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„Durchgebrannte Birnen tadellos ersetzen“

Weißwasser.. Das gegenwärtig älteste Zeitungsexemplar, das sich in Weißwasser erhalten hat, ist die Extrabeilage zur Nr. 258 des „Täglichen Anzeigers für Weißwasser“ vom 3. November 1894. Dieses Blatt würdigt die Einweihung des Elektrizitätswerkes von Weißwasser am Ersten dieses Monats. Es ist mit hoher Sicherheit anzunehmen, dass nicht nur Joseph Schweig als kaufmännischer Leiter der Kohlenwerke Weißwasser auf der Suche nach Verbraucher und somit Abnehmer des von seinem Unternehmen geförderten Brennstoffes war. Von Lutz Stucka

Auch sein Schwager und eigentlicher Chef des Unternehmens, Emil Meyer, recherchierte. Meyer lebte nicht so wie Schweig in Weißwasser, sondern in Köthen (Sachsen-Anhalt). Er siedelte erst Ende des Jahres 1897 nach Görlitz zu seiner Tochter Clara, die hier verheiratet in zweiter Ehe mit einem Herrn Boehm lebte. Jetzt liegt es ja recht nahe, anzunehmen, dass Meyer sich auch in Görlitz während eines Aufenthaltes bei seiner Tochter nach möglichen Verbrauchern seiner Braunkohle umsah. Die Idee, diesen Rohstoff in elektrische Energie umzuwandeln, war da schon nicht mehr neu. Baumeister Eugen Rother aus Görlitz plante zu dieser Zeit das Elektrifizierungsprojekt für den Industrieort Weißwasser, und die Bauausführung übernahm die elektrotechnische Fabrik der Gebrüder Naglo aus Berlin. Unterstützt wurde sie von der Dampfmaschinen- und Kesselschmiedefabrik Starke&Hoffmann aus Hirschberg in Schles ien. Die Energieerzeugung erfolgte durch die Umwandlung von Braunkohlen-Wärmeenergie in Licht- und Kraftstromelektrizität. Zwei große Cornvall-Kessel von je 90 Quadratmetern Heizfläche dienten dazu, das Wasser aus einem hier angelegten Brunnen zu verdampfen. Ein besonderes System zur Verwendung von minderwertiger Kohle und auch Kohlenstaub wurde eingesetzt und war für Mitinhaber, Braunkohlengrubenpächter Emil Meyer, sehr rentabel. Die technische Leitung hatte Maschinenmeister Gustav Tschöpel inne, und jener erdachte sich auch das besondere Heizsystem. In dem Gebäude, was der Straße des Friedens zugekehrt ist, befanden sich zwei Dampfmaschinen von je 150 PS, die jeweils eine Dynamomaschine von 53 kW antrieben. Eine zeitgenössische Darstellung zu dieser Anlage berichtete über „. . . einen herrlichen und schmucken Anblick, den der Maschinensaal bietet. Vom Kesselhaus in denselben eingetreten, liegen rechts und links im Vordergrunde die beiden Dampfmaschinen, von denen aus schwere breite Riemen zu den beiden Dynamomaschinen, System Naglo, verlaufen. Vor der gegenüberliegenden Wand inmitten der beiden Maschinen erhebt sich die massiv eichene Schaltwand mit unzähligen Schalt- und Messinstrumenten. Dicke Kabel führen den Strom von den Dynamomaschinen zu dieser Schaltwand, von welcher aus der Strom zu den Verbrauchern geleitet wird. Eine Akkumulatorenbatterie dient dazu, den während des Stillstandes der Maschinen in später Nachtstunde erforderlichen Strom abzugeben.