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Drei Frauen retten Schwan auf dem Braunsteich

Grit Gröscho, Tierärztin Tanja Schewe und Marilyn Eisenlohr bei ihrer Rettungsaktion am Ufer des Braunsteiches.
Grit Gröscho, Tierärztin Tanja Schewe und Marilyn Eisenlohr bei ihrer Rettungsaktion am Ufer des Braunsteiches. FOTO: Gabi Nitsche
Weißwasser. Dank Grit Gröscho, Tanja Schewe und Marilyn Eisenlohr und deren beherzter Aktion kann ein Schwan wieder seine Runden auf dem Braunsteich ziehen. Das Tier hatte sich in Angelsehnen verfangen. Wochenlang schnürten diese Bein und Flügel ab. Gabi Nitsche

Marilyn Eisenlohr wohnt nicht weit vom Braunsteich entfernt. Für die tier- und naturverbundene junge Frau ein ideales Fleckchen Erde. Bei einem Spaziergang mit ihren Hunden entdeckte sie vor Wochen einen verletzten Schwan auf dem Wasser. Ihr tat das Tier in der Seele weh. Auf Facebook bat sie um Hilfe. Kameraden von der Feuerwehr Weißwasser versuchten, den Schwan einzufangen, was ihnen jedoch missglückte. Marilyn fühlte sich nicht ernst genommen, denn egal wo sie anrief - wirkliche Hilfe habe sie nicht erhalten. Und das ärgerte sie sehr, erzählt sie.

Doch das ist inzwischen alles Geschichte. Für den Braunsteich-Schwan-Papa gab es am vergangenen Wochenende ein glückliches Happy-end. Drei Frauen mit viel Power sorgten dafür. Dafür ernteten sie große Anerkennung der jubelnden Facebook-Gemeinde in der Gruppe "Ich bin Weißwasser".

Grit Gröscho, eine gebürtige 28-jährige Weißwasseranerin, die in Dresden lebt, aber noch oft die Wochenenden in der Heimat verbringt, hatte vor zwei Monaten von Freunden beim Naturschutzbund (Nabu) in Weißwasser von dem Schwan gehört, glaubte indes, er sei längst verendet aufgrund der schweren Verletzungen. In der zweiten August-Woche stieß sie auf den neuerlichen Post von "Mary", die den dramatischen Zustand des Tiers schilderte, dieser lebe und leide und dass keiner helfe. Grit Gröscho legte los. "Ich hab auf der Facebookseite der Tierrettung Dresden um Hilfe jeder Art gebeten und um Ideen, wie wir den Schwan fangen könnten, um ihn zu behandeln." Bei Telefonaten mit Schwanenberingern erhielt die junge Frau viele Tipps und sie machten ihr Mut. "Sie sagten, mehr als blaue Flecken gibt es nicht." Mit Mary wollte sie sich Samstag an die Arbeit machen . . .

Dann meldete sich Tanja Schewe bei ihr. Die Tierärztin aus Dresden mit eigener Praxis, die 24-Stunden in Bereitschaft ist, bot ihre Hilfe an. "Sie sagte, es sei ihr eine Herzensangelegenheit", ist Grit Gröscho noch immer überwältigt. Denn die gebürtige Niedersächsin gab nicht nur Ratschläge. Sie setzte sich ins Auto und kam nach Weißwasser. Die drei Frauen besprachen die Strategie ihres Vorgehens. Erklären möchte Grit Gröscho das nicht im Detail, damit niemand auf den Gedanken kommt, einfach so einen Schwanz einzufangen. Richtig so. Nur so viel: "Er hat gefaucht und sich tüchtig gewährt, aber nicht gebissen." Sein Gezeter sei ohrenbetäubend gewesen. "An Land hat er sich dann tot gestellt."

Nun sahen sie das ganze Ausmaß der unsäglichen schweren Verletzungen am rechten Fuß und Flügel. "Zwei unterschiedliche Schnüre, Angelsehne - eine schwarz, dick, mit einem Holzstück und das andere ein Baumwollstrick - hatten alles abgeschnürt", schildert die Tierärztin. Das Zeug war regelrecht eingewachsen, krankhafte Auswüchse hatten sich gebildet. "Es hat geblutet und roch sehr unangenehm", so Grit Gröscho. Tanja Schewe handelte beherzt, erlöste den Schwan von den Schnüren, versorgte ihn medizinisch. "Doch in diesem Zustand konnte ich ihn nicht wieder zurück ins Wasser lassen", sagt sie. Die Telefondrähte glühten. Samstagabend eine Auffangstation für Wildvögel zu finden, sei so gut wie aussichtslos. "Aber Schwäne gehören zum jagdbaren Wild. Um es mitzunehmen, braucht es die Zusage des Jagdpächters." Die Polizei riet der Tierärztin zu, den Schwan mitzunehmen. Ausnahmen bestätigen die Regel, heißt es doch.

