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| 17:13 Uhr

,,Diese Zerstörungen sind inakzeptabel"

Bürgermeister Dr. Michael Wieler.
Bürgermeister Dr. Michael Wieler. FOTO: Laura Semmler
"Görlitzer ART" sind zehn Objekte und Installationen, die bis zum 9. April 2017 den öffentlichen Raum bereichern. Es ist ein Projekt der Städte Görlitz und Breslau innerhalb der Veranstaltungen Kulturhauptstadt Wroc{lstrok}aw in Görlitz. Nun haben Unbekannte einige Kunstwerke beschädigt. In einem von der Stadt verbreiteten Interview bezieht Bürgermeister Dr. Michael Wieler Stellung. Welche Diskussion über die Kunstwerke im öffentlichen Raum würden Sie sich denn mehr wünschen, als das Gespräch über Beschädigungen?

Herr Dr. Michael Wieler, nach gut vier Jahren Vorbereitung sind einige Kunstwerke von Görlitzer ART kurz nach ihrer Installation beschädigt worden. Halten Sie das für Dummheit oder Provokation?
Ich kann da keine Provokation entdecken. Denn die wäre ja zumindest ein extremer Weg des Diskurses über Kunst. Was ich wahrnehme, ist Vandalismus, dem es an jeglichem Respekt gegenüber denen mangelt, die die Werke geschaffen haben. Kunst muss nicht gefallen. Aber Beschädigungen, noch dazu auf so brutale Art und Weise, sorgen auch bei vielen Görlitzern für Unmut.

Rechnen Sie mit einem Imageverlust für die Stadt?
Es steht uns als Stadt nicht gut zu Gesicht, weniger über die Ausstellung und ihre Inhalte, und immer mehr über Schadensbegrenzung zu reden.

Gerade deshalb gefällt mir die Diskussion sehr gut, die in diesen Tagen von Görlitzern auf facebook zu dem Thema geführt wird. Da gibt es offensichtlich - und bei aller Unterschiedlichkeit der Bewertung des Kunstprojektes an sich - großes Einvernehmen darüber, dass die Zerstörungen inakzeptabel sind.

Die Liste der Zerstörungen wird länger. Teilweise resultieren diese aber wohl auch aus einem falschen Gebrauch des Kunstwerks, wie bei der Wolkenschaukel. Gibt es Überlegungen, besonders gefährdete Objekte vorzeitig zu entfernen?
Die Wolkenschaukel ist tatsächlich ein Sonderfall. Es gibt keinen Zweifel, dass ein Kind darauf schaukeln kann. Die Zerstörungen müssen durch stärkere Kräfte herbeigeführt worden sein. Und da bitte ich auch die Bürger um Zivilcourage: einschreiten oder sich an Stadtverwaltung beziehungsweise Polizei wenden, damit zielgerichteter dagegen vorgegangen werden kann. Jedoch funktioniert die Wolkenschaukel auch als Kunstwerk noch nicht so, wie es beabsichtigt war. Das werden die meisten wissen, die für dieses Werk abgestimmt haben. Die Planungen zeigten ein anderes Bild, als es sich darstellt.

Wie gehen Sie damit um?
Wir sind mit der Kunstakademie in Breslau, die die künstlerische Verantwortung übernommen hat, dazu im Gespräch. Die Wolkenschaukel gehört ja zu den drei Arbeiten der noch unerfahreneren Studenten der Akademie. Hier muss man auch zugestehen, das noch Erfahrungen gesammelt werden müssen. Die Werke der schon langjährig aktiven Künstler begeistern mich gerade auch deshalb, weil die künstlerische Wirkung an den vorgesehenen Orten so gut im Kopf und in der Werkstatt eingeschätzt werden konnte.

Gerade die Beschädigungen verweisen auf Grundsätzliches: Kunst ist immer das Ungewohnte, Neue, Unbekannte. Das verunsichert. Aber diese Verunsicherung kann sich leider auch destruktiv zeigen, wie etwa in Beschädigungen.

Das Ungewohnte, Neue, Unbekannte ist aber das, was uns als ständige Herausforderung im Leben begegnet. Wer in der Lage ist, mit Neuem und Unvorhergesehenem konstruktiv, flexibel und kreativ umzugehen, wird einen guten Weg durchs Leben finden. Antworten auf neue Herausforderungen zu finden ist schlichtweg Lebenskompetenz. Kunst ist da ein ungefährlicher und zugleich spannender Prüfstein. Kunst behauptet auch nicht, Recht zu haben, weil sie Kunst ist, sondern sie bietet dem Menschen Gelegenheit, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Wer dagegen immer schon weiß, was gut und richtig ist, kann leicht am Leben und den eigenen Erwartungen scheitern, weil das Leben keine Rücksicht auf vorgefasste Meinungen nimmt und uns ständig vor neue Herausforderungen stellt. Ich bin überzeugt, dass Menschen in Görlitz mehr Lebenskompetenz benötigen. Deshalb gehört die Kunst auch in den öffentlichen Raum, in dem wir uns alle treffen.

Würden Sie angesichts der Taten noch mal ein Kunstprojekt in diesem Umfang starten?
Wir sollten das zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht überbewerten. Aber: Ja, unbedingt, immer wieder. Der öffentliche Raum ist der Spiegel der Stadtgesellschaft. Die wünsche ich mir offen, kreativ und mutig.