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| 02:49 Uhr

Die Schande, das Gedenken und das Reich Gottes

Warum darf man schlimme Dinge nicht vergessen? Warum soll man seine eigenen Fehler nicht verdrängen? Warum muss an böse Taten, an Krieg und Vertreibung, an Mord und Totschlag erinnert werden? Weil das alles Wunden sind, Wunden in der Seele und Wunden in einem ganzen Volk. In Wunden darf man nicht herumrühren, aber sie auch nicht ignorieren.

Sondern Wunden müssen gut versorgt werden, damit sie heilen. Doch trotzdem bleiben Narben. Wunden und Narben gehören zum Leben.

Freilich wünschen wir uns, es gäbe keine schlimmen Taten und keine Wunden. Viele halten sich für fehlerlos und zu Unrecht verfolgt und gedemütigt. Viele wollen das Rad der Geschichte zurückdrehen und leugnen die schlimme Seite der Stasi oder wollen das 3. Reich des ‚Nationalsozialismus‘ zurück oder sangen gar: ‚Wir woll‘n den alten Kaiser Wilhelm wieder hab‘n'. Sicher gab es zu allen Zeiten auch Schönes, an das wir dankbar denken. Doch zur Realität gehören die schlimmen Taten, gehören Schuld und Schande. Und das gilt mehr oder weniger für alle Menschen und alle Völker - auch für uns Deutsche! Zum Beispiel war mein Großvater überzeugt, dass Kirche und Staat eine Einheit seien und der Führer so das deutsche Volk zur Vollendung führt. Mir ist das peinlich, aber ich bin nicht dafür verantwortlich. Keiner ist für die Gedanken und Taten seiner Vorfahren verantwortlich! Aber damit ist diese Schande nicht weg und wir müssen uns an diese Fehler erinnern, damit wir sie nicht nochmal machen. Aus der Geschichte kann man nämlich lernen!

Der kürzlich verstorbene Bundespräsident a.D. Roman Herzog hat dafür den Tag der Befreiung des KZ Auschwitz 1945, den 27. Januar zum nationalen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus ausgerufen und die UNO hat das international übernommen.

Gestern war dieser Tag! Es war ein Tag der Wundversorgung. Und wer diesen Tag mit Ernst begangen hat, kann heute an einem neuen Europa bauen, in dem die verschiedenen Völker sich nicht gegenseitig verteufeln und ausgrenzen, sondern in dem sie ein Stück Reich Gottes bauen als Teil der weltumspannenden Liebe Gottes zu allen Menschen.

*Pfarrer in Ruhe, Nieder Seifersdorf