Marilyn Eisenlohr und Grit Gröscho vor allem, aber vielen, die auf Facebook Anteil nahmen, ziehen den Hut vor Tanja Schewe. "Die Tierärztin ist Samstagabend mit unserem Schwan nach Dresden und kam Sonntag wieder an den Braunsteich. Unglaublich - 500 Kilometer und das, um dem Tier zu helfen. Ich habe sehr großen Respekt vor ihr", so Grit Gröscho.

Die couragierte Ärztin kennt sich mit vielen Tieren aus. "Ich bin seit Juni Schwanenmutter von drei Jungtieren, sie sind Waisen. In der Vogelauffangstation war kein Platz, da hab ich sie erst einmal zu mir genommen. Ich kenn mich also in der Materie aus."

Seit vergangenem Sonntag ist der Schwanen-Papa wieder auf den Braunsteich zurückgekehrt und versucht seine Familie, Frau und ein Jungtier, so gut es geht zu beschützen. Tanja Schewe nimmt an, dass es mit dem Flugfedern wohl nichts mehr so richtig wird. "Aber erst einmal abwarten, wie es am Ende der Mauser aussieht." Vielleicht wird ja doch alles gut. Zumindest macht das Tier einen friedlichen Eindruck, ist aktiv im Wasser und freut sich, wenn Familie Chares trockenes Brot von der Brücke aus zuwirft. Die Senioren haben mit dem Tier gelitten, wussten sich aber keinen Rat, ihre Freude über die gelungene Hilfsaktion sei groß, sagen sie. "Dass es solche tatkräftigen Menschen gibt, ist ein Segen", so Jörg Chares.

Für Grit Gröscho, die aktiv beim Nabu und bei den Stadtgärtnern ist, sei es wie ein Wunder gewesen: "Fast von allein fügte sich eins ans andere. Genau in der Phase, wo ich mit Mary darüber nachsann, ob es in Weißwasser und Umgebung überhaupt einen Tierarzt gäbe, der sich mit Wildtieren auskennt und dann auch noch am Wochenende Zeit hat, meldete sich Frau Schewe bei mir." Ihr habe das Erlebte eine große Erkenntnis gebracht: "Glück lässt sich nicht kaufen. Es entsteht aus mitfühlendem Handeln."

Stichwort Erkenntnis. Die drei tier- und naturverbundenen Frauen wünschen sich genau diese von Spaziergängern und Anglern am Braunsteich. "Menschen sind es, die mit ihrer Unaufmerksamkeit solche Katastrophen verursachen wie die schwere Verletzung des Schwans", weiß Tierärztin Schewe. "An dem Abend waren drei Angler da. Angeln im Dustern ist mir unbegreiflich. Sie wissen doch gar nicht, wo die ausgeworfene Angel hängen bleibt. Oftmals sind es nur Kleinigkeiten, über die es lohnt nachzudenken und sein Verhalten zu ändern", sagt sie. Grit Gröscho gibt den Menschen mit auf den Weg, keinen Müll in freier Natur zu entsorgen. "Ich wünsche mir sehr, dass die Menschen achtsam sind in der Natur." Schilder, die auf die Gefahren der Müllentsorgung hinweisen, besonders im See, fände sie gut. Diese anzubringen, bittet sie die Stadtverwaltung. "Gerade die zahlreichen Angler mögen sich bitte vergewissern, dass sie sämtliche Ausrüstung wieder mitnehmen."

acebook-Userin Carola Meyer schlägt gar vor, an jedem Angelplatz ein Foto von dem verletzten Schwan anzubringen, damit die Angler sehen, was passieren kann.

Tierärztin Tanja Schewe hat gern geholfen, will dafür nicht bezahlt werden. "Aber über eine Eintrittskarte für meinen Vater und mich für den Weißwasseraner Tierpark würde ich mich sehr freuen", sagte sie am RUNDSCHAU-Telefon. Oberbürgermeister Torsten Pötzsch (Klartext) dazu: "Das sollte kein Problem sein." Er bedankt sich bei dem Frauen-Trio für diesen Einsatz. Auch ihm ist der Müll in der Natur ein Dorn im Auge und hat schon oft geholfen, ihn wegzuräumen. "Aber manche Menschen sind unbelehrbar", weiß Pötzsch.