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Drei Generationen beleben alten Umgebinde-Komplex

Burkhardt und Angelika Schneider haben sich in das Abenteuer Umgebindehaus gestürzt und bereuen dies nicht.
Burkhardt und Angelika Schneider haben sich in das Abenteuer Umgebindehaus gestürzt und bereuen dies nicht. FOTO: ume
Cunewalde. Auf 6000 bis 7000 wird die Zahl der Umgebindehäuser im Dreiländereck von Sachsen, Polen und Tschechien geschätzt. Etwa ein Drittel der in der traditionellen Volksbauweise der südlichen Oberlausitz errichteten Häuser gilt als gefährdet. Etwa 50 befinden sich gegenwärtig in der Sanierung. Uwe Menschner / ume

Die Reichenstraße in Cunewalde säumen keine barocken Prachtgebäude, sondern Umgebindehäuser in mehr oder weniger gutem Zustand. Das Haus Reichenstraße 6 zeichnet sich dadurch aus, dass das an der Straßenfront stehende Wohnhaus noch von mehreren großen Nebengebäuden flankiert wird. Ein über einem großen Sicherungskasten angebrachtes Schild nennt den Grund: Auf ihm steht "VEB Textilwerk Cunewalde". Auf dem Grundstück wurde in früheren Zeiten nicht nur gewohnt, sondern auch gewebt und gewirkt.

Seit einiger Zeit zieht wieder Leben in den lange Zeit ungenutzten Gebäudekomplex ein. Angelika und Burkhardt Schneider, beide 63, haben ihn erworben und bauen ihn jetzt Schritt für Schritt zum Wohnhaus aus. "Das ist schon ein ganz schöner Brocken, den wir uns hier an den Hals gehängt haben", meint Burkhardt Schneider und fügt lächelnd hinzu: "Aber es macht Spaß."

Dabei hatte das Ehepaar eigentlich gar keinen zwingenden Grund, sich nach einer neuen Bleibe umzusehen: "Wir lebten in einer schönen Mietwohnung in Doberschau", wie Angelika Schneider verrät. "Ich war selber erstaunt, wie leicht mir der Abschied und der Neuanfang gefallen sind." Allerdings werden die beiden auf ihrem großen Anwesen nicht mehr lange allein bleiben, denn auch ihre Kinder wollen sich hier tatkräftig ein eigenes Heim schaffen. Burkhardt Schneider erläutert: "Wir selbst werden im Untergeschoss des Haupthauses wohnen, die Tochter mit dem Enkel im Obergeschoss. Unser Sohn will sich das Hinterhaus - also die frühere Weberei - ausbauen." Drei Generationen unter einem symbolischen Dach - dies stellt sich der Cunewalder Bürgermeister Thomas Martolock als Idealfall für die Nutzung der reichhaltigen Umgebindehauslandschaft in seiner Gemeinde vor: "Natürlich freuen wir uns, dass sich Familie Schneider dafür entschieden hat und geben gemeinsam mit der Stiftung Umgebindehaus jede mögliche Unterstützung."

Letztere ist intensiv in das Ausbauprojekt eingebunden und erteilt wertvolle fachliche Hinweise. Schließlich sind Schneiders keine Baufachleute - er arbeitet im öffentlichen Dienst, sie war im Pflegebereich tätig. Doch selbst für Leute vom Bau stellt die Sanierung eines Umgebindehauses eine besondere Herausforderung dar, wie Arnd Matthes von der Stiftung weiß: "Kein Haus gleicht dem anderen, und die denkmalpflegerischen Ansprüche sind sehr hoch." Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch umfangreiche Fördermöglichkeiten, über die niemand besser Bescheid weiß als der Fachmann von der Umgebinde-Stiftung.

Burkhardt und Angelika Schneider sind sich darüber im Klaren, dass ihr Vorhaben kein "Schnellschuss" werden kann. Sie wollen den gesamten Komplex innerhalb von zwei bis drei Jahren in alter Schönheit wieder entstehen lassen. Dazu zählt auch das Grundstück, das sich noch weit den Hang hinter dem Fabrikhaus hinaufzieht und auf dem ein Bauerngarten und eine Obstwiese entstehen sollen. Schon jetzt ist Angelika Schneider fasziniert vom Leben, das sich vor ihrem Fenster abspielt: "Fast täglich kommen Rehe und Wildschweine vorbei und schauen, was wir schon wieder geschafft haben", erklärt sie lachend.