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| 18:15 Uhr

Heimatgeschichte
Die Keramik-Verrückten

 Holger Klein und Helga Heinze zeigen schon mal für die RUNDSCHAU Schätze, die auch in der Ausstellung im Neuen Schloss zu sehen sein werden.
Holger Klein und Helga Heinze zeigen schon mal für die RUNDSCHAU Schätze, die auch in der Ausstellung im Neuen Schloss zu sehen sein werden. FOTO: Regina Weiß
Bad Muskau . Muskau war einst bekannt für sein Steinzeug. In diesem Jahr wird dieses in die Öffentlichkeit gerückt. Diesbezüglich hält man sich an eine alte Weisheit: Aller guten Dinge sind drei. Von Regina Weiß

Scherben bringen bekanntlich Glück. Aber sie machen auch jede Menge Arbeit und nehmen am Ende jede Menge Platz weg, sodass aus Glück sogar ein bisschen Ärger werden kann . . .

Holger Klein (51) und seine Familie konnten davon in den letzten Monaten ein Lied singen. Der selbstständige Unternehmer hat seit Jahrzehnten ein Faible für Heimatgeschichte, wobei es ihm die Muskauer Keramik besonders angetan hat. In Helga Heinze (64) aus Krauschwitz hat er seit Längerem schon eine Gleichgesinnte gefunden. Beide sind in der Geschichtsforschung aktiv. Helga Heinze ist beim Handwerk- und Gewerbemuseum Sagar nicht wegzudenken. Holger Klein ist aktives Mitglied im Freundeskreis Historica Bad Muskau.

Geht es um Muskauer Steinzeug, dann schauen die beiden nicht auf die Uhr oder die Entfernungen, die sie für ihre Passion zurücklegen müssen, sondern versuchen, immer wieder Neues auszugraben. Das sogar im wahrsten Sinne des Wortes.

Auf einem Grundstück in der Kirchstraße in Bad Muskau haben sie Tausende Scherben zutage gefördert. Diese Untersuchungen waren mit dem Landesamt für Archäologie in Sachsen abgestimmt. Die zahlreichen Keramik-Fragmente wurden nicht nur zusammengetragen, sondern auch geputzt und dann mit dem richtigen Gespür und Fingerspitzengefühl zusammengesetzt. „200 Gefäße kamen so zusammen“, erzählt Holger Klein. Klar, dass die irgendwo aufbewahrt werden müssen. Da kann schon mal das Baumhaus der Kinder zum „Keramikhotel“ werden. Mit anderen Worten, die Familie muss nicht nur die Platzfrage tolerieren, sondern auch so manche Stunde auf Ehemann/Vater verzichten, wenn es um neue Erkenntnisse zum Muskauer Steinzeugwerk geht. Verzierte Krüge, Tüllenkannen und Dosen aus salzglasiertem Steinzeug, Teller und die Reste einer Fanfare fanden sich in den Scherben. Ein beredtes Beispiel, wie vielfältig die Waren waren, die in Muskau hergestellt wurden.

1596 wurde die Töpfer-Innung in Muskau gegründet. 22 Stellen für Töpfereien gab es einst in der Neißestadt. Sie waren alle im Bereich der Schmelze und damit vor dem Stadttor untergebracht. Die Taktik dieser Anordnung, von den Feuern sollte keine Gefahr für die Stadt ausgehen. „Es hat Brände in der Stadt gegeben, die sind aber nie von den Töpfereien ausgegangen“, erklärt Holger Klein.

Die Werkstätten lebten vom Geschick des Meisters und aller Mitwirkenden. Diese menschlichen Schicksale in den Mittelpunkt zu stellen, ist Anliegen von Helga Heinze. Grundlage für ihre Suche ist zum einen das Meisterbuch, das von 1719 bis 1835 geführt wurde, zum anderen das Tauf- und Sterberegister der Evangelischen Kirchgemeinde Bad Muskau. Dort ist Helga Heinze mehrfach fündig geworden.

Holger Klein trägt zusammen, wie aus Handwerk Industrie wurde. Dabei endet er nicht an den Grenzen der Parkstadt, sondern blickt nach Krauschwitz oder ins heutige Polen.

Die vielfältigen Erkenntnisse der beiden Ehrenamtler münden nun nicht nur nur in einem umfangreichen Buch, sondern auch in einer Sonderausstellung im Neuen Schloss. Hinzu kommt, dass der Arbeitskreis Keramikforschung in diesem Jahr sein internationales Symposium in Bad Muskau durchführen wird. Auch das hat das Duo Klein/Heinze eingerührt. „Wir haben uns das sozusagen selbst eingebrockt“, kommentiert es Helga Heinze ganz trocken.

Nach mehrfachen Glasausstellungen im Neuen Schloss ist es nun an der Zeit, die Muskauer Keramik an so prädestinierter Stelle in der Öffentlichkeit zu würdigen. Schließlich ist es nicht nur die 400-jährige Geschichte, die dafür spricht, sondern auch der Name, den Muskauer Keramik lange hatte und der heute bei Sammlern durchaus Begehrlichkeiten weckt. Aus dem bedeutenden Töpferzentrum, was Muskau im 17. und 18. Jahrhundert war, wurde nicht nur die unmittelbare Region, sondern ganz Mitteldeutschland mit den Waren versorgt. Deshalb ist es nicht verwunderlich, von wo Keramik für die Ausstellung „Muskauer Steinzeug - vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart“ zurückkehrt. „Wir haben ganz viele Leihgaben, die aus Prag, Wien, Leipzig oder Dresden kommen“, freut sich Regina Barufke.

Die Mitarbeiterin der Stiftung Fürst-Pückler-Park und Vorsitzende des Freundeskreises Historica ist gleich in zweifacher Hinsicht mit dem Keramik-Dreierlei verbandelt. Sie bereitet die Ausstellung mit vor und ist für das Buch auf Unterstützungstour gegangen. Der Verein Historica hat es sich schon lange zur Aufgabe gemacht, Bücher herauszubringen, die sich mit den verschiedensten Geschichtsthemen befasst haben. Deshalb wird „Muskauer Steinzeug, Handwerk und Industrie“ durch den Verein herausgegeben. Doch das 600 Seiten schwere Buch, das pünktlich zur Ausstellungseröffnung Mitte August erscheinen soll, wiegt auch in den Herstellungskosten schwer. Der Verein selber beteiligt sich an den Kosten mit 5000 Euro. Weitere 5000 Euro steuert die Stadt Bad Muskau bei, so hat es der Stadtrat beschlossen. Unterstützung kommt ferner von den Ver- und Entsorgungswerken der Parkstadt, der Sparkassenstiftung und dem Park-Förderverein. So kann das Buch in Görlitz in Druck gehen.

Regina Barufke ist sich sicher: „Wir tragen mit dem Buch sozusagen Muskauer Geschichte in die Welt hinaus.“ Außerdem soll die viele ehrenamtliche Arbeit von Helga Heinze und Holger Klein nicht umsonst gewesen sein. Schließlich ist es auch schon über 40 Jahre her, dass zuletzt in einem Buch von Muskauer Keramik die Rede war. „Damals waren es aber nur einige Artikel. Nun ist es ein ganzes Buch“, lobt Regina Barufke.

 Holger Klein und Helga Heinze zeigen schon mal für die RUNDSCHAU Schätze, die auch in der Ausstellung im Neuen Schloss zu sehen sein werden.
Holger Klein und Helga Heinze zeigen schon mal für die RUNDSCHAU Schätze, die auch in der Ausstellung im Neuen Schloss zu sehen sein werden. FOTO: Regina Weiß