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Die erste Amtsstube im Blockhaus

weißwasser.. Mit der Entwicklung der Glasindustrie im Ort war eine ebenso rasche Herausbildung der Infrastruktur verbunden. Konnten die dörflichen Angelegenheiten im Gemeindehaus am Dorfteich und zuvor im heutigen Gasthaus „Zur Friedenseiche“ behandelt werden, reichte das in der heranwachsenden Industriegemeinde nicht mehr aus. Die Entstehung der bürgerlichen Stadt um den Bahnhof, der stetig wachsende Einwandererstrom, die Herausbildung von Handel und Gewerbe machten eine umfassendere Kommunalverwaltung notwendig. Von lutz stucka

Im Jahr 1904 zum Beispiel lag die Gemeinde Weißwasser mit ihrem Steueraufkommen gegenüber den umliegenden Städten weit an der Spitze. Wenn Weißwasser mit 33 000 Mark Steueraufkommen belastet war, zahlten die Städte Rothenburg 3000, Muskau 13 000 und die Landgemeinde Niesky 14 000 Mark. Die Entstehung des neuen wirtschaftlichen Zentrums forderte auch den politischen Mittelpunkt an seine Seite. Wenn das ökonomische Wachsen ungehindert voran treiben sollte, mussten politische Aufgaben rasch erfüllt werden können. Die Forderung zur Errichtung eines eigenen Amtsgerichtes stellten die Unternehmer Weißwassers bereits Anfang der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts. Darauf hin begab sich Gemeindevorsteher und Ziegeleiunternehmer Hermann Kiesewetter im Jahr 1895 zum zuständigen Minister der preußischen Regierung nach Berlin, um bei der Errichtung eines dafür entsprechenden Gebäudes Unterstützung zu erhalten. Er erhielt auch die Zusage: „. . . den Bau in wohlwollende Erwägung zu ziehen. . .“ , aber erst nach mehrfachem Nachhaken des späteren Gemeindevorstehers Otto Rummert konnte der Plan Wirklichkeit werden. Bis dahin allerdings sollten die Gemeindeangelegenheiten nicht mehr im kleinen Blockhaus am Dorfteich behandelt werden. Eine Zwischenlösung war nötig, zumal im Jahre 1903 der Ort Hermannsdorf nach Weißwasser eingemeindet wurde und sich der Verwaltungsaufwand erhöhte.
Am 16. Mai 1899 erhielt die Glasfabrik Hirsch, Janke & Co. Weißwasser die Genehmigung der Bauaufsichtsbehörde zur Errichtung eines Beamten-Wohnhauses an der Karlstraße, heute Fr.-Bodelschwingh-Straße. Bald interessierte sich der Gemeinderat für das im Entstehen begriffene Bauwerk, was das gegenüber befindliche erste Bauunternehmen Weißwassers von Moritz Windschild, heute Sparkasse, realisierte. Ein repräsentativeres Gebäude war im neuen Ortsteil noch nicht vorhanden, und so entschied man sich, die untere Etage zu mieten. Bald war der Umzug aus dem sorbischen Blockhaus im Alten Dorf in den ansprechenden Backsteinbau im Zentrum Neu-Weißwassers vollzogen. Das alte „erste Rathaus“ wurde als Armenhaus genutzt und 1908 abgerissen. Aber auch das war nur eine vorübergehende Lösung.
Am 1. April 1901 wurde Weißwasser kommissarisch zum Sitz eines eigenen Amtsbezirkes ernannt. Größerer Verwaltungsaufwand war nötig. Im Windschildschen Haus konnte die zweite Etage hinzu gemietet werden und die Amtsräume des Gemeindevorstehers in das auf der anderen Straßenseite befindliche Wohngeschäftshaus von Theodor Weise untergebracht werden. Hier hatte der Kaufmann Nedwig eine Wohnung gemietet und signalisierte die Bereitschaft, auszuziehen. Damit das alles etwas zügiger vonstatten ging, wurde Hugo Nedwig mit 25 Mark entschädigt. Die Umstrukturierung ging dennoch nicht so schnell vonstatten, erst 1908 war sie abgeschlossen. Trennwände in den Amtsstuben wurden entfernt, und die Zahl der Räume erhöhte sich auf acht, worunter sich auch das „Polizeibureau“ " in der zweiten Etage befand. Dieses wurde damals weit weniger frequentiert als heute.
