Der wirtschaftliche Boom in Weißwasser Ende des 19. Jahrhunderts, besonders der Glasindustrie, veranlasste die Unternehmerfamilie Schweig, erwirtschaftetes Kapital weiter zu investieren. So gründeten der rastlose Joseph mit seinem nur 24-jährigem Neffen August am 1. April 1895 an der heutigen Berliner Straße eine Porzellanmanufaktur.

Mit Gebrauchsgeschirr angefangen
Hier wurde von Hand hauptsächlich Luxusporzellan, wie Kaffee- und Speiseservices, Sammeltassen, Leuchter, Zierschalen, geformt und zunächst an nur einem Ofen gebrannt. Von Beginn an war der Absatz gut und die Nachfrage stieg stetig. Die Firmengründer entschieden daraufhin, im folgenden Jahr einen zweiten Brennofen in Betrieb zu nehmen. An diesem wurde mit der Herstellung von Gebrauchsgeschirr begonnen. Auch hierbei konnten gute Erfolge erzielt werden, die Geschäftsbeziehungen im Ausland und sogar nach Übersee entstehen ließen. Besonders der Verkauf des Porzellans nach den USA war sehr umfangreich. Zwei weitere Brennöfen konnten daraufhin bis zum Jahr 1902 fertig gestellt und insgesamt 25 Arbeiter beschäftigt werden. Porzellan aus Weißwasser war begehrt, und in so manchem hiesigen Haushalt finden sich noch heute Erzeugnisse der Manufaktur August Schweig aus damaliger Zeit. Im Jahr 1906 konnte die Produktion von 350 auf reichlic h 600 Tonnen gesteigert werden. Der Betrieb war in der Branche nicht unbekannt, und es wurde zwei Jahre später von „. . . einer großen, hauptsächlich nach den USA exportierenden Porzellanfabrik . . .“ gesprochen. Um das notwendige Kapital für die rasche Erweiterung der Glühlampenproduktion in den Neuen Oberlausitzer Glashüttenwerke J. Schweig & Co. zu beschaffen, wurden in den anderen Familienbetrieben der Schweigs nötige Investitionen gedrosselt.

Auch Isolatoren und Steckdosen
Um diese Unternehmen aber weiterhin wettbewerbsfähig zu halten, erfolgte der Zusammenschluss der Porzellanfabrik mit der Glasfabrik Dr. Martin Schweig zur Schweigschen Glas- und Porzellanwerke AG Weißwasser am 30. Juni 1910. Dieser Zusammenschluss brachte aber nicht den erhofften Erfolg, so dass zwei Jahre später diese Werksvereinigung an den Weißwasseraner Glaskonzern Vereinigte Lausitzer Glaswerke gegliedert werden musste. Die Porzellanfabrik, sicher ein Stiefkind in einem solchen Betriebsverbund, wurde noch im selben Jahr, am 21. September 1912, herausgelöst und in eine neue Gesellschaftsform umgewandelt. Es entstand die Porzellanfabrik August Schweig GmbH, Weißwasser O/L. Zu dieser Zeit begann die Produktion von elektrotechnischem Porzellan, wie Isolatoren, Steckdosen, Schalter, Sicherungsgehäuse und vieles mehr. Als während des Ersten Weltkrieges das Exportgeschäft völlig zum Erliegen kam, stellte das Werk die Produktion von Gebrauchtgeschirr schrittweise ein und widmete sich der Produktion von Elektroporzellanen. Anschließend erfolgte eine Erweiterung und vor allem eine bedeutende Modernisierung der Produktionsstätte.

