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| 14:25 Uhr

Wort zum Sonntag
Die große Gereiztheit

Niesky. Gereiztheit ist ein Thema, dass seit geraumer Zeit häufiger im Miteinander zu erleben ist. Doch es geht auch anders.

Manchmal treffen Buchtitel genau eine gesellschaftliche Stimmungslage. So ging es mir mit dem in dieser Woche erschienenen Essay des Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen. Der Titel lautet: „Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung.“ Befinden wir uns tatsächlich in einer kollektiven Erregung? Wenn ich in meinen Alltag hineinschaue, kann ich das eigentlich nicht bestätigen. Ich treffe in meinem Umfeld auf viele freundliche Menschen, die ihre Arbeit tun und ihr Leben bewältigen. Hin und wieder gibt es einen Aufreger. Aber wo gibt es das nicht, wenn Menschen sich begegnen? Doch dann passiert es, plötzlich soll man Stellung nehmen. Die Stimmung ist gereizt. Ganz unversehens ist man mit einem Konflikt konfrontiert und sieht sich von lauter erregten Menschen umgeben. Besonders wenn man sich den Medien zuwendet stößt man auf die „große Gereiztheit“. Wenn dann bestimmte Reizthemen aufgerufen werden, spürt man etwas von einer kollektiven Erregung. Hoffentlich wissen alle Beteiligten, dass es einen bestimmten Grad kollektiver Erregung gibt, der sich nur noch in furchtbaren Exzessen unkontrollierter Gewalt entladen kann. Die Dinge nehmen dann ihren Lauf, und niemand kann ihnen mehr Einhalt gebieten. Aber immer gibt es in den großen und kleinen Konflikten des Lebens eine Zeit, wo man sich noch mäßigen kann und gemeinsam die vielleicht zweitbeste Lösung akzeptiert. Für ein besonnenes Miteinander tragen wir alle gemeinsam Verantwortung. Solange uns dafür Zeit bleibt, können wir uns mäßigen, uns um einen respektvollen Umgang bemühen und versuchen, nicht mit gleicher Münze heimzuzahlen. Mir hilft dabei immer wieder das Gebet gerade für den, bei dem ich schnell ungeduldig und wütend werde. Außerdem finde ich den Rat des Jakobus unübertroffen: Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn. Denn des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist. Übrigens ist das auch ein guter Maßstab für Wahlentscheidungen.

Superintendent Dr. Thomas Koppehl, Niesky