Eine Unterstützung für den Bau eines separaten Amtsgerichtsgebäudes erhielt die Gemeinde vom Land nicht, sie musste ihn selbst finanzieren. So war auch ein geeignetes Grundstück auszuwählen. Als Bauplatz war der Ostrand des Marktplatzes vorgesehen, also gegenüber dem 1897/98 errichteten größten und exklusivsten Haus seiner Art, was Weißwasser je hatte, dem Hotel „Hohenzollernhof“ . Hier sollte das Zentrum des neuen Weißwasser entstehen. Am 6. August 1905 allerdings brannte Ernst Fuldes Hotel „Hohenzollernhof“ bis auf die Grundmauern ab und konnte finanziell nicht mehr ersetzt werden. Fulde signalisierte sogar den Verkauf des gesamten Areals.
Am 1. März 1906 erfolgte eine Bauplatzbesichtigung durch den wieder Mut schöpfenden Gemeinderat, denn die Zusage für den Bau des Amtsgerichtsgebäudes war noch nicht gänzlich erteilt worden. Nach längeren Verhandlungen entschied die Gemeindespitze am 10. Oktober 1908, das ehemalige Hotelgrundstück zu kaufen. Der Kommune wurde dieser Schritt durch ansehnliche Spenden der Fabrikbesitzer Joseph Schweig und Carl Janke erleichtert. Die Bauplanung des Verwaltungsgebäudes mit Gefängnis begann. Veranschlagte Bausumme: 157300 RM. Nach Vorlage des Entwurfs bei der Landesregierung erhielt Weißwasser am 21. Mai 1909 endlich vom preußischen Kabinett die Genehmigung zur Errichtung eines Amtsgerichtsgebäudes und zur Bildung eines eigenen Amtsgerichtsbezirkes. Dieser neu geschaffene Bezirk, der bisher zu Muskau gehörte, umfasste folgende Ortschaften: Weißwasser, Altliebel, Boxberg, Halbendorf, Mühlrose, Mulkwitz, Neuhammer, Nochten, Niederprauske, Publick, Reichwalde, Rietschen, Rohne, Schadendorf, Schleife, Sprey, Teicha, Tränke, Tzschelln, Viereichen, Wunscha, Werda und den Wohnplatz Jagdschloss-Weißwasser.
Die Grundsteinlegung erfolgte am 10. Mai 1910. Den Bau leitete Regierungsbaumeister Leo Mühl, der zahlreiche einheimische Firmen mit einbezog. Nach 16 Monaten Bauzeit fand die Einweihung im Schöffensaal statt. Bereits am 1. Oktober 1911 begann die Arbeit des königlichen Amtsgerichtes Weißwasser, bestehend aus 13 Personen unter Leitung der Amtsrichter Dr. John und Gerntholz sowie Amtsanwalt Dr. Polzin und Forstamtsanwalt Oberförster Wagner.
Mit der Schaffung dieser Einrichtung war die Forderung nach einem eigenen Gemeindeverwaltungsgebäude jedoch nicht erfüllt. Bereits im Jahr 1902 wurde mit einem steuerlichen Zuschlag zur Deckung kommunaler Bedürfnisse auf jeden Einwohner begonnen. Damit konnte eine beachtliche finanzielle Selbstbeteiligung für den nun gewünschten Rathausbau geschaffen werden.
Am 29. August 1910 beschloss die Gemeindevertretung, einen Wettbewerb zur Ausarbeitung eines entsprechenden Bauprojektes auszuschreiben. Eingegangen waren danach 71 Entwürfe, die am 11. März 1911 in der Aula der Gemeindeschule III (hier fanden in letzter Zeit die Gemeindevertretersitzungen statt) geprüft wurden. Am 25. April 1911 wählte das Kuratorium das Projekt „Stadthaus“ von Architekt Franz Ernecke, Berlin, aus. Gleichzeitig wurde auch entschieden, ein Feuerwehrdepot diesem Gebäude anzugliedern. Das Baukapital von 200 000 Reichsmark stand zur Verfügung. Die Bauleitung erhielt wiederum Baumeister Leo Mühl, und die Grundsteinlegung erfolgte am selben Tag der Einweihung des benachbarten Amtsgerichtsgebäudes. Beide Bauten sollten lückenlos nebeneinander stehen. Auch hier wurden bei der Bauausführung größtenteils nur einheimische Firmen und Lieferanten berücksichtigt. Zur Finanzierung des Rathauses und anderer öffentlicher Gebäude brauchte Weißwasser nun keine Staatsbeihilfen erbitten, denn das Einkommensteuersoll der Bewohner stieg von 6000 im Jahre 1895 auf etwas über 100 000 Mark im Jahr 1911. Ermöglicht wurde dies durch die Glasausfuhr im Wert von 20 Millionen Mark im Jahr 1911, was einzig in der Welt zur damaligen Zeit war. Am 25. April 1913 erfolgte die Einweihung des neuen Rathauses, welches sich in Verbindung mit dem Amtsgerichtsgebäude im Neo-Renaissance-Baustil präsentierte. An der Nordseite war der Eingang zur Polizeiwache. An der Rückseite befand sich das Feuerwehrgerätedepot. Hinter vier mächtigen Flügeltüren, heute gibt es da Fenster, standen Lösch- und Leiterwagen sowie die dazugehörigen Zugtiere für die Feuerbekämpfung. Später kam hier die Allgemeine Ortskrankenkasse unter. Auch waren die Reichs banknebenstelle, das Fundbüro, die Sanitätskolonne, die Gemeindesparkasse, die Schwesternstation und anderes im Haus untergekommen.

