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| 02:34 Uhr

Die Wiederentdeckung des Grafen Brühl

Großes Interesse an der Forster Stadtgeschichte wurde im vergangenen Jahr bei der Präsentation des restaurierten Sargs des Grafen Brühl in der Stadtkirche sichtbar. Im Oktober wird der Sarg feierlich in seine Gruft unter der Kirche zurückgeführt.
Großes Interesse an der Forster Stadtgeschichte wurde im vergangenen Jahr bei der Präsentation des restaurierten Sargs des Grafen Brühl in der Stadtkirche sichtbar. Im Oktober wird der Sarg feierlich in seine Gruft unter der Kirche zurückgeführt. FOTO: jas
Forst. Das Geschichtsbild, das die Nachwelt von Graf Heinrich von Brühl (1700 - 1763) hatte, war lange Zeit eindeutig: Er war der große Schuldenmacher Sachsens, der seinen Kurfürsten am Nasenring durch die Manege führte. Er war es, der Sachsens Niederlage gegen Preußen zu verantworten hatte, der im Fernduell mit Friedrich dem Großen den Kürzeren zog. Doch ganz so einfach ist es eben nicht. Bodo Baumert

In Forst wird kräftig poliert, nicht nur am Sarg des Grafen, der im vergangenen Jahr restauriert wurde und im Oktober wieder in seine Gruft hinabgelassen werden soll. Auch am Bild, das die Welt vom einstigen Forster Standesherrn hat, wird gearbeitet. "Wir wollen in Forst beim Geschichtsbild eine Lücke schließen, die die Dresdener offen gelassen haben", sagt Bürgermeister Jürgen Goldschmidt (FDP).

Brühl einmal nicht nur als Schurken sehen - das liegt im Trend der Zeit. "Wir erleben gerade die Neuentdeckung seiner Person und seiner Ära. Forst ist nicht ganz unschuldig daran", sagt Stadtarchivar Jan Klußmann. "Brühl war ja nicht nur Verschwender, Schöngeist oder Intrigant, sondern auch ein Wegbereiter der Moderne. Denn so lässt sich gerade für Forst-Pförten, Brühls wichtigsten Besitz, zeigen, dass wichtige Weichenstellungen auf dem Weg in die Moderne unter ihm vollzogen wurden", erklärt Klußmann.

Walter Fellmannn hat bereits in den 80er-Jahren eine neue Betrachtung Brühls in Sachsen aufgebracht, die über das hinausging, was jahrhundertelang weitgehend unkritisch weitergetragen wurde. "Man muss berücksichtigen, dass das Bild über Brühl stark zeitgenössisch geprägt ist. Sein Gegenspieler Friedrich II. hat durch Propagandaschriften erheblich zum Negativ-Image beigetragen. Und die borussisch geprägte Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts hat - in der Glorifizierung der Preußenkönige - dieses Bild als Tradition fortgeschrieben", so Klußmann. "Friedrich hasste Brühl - sehr, und dies ein Leben lang", erläutert der Potsdamer Historiker Jürgen Luh. Nicht nur Brühls Schlösser ließ Friedrich nach seinem Sieg über Sachsen plündern und brandschatzen, auch das Geschichtsbild seines Widersachers wollte er prägen. "Er war doppelzüngig, falsch und zu den niederträchtigsten Handlungen bereit", schreibt Friedrich etwa über Brühl in seiner "Geschichte meiner Zeit".

Nicht jeder Historiker hat indes Friedrichs Einschätzungen ungeprüft übernommen. "Dass man Brühl ganz neu entdeckt hätte, lässt sich nicht sagen. Bereits Aladár von Boroviczény hat Brühl besser als üblich dargestellt. Gegenüber vergangenen Zeiten geht man mit ihm heute - zu Recht - im Anschluss an Boroviczény viel überlegter und nachdenklicher um", schätzt Luh ein.

Brühl in einem differenzierten Licht zu sehen, war aber auch in den vergangenen Jahrzehnten keine Selbstverständlichkeit. Das Thema Brühl sei lange totgeschwiegen worden und im Unterrichtsfach Heimatkunde vor der Wende kein Thema gewesen, erinnert sich Goldschmidt. Erst mit dem DDR-Fernsehfilm "Sachsens Glanz und Preußens Gloria", in dem Brühl ein Teil gewidmet war, habe man sich mit dessen Persönlichkeit ernstlich befasst. Publikationen, die ein neues Brühl-Bild zeichnen, sind aber weiterhin rar. Klußmann: "An Brühl scheiden sich bis heute die Geister."

Einen Meilenstein setzte 2012 die Verbundausstellung "Friedrich der Große und Graf Brühl", von der ein Teil derzeit noch in der Forster Stadtkirche zu sehen ist. Dabei konnte vor allem das Verhältnis Brühls zu seinem preußischen Widersacher aufgearbeitet werden.

Einen radikalen Wechsel vom Saulus zum Paulus erlebt Brühl deshalb aber noch lange nicht. "Man sollte vermeiden, Brühl nur auf der persönlichen Ebene moralisch zu verdammen oder zu glorifizieren. Dann läuft man Gefahr, einfach den Propaganda-Krieg des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart hinein zu verlängern. Vielmehr muss man sein Handeln auch in der Logik der Zeit sehen und verstehen, etwa im Hinblick auf die Repräsentationszwänge, mit denen im frühneuzeitlichen Fürstenstaat eine Karriere verbunden war", gibt Klußmann zu bedenken.

Viel Arbeit bleibe, wenn man die Archive auf den Spuren Brühls neu durcharbeiten wolle, waren sich Goldschmidt und Klußmann bei einer RUNDSCHAU-Gesprächsrunde zum gräflichen Jubiläum einig. Hier liege einige Arbeit für künftige Historiker bereit. Der Bedarf scheint jedenfalls vorhanden. Geschichte, vor allem der Region, ist gefragt. "Das hängt mit dem Interesse an der vorbrandenburgischen Ära der Lausitz - als klassisches Grenz- und Durchgangsland mit wechselnden Landesherren - zusammen", schätzt Klußmann ein.

Wie müsste also ein neues, modernes Geschichtsbild Brühls aussehen? "Brühl bleibt eine widersprüchliche Persönlichkeit - er förderte Kunst, Kultur und Gewerbe, war ein geschickter Diplomat, hatte eine glückliche Hand in der Auswahl seiner Mitarbeiter und hierbei anscheinend auch wenig Standesdünkel - was sich gerade für die Standesherrschaft Forst-Pförten bemerkbar machte - aber er dürfte, soweit wir bislang wissen, und das lässt sich für Forst direkt nachweisen, auch in die eigene Tasche gewirtschaftet haben", so Klußmann.

Der Regioprintverlag RPV widmet Brühl in diesem Jahr eine eigene Briefmarke.
Der Regioprintverlag RPV widmet Brühl in diesem Jahr eine eigene Briefmarke. FOTO: LR
Die Brühl-Friedrich-Ausstellung im Parkverbund hat im vergangenen Jahr neue Signale gesetzt.
Die Brühl-Friedrich-Ausstellung im Parkverbund hat im vergangenen Jahr neue Signale gesetzt. FOTO: mih
Die Geschichte aus der Zeit des Grafen Brühl stößt auf Interesse, wie hier im Umzug zum Preschener Jubiläum 2012.
Die Geschichte aus der Zeit des Grafen Brühl stößt auf Interesse, wie hier im Umzug zum Preschener Jubiläum 2012. FOTO: mat