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Ein City-Manager für das Wir-Gefühl?

Weißwasser. Wie kann man Handel und Händler in Weißwasser unterstützen? Hilft es, einen City-Manager einzusetzen, einen Gewerbeverein zu gründen? Weniger Einwohner, die Online-Konkurrenz sowie Shopping-Center in Großstädten machen hiesigen Ladenbesitzern zu schaffen. Etliche Schaufenster sind bereits verwaist. Gabi Nitsche

"Viele haben sich zurückgezogen, wurden zu Einzelkämpfern oder haben bereits resigniert", skizziert Martin Kuder vom Projekt "Perspektive(n) Weißwasser" die Ist-Situation. Am Händlerstammtisch am Donnerstagabend wurde teils heftig über diese Themen debattiert. Kuder & Co. sind der Meinung, gemeinsam lässt sich in der kritischen Situation mehr erreichen. "Umsetzen können wir nichts, aber Sie beraten und Wissen einbringen", bietet er an. Dass es funktionieren kann, hat die Werbegemeinschaft in den 1990er-Jahren gezeigt, erklärt Oberbürgermeister Torsten Pötzsch (Klartext). "Organisiert ist es vielleicht einfacher, etwas auf die Beine zu stellen. Doch der Impuls muss von den Händlern kommen", fordert Pötzsch auf.

In Weißwasser gab es schon viele Veranstaltungen, um Kunden zu begeistern. Es wurde gefeiert und gelacht. "Alles super, und ich ziehe den Hut vor den Händlern, die das organisierten wie zum Beispiel den Altstadt-Frühling", meldet sich Möbelhaus-Eigentümer Dietmar Petsch zu Wort. "Aber waren diese Veranstaltungen verkaufsfördernd?" Der Weißwasseraner rät: "Niemand darf sich etwas vormachen. In allererster Linie soll ein Unternehmen gewinnbringend sein. Das hat nichts mit Egoismus zu tun. Ich bin verantwortlich für mich, meine Familie und 20 Mitarbeiter." Und dabei belässt es Petsch nicht: "Ich muss sehen, wie ich Kunden in mein Geschäft bekomme." Dazu müsse man diese begeistern, das Geschäft interessant machen. In 27 Jahren am Markt habe seine Unternehmerfamilie auch "verdammt schwierige Zeiten" durch. Ihr habe der Blick über den Tellerrand geholfen, zu schauen, was andere besser machen, genauso wie zielgruppenorientiertes Marketing und top ausgebildete Mitarbeiter, die etwas von Verkaufen verstünden. "Wenn ich schon in ein Geschäft komme und gefragt werde: Kann ich Ihnen helfen? Helfen ist Sache von Ärzten, aber nicht von Verkäufern", ereifert sich Dietmar Petsch.

Händler und CDU-Stadtrat Andreas Kaulfuß meint, einen Gewerbeverein brauche niemand mehr. "Uns steht das Wasser bis zum Halse." Und was die Stadt denn tun will, fragt er. Die Reaktionen darauf fallen heftig aus, ebenso seitens Händler. "Du bist selbst Stadtrat und torpedierst vieles. Entweder wir ziehen alle an einem Strang, oder jeder stirbt für sich allein", sagt zum Beispiel der OB. Einwohner Peter Sievers: "Wir alle sind die Stadt."

Die Stadtverwaltung kann für gewisse Rahmenbedingungen sorgen. Egal was, es funktioniert nur, wenn man sich einig ist, so Pötzsch. Das fange schon bei den verkaufsoffenen Sonntagen an. Wenn nur 40 Prozent der Geschäfte öffnen, beklagt Stadtrat (Wir für hier) Hartmut Schirrock vom gleichnamigen Uhren- und Schmuckgeschäft, fahren die Leute lieber in ein Center, wo alles offen ist. Ein Zusammenschluss der Händler fände er nicht verkehrt.

Bettina Nagajek, die Gastronomin der "Kaffeemühle", spricht sich dafür aus, erst einmal wieder klein anzufangen, sich regelmäßig zu treffen, kennenzulernen und auszutauschen. "Es kann auch eine lose Struktur sein mit dem Ziel des intensiven Austausches", reht der OB an. Zielführende Diskussionen ja, "eine Laberrunde brauchen wir nicht", so die Auffassung von Dietmar Petsch.

Was die Idee eines City-Managers angeht, so könnte Weißwasser diesen mit Fördergeldern bezahlen. "Was wünschen sich die Händler von so einer Person?", fragt Wirtschaftsförderer Torsten Rennhak. Diesbezüglich wolle er eine Rund-Mail schicken. Als Anregung dient die Ausschreibung aus Delmenhorst. Einzelhändler Rico Ritter dazu: "Ich finde das so richtig. Aber auch, dass wir reden, selbst wenn es heute verschiedene Facetten gab. Das zeigt, wie wichtig es ist zu reden. Schlimmer ist Schweigen."

Zum Thema:
Es gehört zum EU-Programm "Bildung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier" (Biwaq). 1,7 Millionen Euro kann Weißwasser für verschiedene Projekte nutzen. BTU-Stadtmanagement-Studenten untersuchen gerade das Einkaufsverhalten der Weißwasseraner: Wo kaufen die Menschen was ein? 2018 will Weißwasser ein neues Einzelhandelskonzept aufstellen.