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| 17:21 Uhr

100 Jahre Bauhaus in Weißwasser
Die zwei Seiten von Ernst Neufert

 Ungewohnte Ansichten eröffnet die neue Stele am Neufert-Bau in Weißwasser den Spaziergängern.
Ungewohnte Ansichten eröffnet die neue Stele am Neufert-Bau in Weißwasser den Spaziergängern. FOTO: Christian Köhler
Weißwasser. Ungewöhnliche Blicke eröffnet eine Stele in Weißwasser nun auf den Neufert-Bau. Auch der Architekten selbst lässt Deutungsspielraum: Einst Bauhaus-Schüler von Walter Gropius, dann Albert Speers Beauftragter für Normungsfragen. Von Christian Köhler

Der 100. Geburtstag des Bauhauses hat am Freitag auch Weißwasser erreicht. Feierlich ist dort, am Neufert-Bau, eine Stele eingeweiht worden. Und das nicht nur wegen des 100. Geburtstages der Architektenschule. „Ernst Neufert ist am 15. März 1900 geboren und feiert heute seinen 119. Geburtstag“, erklärt Gregor Schneider, Mitglied des Neufert-Bau-Vereins bei der Präsentation der neuen Stele am Freitag. Sie steht direkt neben der Polizeiwache an der Dr.-Altmann-Straße/Ecke Schmiedestraße in Weißwasser.

Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, das nicht im städtischen Eigentum befindliche Gebäude, was Ernst Neufert (1900 – 1986) einst schuf, wieder instandzusetzen. Neufert war nicht nur erster Student des 1919 gegründeten Bauhauses in Weimar, sondern auch Hausarchitekt der Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG) von 1934 bis 1944. Neufert entwarf zudem das Direktorenwohnhaus Dr. Kindt, übernahm den Entwurf und die Bauleitung von Siedlungen, Bürohäusern und Fabrikanlagen in Weißwasser, Tschernitz und Kamenz. Aus dieser Tätigkeit geht auch seine „Bauentwurfslehre“ hervor, die bis heute als Standardwerk gilt.

Die Verdienste von Ernst Neufert – der nach dem Zweiten Weltkrieg beispielsweise das Versandhaus von Quelle in Fürth entwarf und es stetig erweiterte – sind unbestritten. Allerdings gibt es auch eine Schattenseite in Neuferts Leben. 1933, im Jahr der Machtergreifung Hitlers, hatte Neufert noch mit dem Gedanken gespielt, in den USA beruflich Fuß zufassen. Doch es kam anders: Als Architekt der VGL ernannte ihn 1938 Hitlers Hauptstadt-Architekt Albert Speer, der ab 1942 Reichsminister für Bewaffnung und Munition wurde, zum „Reichsbeauftragten für Normungsfragen“. In dieser Tätigkeit wurde er vom Regime geschätzt und gefördert – half dabei, Typisierung und Normierung von Wohnraum auszugestalten. „Das zeigt, das Neufert durchaus streitbar ist“, sagt Gregor Schneider, „das Wichtigste dabei ist, dass man darüber spricht und sich damit auseinandersetzt.“

Genau dazu ist – was jedenfalls die architektonische Seite des Neufert-Baus betrifft – die neue Stele gedacht. Sie soll das Lagerhaus, das einst für die VLG gebaut wurde, für den Betrachter in einem anderen Blickwinkel erscheinen lassen. „Wir sollten das Gebäude als Erbe verstehen, was uns eine große Chance für die Zukunft eröffnet“, meint Gregor Schneider. Denn Weißwasser als Bauhaus-Stadt, „daraus lässt sich doch etwas machen“. Ein regionaler Handwerker hat die Stele geschaffen. Der Verein habe das Kunstwerk der Stadt geschenkt, wolle, dass sich die Bewohner mit dem Bau beschäftigen. „Die Installation ist eine Einladung, sich mit dem Bauhaus in Weißwasser auseinanderzusetzen“, betont Schneider.

Der Neufert-Bau in Weißwasser, das ist das Ziel des Vereins, müsse gesichert werden. „Wir sind bei der Akquierierung der Mittel“, sagt Vereinschef Prof. Holger Schmidt. Der Stadthaushalt werde dabei jedoch nicht belastet, hieß es.