In ganz Deutschland berühmt
Der Betrieb wurde zu einem der modernsten Elektroporzellanhersteller in Deutschland. Ab 1924 produzierten die 160 Arbeiter nur noch Porzellane für die Elektroindustrie. Am 5. Juni 1919 verstarb der Gründer und langjährige Firmenchef August Schweig. Sein Sohn Willy übernahm die Leitung des Betriebes, welcher bis 1933 im Besitz der Familie Schweig verblieb und die einzige Produktionsstätte in Weißwasser war, die noch mit diesem Namen in Verbindung stand. Durch Willy Schweigs indirekte Verbindung zu den Nazis erhielt er Kenntnisse von den geplanten Maßnahmen der Judenverfolgung. Ihm und seiner Familie gelang es, durch Warnung rechtzeitig Deutschland zu verlassen. Der Wohnsitz, die Villa an der Muskauer, Ecke Berliner Straße, wurde von SA-Männern demoliert, anschließend enteignet und verkauft. Ebenso erhielt das Porzellanwerk einen neuen Besitzer, die Firma Hannemann & Co. Düren, eine Tochtergesellschaft des Siemens-Konzerns.
Nach der Totalisierung der Kriegswirtschaft wurde hier bis zum Frühjahr 1945 ausschließlich Elek troporzellan für die Rüstung, besonders Isolatoren für Unterseeboote, hergestellt.
Anschließend erfolgte die Demontage der beweglichen Betriebseinrichtung und der Abtransport nach der Sowjetunion. Die ehemaligen Arbeiter hatten diese Tätigkeiten auszuführen, dabei musste sogar der eine oder andere Lichtschalter zum Abtransport abgebaut werden. Im Jahr 1947 wurden erste Schritte unternommen, um erneut mit der Porzellanherstellung zu beginnen. Die vier vorhandenen Rundöfen waren noch mit rohem Porzellan gefüllt und konnten mit zum Produktionsstart beitragen. Mühevoll waren die demontierten Anlagen zu ersetzen, so dass allmählich wieder der normale Fertigungsprozess begann. Mit der Bildung der volkseigenen Betriebe kam das Werk in die Vereinigung Volkseigener Betriebe Land Sachsen, Koalin, Glas, Keramik unter dem Namen VEB Porzellanfabrik Weißwasser. Hergestellt wurden wie in früherer Zeit Gebrauchs- und Elektroporzellan für den DDR-Markt. Bald gelang es, an das Vorkriegsproduktionsvolumen anzukn&uu ml;pfen. Zu Beginn der sechziger Jahre produzierte das Werk vorwiegend Gebrauchsporzellan, wie Teekannen, Tafel-, Kaffee- und Mokkaservices.

1952 erstmals exportiert
Diese Erzeugnisse konnten erstmals 1952 ins Ausland exportiert werden. Bedeutendste Abnehmer waren der Irak, der Libanon, die Sowjetunion und zum Teil auch Dänemark. Jeden Monat wurde ein Wagon Teekannen in den Irak geliefert, und die Sowjetunion bevorzugte Kinderservices. Im Jahr 1961 stellten die Weißwasseraner Porzellanwerker das bekannte Kaffeeservice „Weißwasser 139“ vor, was anschließend reißenden Absatz fand. Hauptprodukte waren zu dieser Zeit Haushaltsporzellane aller Art. Die Zierporzellanherstellung erfolgte eingeschränkt und war nur für den Export bestimmt. Neue Arbeitsmaschinen für die automatische Herstellung und Trocknung wurden angeschafft, die Langschmelze und das Materiallager neu gebaut, ebenso die Massemühle aufgestockt. Im Herbst 1967 beschloss die Regierung der DDR die schrittweise Bildung von Betriebskombinaten, um dem wachsenden Wettbewerbsdruck international standhalten zu können. Im Land gab es derzeit fünf Großbetriebe, die drei Viertel der gesamten Produktion von Haushalts- und Hotelporzellan innehatten. Der Rest verteilte sich auf 22 Kleinbetriebe. Weißwasser gehörte zu den letzteren. Um die Produktion der Kleinen wirtschaftlicher zu gestalten, kam es am 6. Januar 1968 zu einem Vertragsabschluss, der die Bildung der Kooperationsgemeinschaft Haushaltsporzellan, Hotelporzellan und Schmelzfarben beinhaltete. Diesem Betriebsverbund gehörten neben der Porzellanfabrik Weißwasser weitere 18 Werke an. Die Leitung übernahm der VEB Porzellanwerk Colditz.

Kombinatsbildung
Am Ende des Jahres war die Kooperationsgemeinschaft in das nun gegründete VEB Porzellankombinat Colditz übergegangen. Die Kombinatsbildung erforderte die Neuorganisation des Produktionsablaufes. Die einzelnen Betriebe sollten nun entsprechend ihrer Möglichkeiten Spezialaufgaben übernehmen. Für das Werk in Weißwasser war vorgesehen, da die Brennöfen ihr Ausmusterungsalter erreicht hatten und gleichzeitig männliche Arbeitskräfte im neu erbauten Kraftwerk Boxberg gesucht wurden, speziell die Bemalung des in anderen Kombinatsbetrieben erzeugten Rohporzellans (Weißware), die Vergoldung und Glasierung zu übernehmen. Für diese Arbeitsgänge waren besonders Frauen gesucht.
Das Werk spezialisierte sich so zum einzigen Porzellanveredlungsbetrieb in der DDR.

