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| 17:59 Uhr

Bundestag
Ein bisschen Vagabundenleben

Tino Chrupalla sitzt seit September im Bundestag.
Tino Chrupalla sitzt seit September im Bundestag. FOTO: privat
Gablenz. Die ersten 100 Tage waren schnell vorbei. AfD-Bundestagsabgeordneter Tino Chrupalla aus Gablenz zieht eine erste Bilanz seiner Arbeit.

Im 80-seitigen Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung kommt das Wort Handwerk nicht einmal vor, hat der AfD-Bundestagsabgeordnete Tino Chrupalla festgestellt. „Das ist ein Skandal“, kommentiert der Gablenzer. Für ihn ist klar, dass das traditionelle Handwerk keine Lobby in der Bundesregierung hat. „Das muss sich dringend ändern“, so Chrupalla. Seit 2002 hat er seine Malerfirma selbstständig geführt. Weiß also, was den Handwerkern auf den Nägeln brennt und wie sie die Abgabenlast drückt. Nun gehört er seit seinem Wahlerfolg am 24. September dem Deutschen Bundestag an. Er ist dort einer der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Alternative für Deutschland und Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Energie.

Die Arbeit als Abgeordneter mache ihm Spaß, gibt Chrupalla im Gespräch mit der RUNDSCHAU unumwunden zu. Gerade auch, weil so vieles Neues auf ihn einstürmt. Neue Menschen, die er kennenlernt, neue Themenfelder, mit denen er sich befassen muss und will. Die Sorgen und Nöte seiner Heimat­region sind bunt gemischt. Sie fangen bei den Nackenschlägen in der Wirtschaft an – Stichworte Bombardier, Siemens und Waggonbau –, gehen weiter über den Wolf bis hin zur Ärzteversorgung in der Region. Hinzu kommt das Thema Sicherheit. Da müsse es doch möglich sein, für einen gewissen Zeitraum Grenzkontrollen zu schaffen oder die Grenze zumindest nachts zu sichern, fordert der Politiker. Schließlich fallen die geklauten Autos allen in der Grenzregion auf die Füße: Stichwort Versicherung.

Chrupalla sammelt ein, versucht sich in Themen einzuarbeiten, will zuhören und anschieben. Als Mitglied der größten Oppositionspartei im Bundestag will er aber nicht nur den Finger in die Wunde legen, sondern auch Veränderungen anpacken. Dafür wolle man sich in der eigenen Partei erst mal einen Fahrplan machen. Im März gibt es in der Fraktion zum Thema ländlicher Raum eine Klausurtagung, kündigt er an. Was braucht es, damit Regionen wie seine Heimat weiter funktionieren können, ist die Schlagrichtung. Dabei will der Gablenzer nicht in einer Legislaturperiode, sondern in zehn, 20 Jahren denken. „Es geht darum, gewisse Visionen zu erarbeiten.“ Auf der anderen Seite geht es ihm aber auch um Planungssicherheit, gerade was die Leag und das Thema Braunkohle betrifft.

Zu diesen Visionen gehört aber auch, nicht in der Oppositionsrolle zu verharren. „Wirklich erreichen kann man nur etwas, wenn man regiert“, unterstreicht Chrupalla. Man wolle die neue Volkspartei werden und viele Ebenen besetzen. Da blickt der Kreisvorsitzende seiner Partei sowohl auf die Kommunal- wie auf die Landtagswahl. „Das ist ein großes Thema“, sagt er in Bezug auf Gemeinde- und Stadtratswahlen im Jahr 2019. Interessierte, auch parteilose Bürger, wolle man dazu aufstellen. Beim Land legt Chrupalla noch eine Schippe drauf. „Wir wollen der Nachfolger der CDU werden“, erklärt er selbstbewusst seine Ambitionen.  „Schließlich habe ich ja auch den neuen Ministerpräsidenten gekürt“, so Chrupalla lachend und erinnert an seinen Sieg gegen Michael Kretschmer (CDU), den er aus Junge-Union-Zeiten kennt.

„Ich war schon immer sehr ehrgeizig. Und wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig“, gibt er zu. Das war letztlich auch der Motor im Wahlkampf. Meckernd über die Politik habe er immer wieder am Tisch gesessen. Bis seine Frau ihn aufforderte, dann doch aktiv zu werden. Heraus kam nicht nur ein Wahlkampfmarathon, sondern nun ein bisschen sowas wie ein Vagabundenleben, wie Chrupalla etwas scherzhaft einschätzen muss. Zwischen Berlin und dem Wahlkreis versucht er den Spagat hinzubekommen. In Berlin norde sich alles langsam ein – nachdem die erste Zeit in Übergangsbüros sehr kuschelig war. Viel unterwegs sein, das sei er aus den Wahlkampfzeiten gewöhnt, so der 42-Jährige. Er müsse jetzt noch lernen sich Tage freizuschaufeln. Das nicht nur für das eigene Befinden – „ich komme schlecht runter“ – sondern auch für die Familie. Vor allem dem Vierjährigen – der Gablenzer hat drei Kinder – falle es sehr schwer, dass der Papa für längere Zeit weg ist.