Das Stadtwappen
Die Gestaltung des Wappens des Ortes Weißwasser wurde am 28. Februar 1914 durch den Gemeindevorstand für ein Honorar von 20 Mark ausgeschrieben. Am 12. Mai 1915 fanden die vorgelegten Entwürfe keine Zustimmung. Die Ratsherren wollten Professionelleres und wandten sich an die Zeitschrift „Der Herold“ und gaben einen neuen Entwurf in Auftrag. Nach einiger Zeit wurden Zeichnungen vorgelegt, aber erst die dritte Konzeption fand Zustimmung. Diese Darstellung zeigt auf dem Grund der Farben der Oberlausitz - gelb und blau - den Bergbau, durch Hammer und Schlegel, und die Glasindustrie, durch zwei Glasrömer symbolisiert. Die Wellenlinien im unteren Wappenteil weisen auf die vielen ehemaligen Heideteiche hin, die einst Weißwasser seinen Namen gaben. Am 31. Januar 1927 genehmigte das preußische Staatsministerium der Gemeinde Weißwasser die Führung dieses Wappens.
Neben der offiziellen heraldischen Wappenbeschreibung gibt es noch eine weitere, eine volkstümliche Interpretation. Demnach sollten die sieben Wellenlinien im unteren Teil des Wappens auf die sieben großen ehemaligen Heideseen der Gemarkung Weißwasser verweisen. So zeigt eine Karte aus dem Jahr 1843 hier tatsächlich sieben größere Wasserflächen. Es waren der Qualisch, der Weiße und Schwarze Jasor (einst zusammengehörend), der Große und Kleine Kolowatschik (ebenfalls einstmals zusammengehörend) und der Rybnik-Teich, aber auch der Nowy gat (Neuteich), der Graschina- und der Jury-Teich gehörten dazu. Die anderen bekannten Heideseen befanden sich außerhalb bzw. an der Ortsgrenze und gehörten nicht dazu. Das waren der Glimmisch-, der Rasonik-, der Große und Kleine Wogonate-Teich und weitere. Aber auch die 18 Glasbuckel an den Stielen der beiden Römer des Wappens bas ieren auf einem inoffiziellen historischen Hintergrund. Sie sollten die glasherstellenden und -verarbeitenden Betriebe in der Stadt Weißwasser kennzeichnen. In den zwanziger Jahren, Weißwasser war zu dieser Zeit als größter glasproduzierender Ort der Welt bezeichnet, existierten hier elf glasherstellende Fabriken: es waren das Glashüttenwerk Gelsdorf, das Glashüttenwerk Hirsch, Janke, das Glashüttenwerk Weißwasser AG (Aktienhütte), das Glashüttenwerk „Germania“ , das Hohlglaswerk Dr. Martin Schweig, die Glasfabrik „Bärenhütte“ , die Glasfabrik „Luisenhütte“ , das Glashüttenwerk „Union“ , das Glaswerk Grimm & Co., die Osram Glashütte und das Werk „Neuglas“ .
Die anderen sieben Buckel standen für die bedeutendsten glasverarbeitenden Betriebe im Ort, wie die Glasraffinerie und Schleiferei August Mostetzky, die Glasraffinerie Alfred Mudra & Co., die Kristallglasschleiferei und Glasmanufaktur Eichler & Alke, das Kristallglaswerk Bresagk & Zeuner, die Schlesische Glasmanufaktur Lustig & Co., die Glasschleiferei und Glasraffinerie Wolf, Hirnich & Co. sowie die Glasraffinerie und Schleiferei August Tschäpel & Co. Diese Produktionsstätten waren für die hohe Achtung Weißwasserschen Glases in der Welt verantwortlich.