Hans-Beat Motel, der Autor des Buches, arbeitete selbst als Missionar und später in der Direktion der Herrnhuter Brüder unität in Bad Boll (Baden-Württemberg). "Vor viereinhalb Jahren habe ich angefangen, mich mit diesem dunklen Kapitel in der Geschichte unserer Kirche zu beschäftigen", erklärt er. Die Trennung der Missionarskinder von ihren Eltern im Alter von sechs Jahren war bei der Herrnhuter Brüdergemeine Gesetz. Sie kamen nach Deutschland, um hier im Sinne ihrer Kirche erzogen zu werden. Insgesamt 2500 Kinder waren davon betroffen. 2000 von ihnen kamen nach Kleinwelka, wo die Herrnhuter 1780 eine Knabenanstalt errichtet hatten.

"Es müssen herzzerreißende Szenen gewesen sein, die sich beim Abschied abgespielt haben", erklärt Hans-Beat Motel. In den ersten sechs Lebensjahren verlebten die Kinder der Missionare, die unter anderem in Surinam, Nikaragua und Tanganjika (dem heutigen Tansania) arbeiteten, eine wohlbehütete und unbeschwerte Kindheit. Doch mit dem sechsten Lebensjahr - so verlangten es die Regeln - mussten sie nach Deutschland.

"Bei den Herrnhutern bildete das Dienen das Grundprinzip. Alles wurde dem Dienst an der Gemeinschaft untergeordnet", unterstreicht der Buchautor. Dies galt auch für Traugott Bachmann (1865 bis 1948), der bei seiner Missionstätigkeit im Njassaland (heute Malawi) fünf Kinder zurücklassen musste und als einer von zahlreichen Zeitzeugen, von denen Überlieferungen erhalten sind, zu Wort kommt. Dazu Hans-Beat Motel: "Bachmann fügte sich, auch wenn er irgendwann begann, Fragen zu stellen: Ist das wirklich Gottes Wille, dass wir so unnatürlich handeln?" Schließlich herrschte auch in kirchlichen Kreisen kein Zweifel daran, dass Kinder zu ihren Eltern gehören.

Diese Fragen stellte sich auch Motel: "Was waren die Gründe dafür, dass die Herrnhuter in dieser Frage so rigide vorgingen?" Die erste Antwort, die er fand, war eher oberflächlicher Natur: "In den Missionsländern gab es zumeist keine Schulen, in denen man die Kinder hätte unterrichten können." Doch gelangte der Autor zu tiefer gehenden Erkenntnissen: "Die Kinder galten nicht als ,Besitz' der Eltern, sondern der Gemeine. Diese Leitlinie ging auf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, den Begründer und geistigen Vater der Herrnhuter Brüdergemeine, zurück. Hinzu kam - zumindest in der früheren Zeit - eine gewisse Überheblichkeit gegenüber den Kulturen der Gastländer, von denen die Kinder nicht zu stark beeinflusst werden sollten."

In Deutschland - genauer in Kleinwelka - führten die Missionskinder ein zumeist freudloses Leben. Bis zu 140 von ihnen waren gleichzeitig in der Knaben- und der Mädchenanstalt untergebracht. "Da war kaum individuelle Zuwendung möglich", betont Hans-Beat Motel. Kontakte zur Umgebung gab es allenfalls sonntags, wenn der Besuch des Gottesdienstes im benachbarten Kirchensaal Pflicht war und, wo die Kinder zwei Drittel der Anwesenden ausmachten. Briefe an die Eltern waren erlaubt, wurden jedoch zensiert und waren bis zu einem Jahr unterwegs.

Bei seinen Recherchen stieß Motel nicht nur auf Entgegenkommen. "Manche fragten mich: Was soll das? Warum wäschst du diese schmutzige Wäsche?" Vorwürfe, er würde "seine Kirche nicht lieben", wurden laut. "Ich wollte erkennen, worauf dieses System der Familienzerstörung - denn nichts anderes war es - beruhte." Und es gebe noch viel mehr in der Geschichte der Brüderunität aufzuarbeiten, beispielsweise ihre Rolle und ihr Selbstverständnis in der Zeit des Nationalsozialismus. Benigna Carstens, Direktorin der Herrnhuter Diakonie, begrüßt das Erscheinen des Buches: "Die Geschichte lehrt uns, dass nicht jedes Opfer im Sinne Gottes ist. Ein Opfer, das zu dauerhaften seelischen Schäden führt, kann nicht Gottes Wille sein." In dem Gebäude, das bis 1942 als Anstalt für die Missionskinder diente, betreibt heute die Herrnhuter Diakonie ein Altenpflegeheim.

Zum Thema:
Das Buch "Mama, mein Herz geht kaputt" von Hans-Beat Motel (ISBN 978-3-9814838-4-0) kostet 18 Euro und wird von der Comenius-Buchhandlung Herrnhut herausgegeben (Comenius-Buchhandlung GmbH, Comeniusstraße 2, 02724 Herrnhut, Telefon 035873 2253, E-Mail comenius-buchhandlung@ebu.de.)