“ Angeschlossen waren im Laufe der Zeit alle größeren Fabriken, Glashütten, sämtliche Hotels, die meisten Ladengeschäfte sowie zahlreiche Wohnungen. Auch erstrahlten schon zu Beginn einige Straßenzüge im elektrischen Licht. Anlässlich der Einweihung des Elektrizitätswerkes fand in Weißwasser ein wahres Volksfest statt. In allen Gaststätten, die mit elektrischem Licht versehen waren, wurden Feierstunden abgehalten, wo ein eigens dafür von Eugen Munde komponiertes Lied gesungen wurde. Im Juli 1894 bat der Erbauer und Betreiber der „Elektrizitätszentrale Weißwasser“ , Baumeister Eugen Rother, den Vertrag dahingehend zu ändern, dass die künftige Straßenbeleuchtung mit Bogenlampen, statt des vereinbarten Glühlichtes, ausgestattet werde, denn die geringe Leuchtkraft des Glühlichtes war eher für Innenräume geeignet. Das Bogenlicht (Lichtbogen über zwei beieinander stehender Kohlestäbe) hingegen hatte ein viel grelleres Licht und war besser für außen zu verwenden. Die Gemeinde, der dadurch die doppelten Betriebskosten entstanden, stimmte zwar zu, erwartete „. . . aber dafür von Rother bis zur Windmühle noch sechs Lampen aufzustellen.“ Entlang der Dorfstraße nach Alt-Weißwasser wurden noch eilig im selben Monat bis zur Einmündung der Mühlenstraße acht gusseiserne Straßenlaternen aufgestellt. Die Gemeinde zahlte jährlich 1000 Mark Betriebskosten an den Besitzer der Anlage. Das Anzünden und Reinigen der Lampen übernahm der Nachtwächter. Rother erklärte: „. . . ,dass er bei bedecktem Mondschein oder starkem Nebel die aufgestellten Straßenlampen, in dem im Brennkalender festgesetzten Vollmondstunden brennen lässt und dafür von der Gemeinde keine Vergütung des Stromes fordert. Allerdings kostet die Brennstunde über die festgesetzte Brennzeit hinaus die Gemeinde Weißwasser, wenn solches verlangt wird, pro Stunde 1,40 Mark für alle acht Lampen inklusive Kohlestift und Bedienung.“ Der Vertrag wurde eingegangen, aber nicht so erfüllt wie abgesprochen. Unstimmigkeiten mit Rother, die sogar vor Gericht beigelegt werden mussten, führten zur vorzeitigen Kündigung des Straßenbeleuchtungsvertrages für die Jahre 1896/97. Rother ersuchte um Fortsetzung. Die Gemeinde antwortete: „. . . sobald die Zentrale in geordnetem Zustande sein wird, ist die Gemeindevertretung willig, das Licht auf den Straßen auf Kosten der Gemeinde weiterzubrennen und den Vertrag zu erneuern.“ Rother wünschte, dass der Vertragspartner die Reparaturkosten an den Lampen übernimmt, der aber „. . . will nichts mehr bewilligen, bis das Licht ein zufriedenstellend ist.“ Ein neuer Vertrag mit Eugen Rothers „Elektrischer Zentrale“ kam am 26. Oktober 1897 zustande: „. . . zur Straßenbeleuchtung sollen 56 sechzehnkerzige Glühlichtlampen Verwendung finden. Dabei sollen 56 Lampen bis 11 Uhr nachts und 25 bis 1 Uhr früh brennen. Die Installation kostet 1200 Mark und wird in monatlichen Raten an Herrn Rother gezahlt. Für den Strom wird eine Pauschalsumme von 2550 Mark akzeptiert. Herr Rother verpflichtet sich zur kostenlosen Reparatur der Anlage zwei Jahre lang. Das Ein- und Ausschalten übernimmt der Gemeindewächter. Die Beurteilung mangelhaften Lichts, speziell Ausglühen der Kolben, steht dem Gemeindevorstand zu und ist auf dessen Anordnung sofort Abhilfe zu schaffen. Herr Rother verpflichtet sich, die Anlage am 1. Dezember vollständig hergestellt zu haben. Den Beginn der Brennzeit bestimmt der Gemeindevorsteher. Die zu beleuchtenden Straßen der Gemeinderat.“ Die Angabe „sechzehnkerzige“ Glühlichtlampe bezeichnet die Lichtstärke nach Hefner. Eine Lampe mit solcher Lichtstärke entsprach der Leistung von etwa zwölf Watt. Dabei war in Weißwasser jede Straßenlampe mit vier Bogenlampen zu etwa 50 Watt bestückt. Der Rest der Lampen beleuchtete den Bahnhof und den Bahnhofsvorplatz.