Für die Sowjetunion bestimmt
Die Porzellanherstellung in den Brennöfen wurde daraufhin am 10. September 1971 für immer in Weißwasser eingestellt. Für die im Werk verbliebenen, hauptsächlich weiblichen Arbeitskräfte, war dies eine akzeptable Lösung. Die vier Brennöfen wurden abgebaut und die Malereiabteilung entsprechend erweitert.
Es entstand eine beheizbare Lagerhalle für das angelieferte Rohporzellan und eine Verladerampe für den Versand über den werkseigenen Eisenbahnanschluss. Das hier verladene Porzellan gelangte zum überwiegenden Teil in die Sowjetunion.
Im September 1953 wurde Max Bertko neuer Werkleiter, und in den sechziger Jahren führte Gerhard Melde langjährig den Betrieb. Ihn löste, nach mehreren Vertretungen, der Wirtschafts- und Außenhandelsexperte Dr. Franz Hochmann bis 1990 ab. Die Beschäftigtenzahl sank von 320 im Jahr 1950 auf 120 Leute 1968. Die Erzeugnisse aber erfreuten sich großer Beliebtheit. Mitte der achtziger Jahre wurden etwa 80 Prozent der Produkte ins Ausland geliefert, was für sich sprach.
Nach der politischen Wende im Jahr 1990 kam der Absatz ins Stocken. Der Verkauf nach dem Osten wurde rasant weniger und Verbindungen zu Kunden im Westen bestanden nicht. Die Konsequenz daraus war: die Schließung des Werkes im Jahr 1991. Nur wenig später schloss auch das Hauptwerk in Colditz seine Pforten.

Zeittafel Emil Misers Initiative
1. Dezember 1894. Emil Miser aus Spremberg gründete das erste Eisenwaren- und Küchengerätegeschäft in Weißwasser an der Bahnbrücke, später Hotel „Zur Börse“ . Misers Nachfolger wurde sein Angestellter Hugo Netwig. Dieser fusionierte am 1. April 1914 mit dem Eisen-, Glas- und Porzellangeschäft Gustav Handrick, was dem ehemaligen Geschäftsführer und Nachfolger Handricks, Arthur Ringel, gehörte. Damit entstand das größte Haushalts-, Spiel-, Sportgeräte-, Eisen- und Bauwarengeschäft des Ortes unter dem Namen: Netwig & Ringel GmbH. Hier konnte man erstklassiges Porzellan aus Weißwasser einkaufen. In den Räumen findet man heute einen Friseur und das Geschäft „Corner No. 1“ .
1900. Der Porzellanfabrikant August Schweig ließ auf dem ehemaligen Grundstück der Töpferei Merkel eine Villa für seine Familie erbauen. Nach Augusts Tod lebte hier seine Witwe Regina Schweig. Während der Reichskristallnacht am 9. November 1938 wurde das Haus des Juden Schweig demoliert. Dr. Gotzmann erwarb das Haus und richtete hier 1921 seine Zahnarztpraxis ein. Nach 1945 verkaufte die Familie Gotzmann das Haus an die Stadtverwaltung Weißwasser, die dringend Unterkünfte für Kindergärten suchte. Wenig später wurde hier der Kindergarten „Arnold Zweig“ eröffnet. Das Haus verfiel nach der politischen Wende und wurde abgerissen. Heute findet man hier das neu erbaute Geschäftshaus Berliner Straße 2.
1926. Die Arbeiter des Gewerkschafts-Zentralverbandes der Glasarbeiter schlossen sich mit dem Gewerkschafts-Verband der Porzellanarbeiter zum Verband der Fabrikarbeiter zusammen, woraus später die Industriegemeinschaft (IG) Chemie entstand.
1952. Die Glasraffinerie Eichler & Ahlke, Inhaber Werner Eichler, an der Straße der Befreiung 83 warb für „Das passende Geschenk“ . Glas, Porzellan, Keramik, Gastwirtsporzellan und Gläser seien in reicher Auswahl bei ihm zu erhalten, hieß es.