Motiven und Gestaltungsformen.

Bauernstube bis heute zu sehen

1949 gestaltete er sein Wohnzimmer völlig um und ließ Bauernmöbel anfertigen, die er nach seinen Vorstellungen mit alten traditionellen Motiven verzierte. Diese Bauernstube war für die damalige gestaltende Kunst in der Schleifer Region einzigartig und kann noch heute in seinem Geburtshaus in Rohne bewundert werden. In dieser Zeit probierte sich Wilhelm Wierik auch in der Landschaftsmalerei aus, die er jedoch aus Zeitgründen nur sporadisch, meist im Winter, ausüben konnte. Doch existieren noch in der Region einige Ölbilder in Privatbesitz, die seine Initialen tragen. Auch widmete er sich zunehmend in seiner Freizeit der Musik. Bereits in den dreißiger Jahren hatte er mit seinem Bruder eine Tanzkapelle gegründet und auf den Dörfern zum Tanz gespielt. Diese Tradition ließ er wieder aufleben und war als Tanzmusiker und im Rohner Männerchor lange Zeit aktiv.

Mitbegründer Domowina Rohne

Anfang der fünfziger Jahre wurde er auch Mitglied der Domowina und Mitbegründer der Ortsgruppe Rohne, später viele Jahre ihr Vorsitzender. Durch sein Engagement in der Kulturarbeit traf er auch mit dem Maler und Schriftsteller Mercin Nowak-Njechornski, dem Autor Wylem Bjero und den Musikschaffenden Jurij Winar und Jan Bulank, sowie anderen Persönlichkeiten des sorbischen Kunst- und Kulturschaffens zusammen.

Seine Frau Marie wurde ebenfalls früh Domowina-Mitglied, wo sie viele Jahre bis ins hohe Alter aktiv war. Sie verfügte über umfangreiche und detaillierte Kenntnisse des sorbischen Brauchtums und der Vielfalt der komplizierten Schleifer Tracht. Als eine der ersten in der Schleifer Region begann sie aus Trachtenresten und anderen geeigneten Textilien originalgetreu Trachten für Puppen zu schneidern. Ihren detaillierten Kenntnissen, ihrer Ausdauer und ihrem Geschick ist es zu verdanken, dass zahlreiche Trachtenpuppen entstanden sind und so ein wichtiger Beitrag für die Erhaltung dieser Volkstracht geleistet wurde. Als ehemalige Kantorka (Vorsängerin im dörflichen Mädchenchor) besaß Marie Wierik wertvolle Kenntnisse des Volks- und Kirchenliedgutes des Schleifer Kirchspiels. Viele Melodien und Texte sind bei Musikschaffenden wie Jan Paul Nagel und Jan Bulank in Liedersammlungen eingeflossen. 1973 wurde die Idee, eine Sorbische Heimatstube als kleines Dorfmuseum zu gründen, vom Ehepaar Wierik als Initiatoren in die Tat umgesetzt.

Mit Hilfe anderer engagierter Dorfbewohner und der Kenntnis des Dorflebens vergangener Zeiten, wurden in den umliegenden Dörfern Möbel, Hausrat, Kleidung, Werkzeuge und Gegenstände des dörflichen Alltags aufwendig zusammengetragen und eine sorbische Bauernstube nachgestaltet. Marie Wierik machte, solange es ihre Gesundheit zuließ, noch als Rentnerin Führungen für Besucher und Gäste.

An dieser Stelle sei noch ein geschichtlicher Ausflug gestattet. Vor über 200 Jahren lebte in Rohne Hanso Njepila, ein schriftkundiger Bauer mit literarischen Neigungen und Fähigkeiten, der zahlreiche handschriftliche Bücher über das ärmliche Dorfleben, die Natur, die Religion und das Brauchtum der Region im Schleifer, sorbischen Dialekt verfasst hat. Leider sind nur wenige Originale erhalten geblieben. Dieser Mann war nach heutiger Kenntnis die herausragendste sorbische Persönlichkeit seiner Zeit in der Schleifer Region und Mitbegründer der sorbischen Schriftsprache im Schleifer Dialekt. Glücklicherweise ist sein Haus noch in Rohne erhalten. Der Njepilahof wurde in den letzten Jahren durch den Njepilaverein mit seinem Vorsitzenden Manfred Nickel liebevoll restauriert und in eine schmucke, sehenswerte Begegnungsstätte mit Dorfmuseum verwandelt. Die sorbische Heimatstube ist mit hohem Aufwand und originalgetreu umgesetzt und in das Holzhaus des Njepilahofes integriert worden. Eine Besichtigung ist empfehlenswert.

Begabung Bauernmalerei

Wilhelm Wierik war ein sehr vielseitig begabter Handwerksmeister, der einen wesentlichen Beitrag zum sorbischen Kulturleben seiner Zeit geleistet hat. Hervorzuheben ist jedoch seine außerordentliche Begabtheit in der Bauernmalerei. Er hat viele Jahre alte bemalte Möbel restauriert und nachgebaute Möbelstücke, hauptsächlich Truhen, neu verziert. Angelehnt an traditionelle sorbische Muster und Ornamente hat er dafür einen einzigartigen, eigenen Malstil mit einer ausgeklügelten Maltechnik entwickelt, der sich deutlich von der Bauernmalerei in Österreich, Süddeutschland und Norddeutschland unterscheidet. Glücklicherweise gibt es einige Schüler, die diese Tradition fortsetzen und hoffentlich weiter pflegen und entwickeln. Marie und Wilhelm Wierik haben sehr viel für das kulturelle Leben und den Erhalt des Sorbischen in der Schleifer Region getan und an Jüngere weitergegeben, nicht zuletzt an ihre Kinder und Enkel.

Die beiden Töchter Rosmarie Schenker und Ingrid Nagel sind neben ihrem beruflichen Schaffen als Redakteurin/Sprecherin im sorbischen Rundfunk und Sorbischlehrerinnen auch bekannt als Autoren sorbischer Literatur und als Sängerinnen in der ehemaligen Folkloregruppe "Judahej".

Marie Wierik in der Bauernstube.
Marie Wierik in der Bauernstube.