Rother hatte allerdings wenig Glück mit seinem Betrieb. Ständig gab es Auseinandersetzungen mit den Stromabnehmern, besonders aber mit dem Weißwasseraner Gemeinderat. Ende Oktober 1898 war er mit seinem Latein am Ende und musste Konkurs anmelden. Inhaber des Werkes war nun sein Compagnon, Kommerzienrat und Bergbauunternehmer Emil Meyer, welcher dazu noch im Jahr darauf verstarb. Witwe Regina Meyer und die geldgebende Görlitzer Bank setzten einen Geschäftsführer ein. Als Werkdirektoren handelten nacheinander Ernst Schubert, Ernst Gumbert und schließlich ab 1900 der eingesetzte Gewaltbevollmächtigte Fulig, alle aus Görlitz. Da die Ereignisse keine andere Möglichkeit zuließen, nahm die Gemeindevertretung den noch von Rother erarbeiteten Vertragsentwurf für die Straßenbeleuchtung an. Er war bis zum 1. Oktober 1924 abgeschlossen und sagte u. a. aus, dass zwei Jahre Garantiezeit für die Installation bestand, dass nur normale Preise für elektrische Artikel vom Elektrizitätswerk erhoben werden dürfen und dass vom Werk „. . . durchgebrannte Glühbirnen tadellos zu ersetzen sind.“ Die Gemeinde vergütete das Stromwerk im Jahr mit 2500 Mark pauschal, dabei mussten 25 Lampen bis 23 Uhr und weitere 25 Lampen bis 1 Uhr morgens brennen. Bei klarem Mondschein sollten die Lampen gelöscht werden. Sollten sie aber bei unbedecktem Mondschein weiter brennen, dann wurde eine Erhöhung der Pauschale vereinbart. Dafür hatte das Elektrizitätswerk eine gleichmäßige und genügend helle Beleuchtung zu gewährleisten. „Wird aber durch einen Gemeindevertreter ein ungenügend leuchtender Leuchtkörper entdeckt, so ist er binnen drei Tagen nach Meldung auszutauschen, sonst erfolgt eine Strafe von fünf Mark.“ Bußleistungen wurden ernst genommen, das hatte schon Eugen Rother zu spüren bekommen, denn die gegenwärtig in Betrieb befindlichen 56 sechzehnkerzige Glühlampen nebst Elektroleitungen waren bereits als Entschädigung für mangelhafte Vertragserfüllung Eigentum der Gemeinde Weißwasser geworden. Nachdem im Jahr 1901 noch eine kleine Vertragsmodifizierung erfolgte, bestand die Geschäftsbeziehung zwischen den Elektrizitätswerksbetreibern und der Gemeindeverwaltung ohne größere Störungen über viele Jahre problemlos.
Der rasch anwachsende Bedarf an elektrischer Energie, besonders bei Industrie und Handwerk, erforderte schon nach wenigen Jahren umfangreiche Erweiterungen des Elektrizitätswerkes. Die Emil Meyerschen Erben waren nicht in der Lage, dies zu finanzieren. Meyers Kreditinstitut, die Kommunalständische Bank der Preußischen Oberlausitz in Görlitz, übernahm das Werk im Jahr 1904 allein und investierte so weit, wie es nötig war. Als neuer Leiter des Betriebes wurde Direktor Augsbach eingesetzt. Es trieben nun zwei Dampfmaschinen je einen Gleichstromgenerator sowie eine Maschine einen Drehstromgenerator für Elektromotoren an. Daraufhin konnten rund 4000 Glühlampen, 100 Kohle stabbogenlampen und etwa 60 Motoren mit einer Leistung von 272 PS versorgt werden.

Zeittafel Strom floss einst aus Tschöpelner Werk
1927. Den Großteil der Energie liefert das Kraftwerk der Tschöpelner Werke jenseits der Neiße, heute Polen. Das Elektrizitätswerk Weißwasser versorgt nur noch Gleichstromverbraucher.
22. Oktober 1951. Da Strom knapp und teuer ist, werden Stromentnahmezeiten festgelegt: In den Ladengeschäften des Einzelhandels dürfen die Lampen nur von 8 bis 16.30 Uhr uneingeschränkt und dann bis 18 Uhr nur noch eingeschränkt, höchstens zwei Watt pro Quadratmeter Ladenfläche, brennen. Diese Stromentnahmezeiten gelten ebenfalls für Friseurgeschäfte, Handelsorganisation und Konsum. Von 18 bis 22 Uhr ist für alle Geschäfte jede Stromentnahme verboten. Schaufensterbeleuchtung ist sonntags durchgehend, an den Wochentagen nur ab 22 Uhr gestattet. Nachfolgende Gebäudekomplexe und Straßenzüge werden zu dieser Zeit mit Lichtstrom versorgt: Gaswerk, Glasfabrik Bärenhütte, Pumpstation Halbendorfer Weg, Wenden steg, Auensiedlung, Tiergartenviertel, Qualisch-Gelände, Torhaus Schwerer Berg, Eichberg-Siedlung, Wasserwerk, Braunsteich, Kanitzstraße, Brauns teichweg, Wolfgangstraße, Straße der Einheit, Gartenstraße-Südseite, Görlitzer Straße - Südseite, Gutenbergstraße, Lessingstraße, Schillerstraße, Heinrich-Heine-Straße, Hegelpromenade, Görlitzer Straße - Nordseite, Güterstraße, Jahnstraße, Muskauer Straße, Kartonagenfabrik, Glaswerk Neuglas mit stärkerer 20-kV-Leitung, Tonschacht am Jagdschloss, Friedhofsviertel bis Berliner/Bautzener Straße, Wellpappenfabrik, Porzellanfabrik, Germaniaglaswerk, alle Gleichstromabnehmer der Stadt, Thälmannstraße, Schulstraße, Gartenstraße - Nordseite, Erzbergerstraße, Bahnhofstraße, Forster Straße, Mittelstraße, Karlstraße, Teichstraße, Schweigstraße und die Wilhelmstraße. Die letzten vier werden ers t später umbenannt.